Land, Leute und Geschichte

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Junge Erwachsene lächeln in die Kamera.
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Foto: Marco Heinen

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Ausblick auf Lübeck: die Gäste auf dem Turm von Herz Jesu.

Junge Erwachsene und zwei Padres aus dem Partnerbistum Puerto Iguazú machten vor ihrer Weiterreise zum Weltjugendtag Station im Erzbistum Hamburg. Auch Einheiten in deutscher Geschichte standen auf dem Programm.

Eigentlich ist es eine Reisegruppe wie viele andere auch, die sich da vor der Propsteikirche Herz Jesu in Lübeck sammelt: 13 junge Leute im Alter zwischen 20 und 30 Jahren, außerdem zwei Padres. Dazu Pfarrer Stefan Langer aus der Hamburger Pfarrei St. Maximilian Kolbe und einige Ehrenamtliche, die mit der Gruppe unterwegs sind und etwas Spanisch können, denn Deutsch und Englisch sprechen die Gäste nicht.

Am Morgen sind sie per Zug aus Hamburg gekommen, haben dem Holstentor und der Marienkirche einen Besuch abgestattet und noch schnell einen Blick in den Lübecker Dom geworfen, der in diesem Jahr sein 850-jähriges Bestehen feiert. Der dortige Lettner, jenes wunderbare Triumphkreuz, das dem Lübecker Künstler Bernt Notke zugeschrieben wird, das Taufbecken und der Marienaltar mit der Einhornjagd gefallen den Besuchern besonders gut – mehr als St. Marien, die Mutterkirche der Backsteingotik, wo vor allem das 38,5 Meter hohe Gewölbe beeindruckt und nicht so sehr die sakrale Kunst.

Für die Gäste macht das einen Unterschied, denn es sind Katholiken aus dem argentinischen Bistum Puerto Iguazú. Der Dom biete ihnen „mehr Anknüpfungspunkte an den eigenen Glauben“, ist Aaron Wannrich überzeugt. Der 21-Jährige, der selbst bereits einmal mit der Katholischen Jugend Mecklenburg im Partnerbistum auf Besuch war, ist einer der Ehrenamtlichen, der die Argentinier begleitet, weil er „ein bisschen was zurückgeben will“ von den positiven Erfahrungen seiner Reise nach Südamerika. 

Auf dem Programm der jungen Leute steht als nächstes der Besuch der Gedenkstätte Lübecker Märtyrer. Bischof Nicolás Baisi hatte der Reisegruppe mit auf den Weg gegeben, sich auch über den Zweiten Weltkrieg zu informieren, wie Pfarrer Langer berichtet: „Das war ihm sehr wichtig, dass sie etwas von der Geschichte mitnehmen.“ Jochen Proske, Referent der Gedenkstätte, hat dafür eine Einführung vorbereitet. Nun lässt sich in gut 20 Minuten in einer Ausstellung nicht so sehr viel Inhalt vermitteln, zumal die Hälfte der Zeit auch noch für das Übersetzen ins Spanische draufgeht. Aber dennoch gelingt es Proske, die Grundzüge der gesellschaftlichen und politischen Situation im Dritten Reich zu skizzieren und klarzumachen, warum sich die drei katholischen Kapläne und der evangelische Pas-tor gegen das rassistische Menschenbild der Nationalsozialisten auflehnten. „Sie haben ganz fest daran geglaubt, dass Gott jeden Menschen nach seinem Ebenbild geschafften hat und dass damit jeder Mensch gleich viel wert ist und von Gott geliebt ist“, erläutert er. „Das hat sie motiviert zu sagen: Wir müssen etwas tun.“

Bewegend ist die Andacht in der Krypta

„Sehr beeindruckend“ sei das gewesen, findet Daniela (23), die zwar schon einiges über den Krieg gehört und gesehen hat, aber keine konkreten Einzelschicksale verfolgt hat. Es habe sie „sehr bewegt“ von den Lübecker Märtyrern zu hören, sagt sie. Maurice (23) pflichtet ihr bei. Seine eigenen Großeltern seien seinerzeit ausgewandert und er kenne viele Nachkommen von deutschen Emigranten, sagt er.

Nach einem Besuch der „Schatzkammer“ mit Gegenständen aus dem Nachlass der vier Lübecker Märtyrer werfen die Besucher einen Blick in die Krypta. Spontan lassen sie sich vor dem Tabernakel und dem Ewigen Licht nieder. Sie intonieren, sehr bewegend, ein Anbetungslied, beten, halten Fürbitte und laden die deutschen Begleiter zum Gebet eines Vaterunsers ein. Pfarrer Langer ist baff, denn eine solche Frömmigkeit, die bei den Gästen ansonsten übrigens mit viel Lebensfreude und Fröhlichkeit einhergeht, hat er mit deutschen Jugendlichen noch nicht erlebt.

Danach geht es noch rauf auf den Turm von Herz Jesu und weiter zum Mittagessen. Am Nachmittag warten Travemünde und die Ostsee. Für Dienstag war noch ein Besuch in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme geplant, bevor am Mittwoch dann der Flieger nach Portugal abheben sollte (Seite 1).

Gertrud Theobald, Ehrenamtliche aus der Hamburger Gemeinde St. Franz-Joseph, engagiert sich von Beginn an für die Partnerschaft mit dem Bistum Puerto Iguazú. Sie hat eigens deshalb Spanisch gelernt und leistet als Übersetzerin hervorragende Dienste. Sie ist begeistert von den Gästen und ihrem aufgeschlossenen Wesen. Schon bei der Begegnung am Sonntag in der Pfarrei sei das zu spüren gewesen. „Insgesamt eine ganz tolle Stimmung“, resümiert sie. Die Partnerschaft mit dem Bistum Puerto Iguazú, sie existiert nicht nur auf dem Papier.

Marco Heinen