Klosterjubiläum

75 Jahre jung

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Zu sehen ist eine Schwarz-Weiß-Fotografie eines Gebäudes.
Nachweis

Foto: Kloster Nütschau

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Das Herrenhaus vor der ersten Renovierung, bei der die Freitreppe in der Mitte (hier hinter dem Kleinbus) entfernt wurde. 

Die Benediktinermönche in Nütschau feiern am 9. Mai ein Jubiläum, das für Traditionsklöster kaum nennenswert wäre. Das bedeutet nicht, dass es keine spannenden Geschichten gäbe – zum Gutshaus und zum Kloster.

Schon früh waren Familien gern gesehene Gäste im Kloster. Auch heute werden regelmäßig Familienferien angeboten. Foto: Kloster Nütschau

Die Mönche zogen 1951 in das Herrenhaus mit den drei markanten Giebeln, dessen Geschichte natürlich viel weiter zurückreicht. Das ehemals viel größere Gut war mal ein Rittersitz, dessen zahlreiche Besitzer sich bis ins 13. Jahrhundert zurückverfolgen lassen. Und es gibt auch mysteriöse Überlieferungen etwa von der Frau des Raubritters Henning de Nutzekowe, der von der damaligen Burg aus seine Raubzüge plante. Sie soll ihrem Mann Vorhaltungen wegen seines liederlichen Tuns gemacht haben, weshalb er sich ihrer in einem Hohlraum am Schornstein entledigte. Später soll eine unverweste Leiche gefunden worden sein.

Ora et labora, bete und arbeite: Diesem Bruder fällt die Arbeit offenbar leicht, trotz des Jochs, das er zu tragen hat. Foto: Kloster Nütschau

Andere Quellen berichten von einem eingemauerten Burgfräulein in dem 1577–79 errichteten Gutshaus, wie es heute noch steht. Wie eine auf diese Weise Todgeweihte Schaden vom Haus hätte abwenden können, bleibt allerdings ein Rätsel. Ein Gerippe wurde angeblich gefunden. Entscheidend ist, dass sich mit solchen grausamen Überlieferungen Berichte von einigen Geistererscheinungen erklären lassen. Die sich teilweise ähnelnden oder auch stark voneinander abweichenden Geschichten füllen ein ganzes Kapitel in der ansonsten in der gebotenen Nüchternheit gehaltenen Chronik „Gut Nütschau – Vom Rittersitz zum Benediktinerkloster“, von Hans-Werner Rickert, das von Marianne Dräger herausgegeben wurde (Wachholtz Verlag 2017).

Die Rolle von Bischof Berning

Die Lübecker Unternehmerfamilie Dräger ebenso wie die von Moltkes gehören in die lange Liste der vielen wechselnden Besitzer des Gutes. Die unmittelbaren Vorbesitzer waren jedoch ab 1932 der jüdische Kaufmann Leo Schuster und sein Sohn John. Sie wurden von den Nationalsozialisten verfolgt, mussten unter Wert verkaufen und letztlich Hals über Kopf nach Uruguay fliehen. John Schuster, dessen Vater inzwischen gestorben war, beantragte 1950 die Rückerstattung. Das Herrenhaus war in der Zwischenzeit als Jugendhaus genutzt worden und ziemlich heruntergekommen. Schuster, der in Uruguay heimisch geworden war, suchte einen Käufer für das Gutshaus und die gut 80 Hektar Land und Wald. Er wandte sich an die Stadt Lübeck und – über den Lübecker Herz-Jesu Pfarrer Albert Bültel – an den Osnabrücker Bischof Wilhelm Berning.

Sorge um katholische Flüchtlinge

Bruder Elija Pott kümmert sich um die Moorschnucken, die – wie auch Hund Fiete – zu den tierischen Bewohnern des Klosters gehören und die Rasenflächen pflegen.Foto: Kloster Nütschau

Und damit beginnt die Geschichte der Benediktiner an der Trave: Bischof Berning habe sich „um die vielen katholischen Flüchtlinge in Schleswig-Holstein“ gesorgt, schreibt der ehemalige Prior Bruder Gaudentius Sauermann im Kapitel über das Kloster. Einen „Ort der Sammlung und Besinnung“ für die „entwurzelten Menschen“ habe der Bischof gesucht. Dank einer größeren Stiftung zu seinem Goldenen Priesterjubiläum hatte er das nötige Kleingeld und wandte sich an Abt Pius Buddenborg. Einflussreiche Fürsprecher überwanden dessen anfängliche Skepsis. Der Abt war zurückhaltend, weil die Mönche von Gerleve selbst von den Nazis vertrieben worden waren und sich in einer Phase der Sammlung befanden.

Abt Pius Buddenborg bei der Segnung der Klosterräume am 6. Mai 1951. Rechts neben ihm steht Bruder Michael Bürgers. Foto: Kloster Nütschau

Am Tag des heiligen Ansgar, dem 3. Fe-bruar, kam der Kaufvertrag 1951 zustande, weshalb das Kloster „Haus St. Ansgar“ genannt wurde. Drei Mönche, wenig später ein vierter, wurden entsandt, dazu drei Missionsschwestern vom heiligen Namen Mariens des Klosters Nette, das Erzbischof Berning selbst gegründet hatte. Pater Michael Bürgers soll als erste Handlung in Nütschau die Turmuhr wieder in Gang gesetzt haben. Wie der amtierende Prior Bruder Johannes Tebbe berichtet, gab es damals nur einen uralten Schrank im Herrenhaus. Der wurde später überarbeitet und steht noch heute im Refektorium, dem Speisesaal des Klosters. Abt Pius gab als Richtung die Regel des heiligen Benedikt vor: „Per ducatum Evangelii“ – Unter Führung des Evangeliums – so lautet auch das Leitwort des Jubiläums.

