Grund zu „brennender Sorge?“

Image
Rudolf Hubert ist Referent für Caritaspastoral
Nachweis

Foto: AchimRizvani/Caritas

Caption

Rudolf Hubert ist sich sicher: Kirche hat noch die Kraft zu überzeugen.

Die Kirchen in Mecklenburg-Vorpommern predigen Toleranz, Solidarität mit Flüchtlingen und Dialog. Derweil erlebt das Land einen Rechtsruck. Wie soll man darauf reagieren? Fragen an Rudolf Hubert vom Interreligiösen Dialog Schwerin.

Wer die Interkulturelle Wochen in Schwerin besucht, erlebt ein Fest der Toleranz und Verständigung. Aber vor zwei Wochen hat eine NDR-Umfrage ein anderes Bild gezeigt: Die AfD hat alle Parteien überholt. 32 Prozent würden sie im Land wählen. Ist das ein Rückschlag für das, was Sie seit Jahren tun? 

Nein, ganz im Gegenteil. Die Ursachen für diese Entwicklung sind ja erkennbar. Darum fühle ich mich eher ermutigt, das zu tun, was das Motto der diesjährigen Interkulturellen Woche ist und was uns die Bischöfe in diesem Jahr besonders ans Herz legen: neue Räume zu schaffen, Begegnungen zu ermöglichen, um Fremdheit und Ängste abzubauen. 

Wo gibt es denn solche angstfreien Räume? 

In der Caritas, in unseren Gemeinden gibt es viele Projekte, die in diesem Sinn arbeiten; in Schwerin beispielsweise „Spielend Deutsch lernen“, „Boxen gegen Gewalt“ oder auch die „Kleine Weile“ im Gemeindehaus. Was man allerdings heute vielleicht deutlicher als früher sagen muss: Es hat Gründe für diesen politischen Rechtsruck. Sie müssen benannt werden. Und es müssen jene, die sich heute als ‚Alternative‘ zum demokratischen Gemeinwesen verstehen, befragt werden – nach ihren Lösungskompetenzen und Lösungsansätzen, vor allem nach ihrem Welt- und Menschenbild. Hier sind wir als Kirche, als Caritas in einer besonderen Verantwortung.

Papst Pius XI. hat 1937 eine Enzyklika an die deutschen Bischöfe geschrieben. Der Titel hieß „Mit brennender Sorge“. Gibt es heute Anlass zu „brennender Sorge“?

Ja, das denke ich. Denn die Gesellschaft ist massiv gespalten. Selbst in der so genannten ‚Mitte‘ gibt es radikale Tendenzen, die es früher in diesem Ausmaß nicht gab. Es werden rasch Schuldige gesucht für nachvollziehbare Ängste. Sie sind nachvollziehbar, weil die Gesellschaft stark verunsichert ist. Ich nenne die Schlagworte: Corona, Klima, Angriffskrieg in der Ukraine, Inflation, soziale Unsicherheit, Überforderung. Das alles macht Menschen Angst. Und da haben es politische Strömungen leicht, die einfache Erklärungen anbieten. Etwa wenn sie die Fluchtbewegungen als Ursache der Probleme ansehen, statt auf die Ursachen der Flucht zu schauen und hier nach Lösungen zu suchen. 

Aber diese Lösungen sind schwer zu finden, selbst bei bestem Willen und höchstem Sachverstand. Und man hat den Eindruck: Nicht jeder will überhaupt humane Lösungen. 

Das gilt für einige. Wer völkisch denkt, hat sich selbst aus einem humanen Diskurs verabschiedet. Die AfD hat jene Leute mit wirtschaftlichem Sachverstand, wie etwa Jörg Meuthen oder Bernd Lucke, in die ‚Wüste‘ geschickt, weil sie von völkischem Nationalismus gekapert wurde. Das muss klar gesagt werden. Dagegen steht das christliche Menschenbild, die Menschenwürde. Das heißt aber nicht, dass die Probleme nicht da sind. Aber sie müssen im demokratischen Diskurs gelöst werden. Sie werden allerdings am allerwenigsten von jenen gelöst, die ausgrenzen und Verschwörungsmythen das Wort reden. 

Was wäre aus Ihrer Sicht hier die Aufgabe der katholischen Kirche? Was kann und soll sie tun?

Die Kirche sollte mutig und laut sagen, dass die Würde des Menschen deshalb unantastbar ist, weil sie bei Gott hinterlegt, durch Gott verbürgt ist. Daraus folgt alles Weitere, insbesondere die Geltung und Anerkennung der Menschenrechte. Weil sie für alle gelten, genau darum sind die Aufgaben nicht durch Abschottung und Ausgrenzung zu lösen. Die Kirchen sollten ihr Welt- und Menschenbild offensiv in den Diskurs einbringen. Es orientiert sich am Beispiel Jesu, der ja der „Freund der Huren, Zöllner und Weinsäufer“ genannt wurde. Warum? Weil er jedem Menschen eine Chance gab. Das sollte heute umgesetzt werden, in den Gemeinden, Pfarreien, Verbänden. 

Anders als in der Zeit von Papst Pius sind die Christen heute eine Minderheit: in Mecklenburg-Vorpommern gut 17 Prozent. Haben die Kirchen überhaupt noch irgendeinen Einfluss auf politische Entwicklungen? 

Caritas und Diakonie sind immer noch ein starkes Stück Kirche und werden anerkannt und ernstgenommen. Und es stimmt, der Einfluss der Kirchen ist im Schwinden begriffen. Und mir scheint: Das extreme Denken, die Verschwörungsmythen nehmen in dem gleichen Maße zu, wie die christliche Prägung abnimmt. Dieser Befund zeigt, dass Menschen Halt und Orientierung suchen und sie derzeit bei den Kirchen so nicht finden. 

Das klingt nach Resignation. 

Ja, einige resignieren und beklagen den „Bedeutungsverlust“. Aber ich frage: Muss das so sein? Vor allem: Muss das so bleiben? Hier scheint mir einer der wesentlichen Knackpunkte zu sein, wo Kirche ansetzen kann und ansetzen muss. Es gibt ja gute Aussagen – auch unseres Erzbischofs –, die eine Orientierung bieten können. Wir sind als Kirche nicht dazu verdammt, anderen den Vortritt zu lassen; vor allem dann nicht, wenn sie sich in Fake News und in antidemokratischem Wortschwall, getränkt von Hass und Antisemitismus, den Rang abzulaufen versuchen. „Wehret den Anfängen“, das gilt auch hier. Doch wer hier von „Anfängen“ spricht, scheint die Realität noch immer nicht ernst zu nehmen.

Interview: Andreas Hüser

Rudolf Hubert ist Referent für Caritaspastoral und vertritt die katholische Kirche im „Interreligiösen Dialog“ Schwerin.