Rückblick auf Jahrzehnte der Gedenkarbeit

Image
Regina Pabst
Nachweis

Foto: Marco Heinen

Caption

Regina Pabst auf ihrem Balkon in Travemünde.

Regina Pabst gehört zu den katholischen Laien, die frühzeitig die Erinnerung an das Wirken der Lübecker Märtyrer wachhielten. Später hat sie die Arbeit im heute ökumenisch besetzten „Arbeitskreis 10. November Lübecker Märtyrer“ mitgeprägt. Auszüge aus den Erinnerungen der 95-Jährigen.

Die erste Broschüre des Jesuitenpaters Josef Schäfer wurde am 23. September 1946 mit dem Titel „Wo seine Zeugen sterben, ist sein Reich“ vom Katholischen Pfarramt Lübeck herausgegeben. In der Ausgabe ist die von Gefängnispfarrer Prälat Bernhard Behnen am 16. April 1946 in der Herz Jesu Kirche Lübeck und am 23. Juni 1946 in Leer in Ostfriesland, der Heimatstadt Hermann Langes, gehaltene Predigt enthalten. An dem Gedenkgottesdienst in Lübeck habe ich mit vielen Jugendlichen teilgenommen, ebenso wie die mitinhaftierten Laien mit ihren Kindern. Es war eine volle Kirche. Die Predigt bezog sich auf die Haftzeit der Märtyrer in Hamburg. Das Todesurteil stand da schon fest.

Sehr eingehend hat Prälat Behnen über die Begleitung unserer Priester bis zur Hinrichtung berichtet. Es war für uns unfassbar, wie brüderlich sie diese Tage und Stunden gemeinsam im tiefen Glauben getragen haben. Adjunkt Müller sagte auf seinem letzten Gang, „Herr Pfarrer, auf ein frohes Wiedersehen im Himmel, aber grüßen sie noch herzlich meine lieben Lübecker, die ich nie vergessen werde.“ Nach diesem Gottesdienst war mein Empfinden: Wie konnte Prälat Behnen es persönlich verkraften, uns diese Predigt zu halten und die schwere Zeit in Erinnerung zu holen? Alle Teilnehmer des Gottesdienstes waren tief betroffen und wir konnten nur schweigen. So ist für mich das Büchlein „Wo seine Zeugen sterben, ist sein Reich“ seit meiner Jugendzeit der Schlüssel zum Gedenken an die Lübecker Märtyrer.

In den weiteren Jahren wurde der Gedenkgottesdienst am 10. November von  Pastor Albert Bültel und seinen Kaplänen vorbereitet. Einbezogen wurden die mitinhaftierten Laien und Freunde, die den Kaplänen nahestanden. Ich denke an Gisela Thoemmes (geb. Gunkel), die das Martyrologium verfasst hat. Die 10ten November waren für alle Katholiken Lübecks zum Mittelpunkt des Jahres geworden, einschließlich der Flüchtlinge, die in Lübeck nach der Flucht aus den Ostgebieten eine neue Heimat – insbesondere in der Kirche – gefunden hatten.

Es gab inzwischen auch eine Kleiderstelle in der Gemeinde. Die Hilfsbereitschaft war groß. Wir als Jugendgruppe bekamen eine Notunterkunft zugewiesen, wodurch ein guter Kontakt zur Herz Jesu-Gemeinde entstand. Besonders eingesetzt hat sich dafür Maria Ehrtmann, die Ehefrau von Adolf Ehrtmann, Rendant der katholischen Gemeinde. Die Parade (Straße in Lübeck) war also Mittelpunkt der Lübecker Katholiken mit der Herz Jesu-Kirche, dem St. Marien-Krankenhaus und dem Gesellenhaus – ebenso wie der 10. November mit dem Todestag unserer Märtyrer.

