Missio-Gast Schwester Marie Odette Baomazava aus Madagaskar
Tochter der Weisheit
Foto: Nicole Weisheit-Zenz
„Dies wird kein einfacher Weg sein“: Schwester Odette (56) entschied sich bewusst für das Ordensleben.
Schwester Marie Odette Baomazava steht jeden Tag früh auf. Vieles orientiert sich in ihrer Heimat Madagaskar am Tageslicht und dem Rhythmus der Natur. Gemeinsam mit ihren Mitschwestern betet und frühstückt sie, um sich für ihre Tätigkeiten zu stärken. Die Stunden bis zum Abend sind gefüllt mit Gesprächen, organisatorischen Aufgaben und spontanen Begegnungen. Denn, wann immer möglich, hat Schwester Odette offene Türen und offene Ohren für andere. Seit 2018 leitet sie das Kultur- und Sozialzentrum „Filles Tanamakoa“ (französisch: Töchter Tanamakoa) in Toamasina, mit Schwerpunkt technische und berufliche Bildung. Dort werden junge Menschen auf das Arbeitsleben vorbereitet und bei der Stellensuche unterstützt.
Oft genügt es, einem Menschen die Hand zu reichen und ihm Mut zu machen.
„Sei mutig und stark“: Für die 56-Jährige passt das Motto der diesjährigen Missio-Kampagne gut zu ihrem eigenen Lebensweg, der von unterstützender Gemeinschaft und Glauben geprägt ist. Ihre Erfahrung, ihr Wissen und Können setzt sie gern dafür ein, andere zu ermutigen und ihnen neue Perspektiven zu eröffnen.
Schwester Marie Odette wurde 1970 in Toamasina, einer Stadt an der Ostküste von Madagaskar, geboren. Als Jüngste von sieben Geschwistern wuchs sie in einer gläubigen Familie auf. „Über das Evangelium wurde oft und gern gesprochen“, erinnert sie sich. Eine gute Freundin aus ihrer Schulzeit wurde für sie zu einem Vorbild. Diese brachte ihr unter anderem den Rosenkranz näher. Auch mit dem Gedanken an ein Ordensleben setzte sie sich auseinander und war sich bewusst: „Dies wird kein einfacher Weg sein.“ Es brauchte Geduld und eine verbindliche Entscheidung. Auch der Segen ihres Vaters hierfür war ihr sehr wichtig.
Rosenkranz als Begleiter im Alltag
Seit 1998 gehört sie zur Kongregation der Töchter der Weisheit. Sie schätzt die Spiritualität und den Fokus ihrer Gemeinschaft: die Zuwendung zu Menschen, die arm sind und Unterstützung brauchen. Einen Rosenkranz hat sie als Begleiter dabei, als Symbol der Verbundenheit mit Maria und dem Glauben, als Quelle für neue Kraft. Die braucht sie für ihre Arbeit im Sozialzentrum. Auch Kindern und Jugendlichen ohne ausreichende Schulbildung möchten sie und ihr Team bessere Zukunftschancen eröffnen. Sie lernen, Verantwortung zu übernehmen und selbstständig zu werden. Auch bei Schwierigkeiten hört Schwester Odette zu. Manchmal liegen die Probleme nicht in der Schule, sondern in der Familie. Dann versucht sie, gemeinsam mit den jungen Leuten und ihren Eltern herauszufinden, wie es weitergehen kann. Dabei betont sie, wie wichtig ausreichend Zeit für die Ausbildung ist. In Familien mit wenig Geld werden die jungen Erwachsenen für die Mithilfe gebraucht. Schwester Odette wirbt dafür, dass sie dennoch die Möglichkeit bekommen, zu lernen und sich auf ihren späteren Beruf vorzubereiten. „Oft genügt es, einem Menschen die Hand zu reichen und ihm Mut zu machen“, sagt Schwester Odette. Mit Vertrauen und Unterstützung können junge Menschen ihr Leben selbst in die Hand nehmen.
Kinder und Frauen sind die Zukunft.
Die Bedingungen, unter denen viele Familien in Madagaskar leben, machen diesen Einsatz besonders wichtig. Die Insel ist für ihre einzigartige Natur und Artenvielfalt bekannt. Zugleich bedrohen Armut, steigende Preise und die Folgen des Klimawandels die Lebensgrundlagen vieler Menschen, vor allem in der Landwirtschaft. Zyklone zerstören Häuser und Ernten, Familien müssen danach oft wieder neu beginnen. Auch das Berufsbildungszentrum war bereits betroffen; mit Unterstützung von Missio konnte der Wiederaufbau ermöglicht werden. Schwester Odette denkt dankbar an weitere Projekte, die das Hilfswerk unterstützt – etwa zum Schutz von Kindern und Frauen. Diese, sagt sie, „sind die Zukunft“.
Engagement im Sinne der Gemeinschaft
Neben ihrer Arbeit im Ausbildungszentrum engagiert sich Schwester Odette als Leiterin der Pfadfinderinnen der Diözese. Hunderte Mädchen und junge Frauen werden von ihr und anderen Verantwortlichen begleitet. Dazu gehören regelmäßige Treffen, Veranstaltungen und spirituelle Angebote. Die Pfadfinderinnen übernehmen Verantwortung, helfen bei der Organisation von Festen und engagieren sich im Sinne der Gemeinschaft. Auch der Schutz der Umwelt ist zentral: Sie sammeln Plastik, gestalten daraus nützliche Dinge oder helfen mit bei Aktionen zur Aufforstung. Auch bei diesem Engagement ist es Schwester Odette wichtig, jungen Frauen etwas zuzutrauen. „Sie können dadurch erleben, dass ihre Fähigkeiten gebraucht werden und dass sie selbst mit Herz und Hand viel bewegen können.“
Dass sie als Botschafterin nach Deutschland reisen würde, hätte die Ordensschwester kaum geglaubt. Von der Einladung von Missio fühlte sie sich angenehm überrascht und geehrt, sagt sie lächelnd. Beeindruckt ist sie davon, wie man hier mit der Uhr und festen Terminen umgeht, von großen Kirchen mit ihrer jahrhundertealten Geschichte, von gelebter Gastfreundschaft und vielen angenehmen Begegnungen. „Dadurch ist ein Gefühl von Verbundenheit entstanden, auch über die große Entfernung hinweg.“ Ein Anliegen ist es ihr, nicht nur davon zu berichten, wo Unterstützung gebraucht wird. Sie möchte auch zeigen, was möglich wird und wie finanzielle Hilfe dazu beitragen kann, dass junge Menschen ausgebildet und begleitet werden können. Ebenso schätzt Schwester Odette die Gebete für Menschen in Madagaskar, die ihr am Herzen liegen: um mutig und stark zu werden.
Zur Sache
Der Sonntag der Weltmission ist die größte Solidaritätsaktion von Katholikinnen und Katholiken weltweit. Im Jahr 1926 wurde er von Papst Pius XI. eingeführt. In Deutschland wird der Missio-Sonntag dieses Jahr am 25. Oktober gefeiert. Im Mittelpunkt steht Madagaskar. www.missio-hilft.de