„Höre und gehe – 17 Wege, die innen beginnen“ von Heinrich Detering und Malte Herwig, Vier Türme-Verlag 2026, 164 Seiten, 34,90 Euro.

Der anfänglichen Skepsis der örtlichen Bevölkerung traten die Mönche mit Fleiß in der Landwirtschaft und Nahbarkeit entgegen. Die Landwirtschaft – der Kuhstall soll damals einer der modernsten im Land gewesen sein – wurde Anfang der 1970er Jahre aufgegeben, das Ackerland 1971 verpachtet – „eine Zäsur und ein Neuanfang“ für die Gemeinschaft, wie Bruder Gaudentius schreibt. Zu dem Zeitpunkt war die Gemeinschaft längst zu einem von Gerleve abhängigen Priorat (ab 1960) erhoben worden. In den 1970er Jahren wurde daraus eine „Stätte der Besinnung, Bildung und Begegnung“ entwickelt. Auch baulich standen viele Veränderungen an, unter anderem mit dem Bau der Kirche St. Ansgar, nach Entwürfen von Eduard Frieling und mit der künstlerischen Gestaltung durch Siegfried Assmann aus Großhansdorf. Die Kirche wurde 1975 geweiht. Abt Clemens Schmeing setzte dann im Oktober des Jahres das Errichtungsdekret des selbständigen Klosters in Kraft. Zehn Mönche, die zuvor von Gerleve entsandt worden waren, übertrugen ihr Gelübde auf das neue Kloster, in dem derzeit 17 Mönche leben.

Das denkmalgeschützte Herrenhaus wurde dann in den Jahren von 2001 bis 2006 grundlegend saniert. 2025 wurde das neue Jugendhaus St. Benedikt eingeweiht. Das Kloster Nütschau, aus dem geistlichen Leben des Erzbistums ist es kaum wegzudenken.

Marco Heinen

Das Festprogramm in Nütschau

Das Kloster Nütschau feiert Geburtstag und will das mit Freunden und Gästen am Samstag, 9. Mai feiern. Los geht es mit einem Dank-Gottesdienst um 10 Uhr in einem Festzelt. Dazu werden Erzbischof Stefan Heße und der Abtpräses Franziskus Berzdorf OSB erwartet. Regionalkantor Werner Parecker aus Kiel sorgt für den musikalischen Rahmen. Im Anschluss gibt es einen Empfang im Haus St. Ansgar. Der Freundeskreis des Klosters und die Oblatengemeinschaft stellen sich vor, es gibt Fotos und Filme zu sehen.

Die Mönche erzählen von sich

Präsentiert wird auch das Buch „Höre und gehe – 17 Wege, die innen beginnen“ (im Kosterladen oder per QR-Code erhältlich). Es ist eine Koproduktion des Journalisten und Autors Malte Herwig und des Literaturwissenschaftlers, Oblaten und Ständigen Diakons Heinrich Detering. Die Fotografien stammen von Klemens Ortmeyer. „Berufungsgeschichte als geistliches Porträt“, so lautet der Untertitel. Grundlage der Texte waren sehr persönliche Interviews mit den Mönchen, die über Schuld und Streit ebenso wie über Freude und Glauben sprechen und kleine Geheimnisse preisgeben. „Wir sind eben keine Engel, sondern echte Menschen“, wie Bruder Lukas Boving sagt. Vorliegen soll ferner ein von Christiane Drechsler verfasstes Buch über das 50-jährige Bestehen des Bildungshauses St. Ansgar. Die Gäste sind dann zum Mittagessen und Kaffee eingeladen, bevor es um 14.30 Uhr ein Podiumsgespräch gibt. Um 17 Uhr ist es dann Zeit für die Vesper in der Klosterkirche.

Gäste des Podiumsgesprächs sind die zwei Buchautoren sowie Gregor Buss von der Katholischen Hochschule in Paderborn, der dem Kloster seit Kindheitstagen verbunden ist. Außerdem ist die Osnabrücker Benediktinerin Schwester Josefine Schwitalla zu Gast, bekannt als „TikTok-Nonne“, und Wolfgang Beck, der als Rektor der Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt Pastoraltheologie lehrt und Sprecher beim „Wort zum Sonntag“ ist. Er fühlt sich dem Kloster seit drei Jahrzehnten verbunden und schätzt es „wegen des unaufgeregten und unkomplizierten persönlichen Umgangs vor Ort“, wie er der Redaktion sagte. „Das Kloster Nütschau ist mir bei meiner persönlichen Suche sehr ans Herz gewachsen. Hier finde ich eine Liturgie, in der nicht primär nach Korrektheit gefragt wird, sondern auch nach Lebensdienlichkeit für alle Mitfeiernden.“