» Es war für uns unfassbar, wie brüderlich sie diese Tage und Stunden gemeinsam im tiefen Glauben getragen haben. «

Regina Pabst, Arbeitskreis 10. November

Nach dem Gottesdienst trafen sich die Priester im Pfarrhaus zur Begegnung mit einem guten Abendessen von Fräulein Johanna. Die mitinhaftierten Laien trafen sich mit ihren Familien im Klubzimmer des Gesellenhauses. Für die Jugendgruppen der Jungen und Mädchen war die Gaststätte des Gesellenhauses der Treffpunkt. Bald machte Pastor Bultjer den Vorschlag, dass die drei Gruppen zu einer gemeinsamen Begegnung in den großen Saal des Gesellenhauses einladen sollten. Es wurde über viele Jahre ein geschätzter Begegnungsabend. Aus dem Jugend- und Freundeskreis hat sich der Arbeitskreis entwickelt. Die besondere Aufgabe war, das Gedenken wach zu halten, Materialien zu sammeln und für die Zukunft zu erhalten und zu sichern.

Zunächst waren Gerhard und Chris­ta Nürnberg, Jürgen Weißer, Franz Ehrtmann, Martin Wirth, Horst Schröder und Reinhard Darimont im Arbeitskreis tätig, später kamen Joa­chim Krüger, Gisela Thoemmes, Bernhard und Adelheid Schlippe, Propst Theobald Bultjer, Pfarrer Christoph Dziwisch und Martin Thoemmes hinzu.

    *

Als 1983 das 40-jährige Gedenken anstand, wurde eine Ausstellung geplant. In der Gemeinde Herz Jesu waren ausreichend Dokumente vorhanden. Die Parade bot jedoch keine Räumlichkeit, weshalb Propst Bultjer Kontakt zu Pas­tor Jürgen Reuß von der evangelischen Dom-Gemeinde aufnahm. Der Ostchor des Domes eignete sich gut. Pastor Reuß stimmte zu – die Arbeit konnte beginnen!

Zahlreiche Dokumente mussten vergrößert werden. Für diese Arbeiten stellte das Bistum Osnabrück einen Mitarbeiter zur Verfügung, der diese Arbeiten fachlich mit dem Ehepaar Nürnberg übernahm. Bernhard Schlippe übernahm gemeinsam mit Reinhard Darimont die Gestaltung der Ausstellung. Als Denkmalpfleger der Stadt hatte Herr Schlippe hilfreiche Kontakte, so auch zum Burgkloster, das gerade renoviert wurde. Hier haben zwei unserer Märtyrer während ihrer Haftzeit in Lübeck ihre Leidenszeit erleben müssen. Die Türen der Zellen lagen auf dem Schrottplatz. Eine dieser Türen durfte Herr Schlippe für die Ausstellung bekommen. Diese wurde von Martin Wirth und Gerhard Nürnberg mit dem Bollerwagen abgeholt. Inzwischen steht diese Tür in der Gedenkstätte Herz Jesu.

In dieser Zeit bis 1983 gab es wenig Kontakt zur Luthergemeinde (Gemeinde von Pastor Stellbrink). Wir wollten jedoch die Gemeinde in die Ausstellung einbeziehen. So konnten einige Gegenstände von dort zur Ökumene beitragen. Die Eröffnung der Ausstellung fand am 11. November statt und wurde bis 25. November gezeigt. Sie fand viel Zuspruch. Im Rückblick auf die Ausstellung hat Propst Bultjer den Arbeitskreis und Pastor Reuß zu einem „Dank-Abend“ eingeladen. Pastor Reuß sprach Dankesworte, die ich nie vergessen habe: „In der katholischen Kirche ist das Gedenken an die Lübecker Märtyrer ein reißender Strom, in unserer Kirche ein Rinnsal.“ Die Ausstellung wurde noch in sieben Mecklenburger Städten, in Leer und in Papenburg gezeigt. Bei einem Arbeitsgespräch wurde über einen Namen für den zu dieser Zeit formal gegründeten Kreis nachgedacht. Franz Ehrtmann schlug „Arbeitskreis 10. November“ vor.

Die Zukunft und der 50. Gedenktag wurden angesprochen und es gab die Idee, bei der Leiterin des Burgklosters, Frau Dr. Ingaburgh Klatt, anzufragen. Es fand ein erstes Gespräch mit ihr, Jürgen Weißer, Gerhard Nürnberg und mir statt. Frau Dr. Klatt zeigte sich beeindruckt. Mit großem Einsatz von Frau Dr. Klatt und ihrer Mitarbeiterin Brigitte Templin konnte die neue Ausstellung gelingen. Die Eröffnung war am 11. November 1993 mit einer Ansprache des Bischofs von Stockholm, Dr. Hubertus Bran­denburg.

Die Broschüre zur Ausstellung mit dem Rilke-Zitat „Lösch mir die Augen aus…“  als Titel von Dr. Klatt und Brigitte Templin sowie die Ausstellung fanden großes Interesse in Lübeck und bei Gemeindegruppen von außerhalb. Daher wurde sie um ein Jahr verlängert. Durch den Einblick in die Arbeit des Arbeitskreises 10. November konnten wir Frau Dr. Klatt zur Mitarbeit gewinnen – eine große Bereicherung. Seit 2012 ist Frau Dr. Klatt Sprecherin des Arbeitskreises. Ein Zeichen der Ökumene!

Im Arbeitskreis tauchte die Überlegung auf, wo diese so wertvolle Ausstellung eine neue Verwendung für die Zukunft finden könnte. Auf der Parade bestand keine Möglichkeit. Pastorin Isabella Spolovjnak-Pridat bot die Empore der Lutherkirche an. Eine bedeutsame Station der Ökumene, auch im Arbeitskreis 10. November.

  *

In dem in den Jahren 1946/48 entstandenen Arbeitskreis waren selbstverständlich die zuständigen Pfarrer der Herz Jesu-Gemeinde, Paul Biedendieck, Helmut Siepenkort, Theobald Bultjer und Franz Mecklenfeld eingebunden. Der Arbeitskreis stellte die Frage: Muss es für die Predigt immer ein Bischof sein? Propst Bultjer griff diesen Wunsch auf. Im Jahr 1988, dem 45. Gedenkjahr, hielt die Predigt beispielsweise Dom-Pastor Jürgen Reuß. Am Gedenktag 1992 durfte in der Herz Jesu-Kirche Hildegard Ehrtmann predigen. Frau Ehrtmann ist Tochter von Adolf Ehrtmann, der als Laie im Prozess zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde. Sie lebt in Augsburg in einer christlichen Gemeinschaft, die den Jesuiten verbunden ist. Die Ansprache war geprägt von einem tiefen Glauben. Zu diesem Zeitpunkt ungewöhnlich, dass eine Frau in unserer Kirche auf der Kanzel sprach. Für die Zustimmung hatten wir Propst Bultjer zu danken, der von dem anwesenden Bischof Dr. Ludwig Averkamp das „Ja“ bekommen hatte.

  *

25. Juni 2011 – die Seligsprechung der Lübecker Märtyrer Johannes Prassek, Eduard Müller, Hermann Lange und das ehrende Gedenken an Pastor Karl Friedrich Stellbrink auf der Parade war ein einmaliges Ereignis in Lübeck und für das ökumenische Erbe.

Dies ist mein Rückblick auf die jahrzehntelang geleistete Arbeit des Arbeitskreises, in großer Verantwortung für die Propsteigemeinde der Herz Jesu-Kirche, wo die Lübecker Märtyrer gewirkt haben. Die Gemeinschaft war für mich eine große Bereicherung. Die Hilfsbereitschaft und Unterstützung für die einzelnen Projekte war ermutigend. Fachkräfte und Helfer haben vorbildliche Arbeit geleistet. Unsere Lübecker Märtyrer sind unvergessen.

Ich blicke zurück auf ein erfülltes Leben. Ich danke Gott jeden Tag, dass er mir in meinem Alter die Kraft schenkt, diese Erinnerungen zu schreiben.

Regina Pabst