EVV-Studie: Tatort Pfarrhaus und Sakristei

Viel Vertrauen, wenig Kontrolle

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Tatort Pfarrhaus und Sakristei: Die Missbrauchsstudie im Bistum Mainz rückt Räume in den Blick, die allgemein als sicher gelten. 61 Prozent der Betroffenen wurde im Umfeld von Pfarrgemeinden sexualisierte Gewalt angetan. Von Anja Weiffen 

„Schließlich hat es sich zufällig ergeben, dass ich im Pfarrhaus übernachten durfte […]. Oder möglicherweise lässt es sich auch so sagen: Aufgrund der Großzügigkeit des Pfarrers entstanden mehr oder weniger zufällig Situationen, die mein Übernachten im Pfarrhaus dann doch notwendig machten.“ Dieses und viele weitere Zitate von Betroffenen weisen in den Ergebnissen der Missbrauchsstudie im Bistum Mainz auf die besondere Rolle der Pfarrgemeinden hin. 
Das Projekt „Erfahren. Verstehen. Vorsorgen“ (EVV), für das der Regensburger Rechtsantwalt Ulrich Weber von der Bistumsleitung beauftragt wurde und das er zusammen mit seinem Co-Autor Johannes Baumeister bei einer Pressekonferenz in Mainz vorstellte, liefert Zahlen, die diese Rolle belegen: 54 Prozent der Beschuldigten und 61 Prozent der Betroffenen sind Pfarreien zuzuordnen. Mit weitem Abstand folgen laut EVV Heime und Internate mit 19 Prozent der Beschuldigten und 12 Prozent der Betroffenen. 
In der EVV-Studie werden unter anderem die Tatorte von sexualisierter Gewalt betrachtet. Es sind weniger Kirchen oder Gemeindezentren, sondern vielfach das Pfarrhaus und die Wohnung von Beschuldigten oder Betroffenen, wo die Taten passierten. Zudem steht eine dritte Kategorie im Zentrum: Freizeit und Reisen.

Seelsorgerliche Gespräche wurden ausgenutzt

Die Gelegenheiten, bei denen Menschen im Umfeld der Pfarrei sexualisierte Gewalt angetan wurde, veränderten sich im Lauf der Zeit. Vorfälle in Bezug zur Beichte kamen in den 1950-er und 1960-er Jahren vor, in den vergangenen Jahrzehnten wurden eher seelsorgerliche Gespräche ausgenutzt. In kirchlichen Räumen fand vor allem die Anbahnung der Taten statt. Die Studie weist auf Bedingungen in Gemeinden hin, die zu naivem Vertrauen in die Beschuldigten und zum Fehlen von Kontrolle führten, wie aus Fallbeispielen und Zitaten herauszulesen ist. Beides begünstigte die Taten. 
Systemische Ursachen, so EVV, entlasten aber nicht von der individuellen Täterveranwortung. Die Studie bezeichnet die Pfarrei als eigene sozioreligiöse Welt mit dem Pfarrer im Zentrum. „Die Kirche und ihre Vertreter werden stark idealisiert und ihr Einflussbereich umfasst viele Lebensbereiche weit über Liturgie und Pastoral hinaus.“ Auch eine Vermischung von Dienstlichem und Privatem, das sich in manchen Pfarrhäusern sogar baulich zeigt, wenn keine klare Trennung zwischen Pfarrbüro und -wohnung besteht, spielt eine Rolle. 
Auf Reisen geschahen Missbrauchstaten. Beschuldigte sind hier fast ausnahmslos Pfarrer, die den Betroffenen, nicht selten aus sozial schwächeren Familien, eine Teilnahme „ermöglichten“. Dazu ein Zitat einer betroffenen Person: „Er lud mich ein mit dem Auto nach Belgien auf einen Bauernhof zu fahren. Meine Eltern erlaubten dies damals, er war ja Priester. Was dann passierte, ist für mich unbeschreibbar, bis heute habe ich alles in mich reingefressen.“ 
Viele Taten liegen in der Vergangenheit – Rechtsanwalt Weber nannte bei seiner Pressekonferenz den Zeitraum 1962 bis 1982 als Schwerpunkt –, doch auch heute gibt es Fälle und Vorwürfe. Weber weiß, dass sich Gemeinden, bezogen auf beschuldigte Pfarrer, noch heute spalten und zum Teil wenig Verständnis für Maßnahmen der Bistumsleitung haben. Auch ein Überdenken der Erinnerungskultur in Gemeinden mahnt Weber an, um Missbrauchstätern nicht noch ein Denkmal zu setzen. „Hier fehlt Pfarrgemeinden die Sprachfähigkeit. Das ist heute noch genauso wie vor 30 Jahren“, sagte er bei der Pressekonferenz. Wie aus der Studie ersichtlich, fordern aber genauso Gemeinden mehr Hilfestellung und Kommunikation vom Bischöflichen Ordinariat. Die aktuelle Bistumsleitung sieht Weber in einem Dilemma: Einerseits will sie mit dem Thema transparent umgehen, andererseits gilt für einen Beschuldigten, während der Prüfung der Vorwürfe, die Unschuldsvermutung.

 

NACHGEFRAGT

Handlungsbedarf 
Statement der Vorsitzenden der Unabhängigen Aufarbeitungskommission im Bistum Mainz, Ursula Groden-Kranich: „Als Unabhängige Aufarbeitungskommission im Bistum Mainz beschäftigen wir uns schon lange vor Veröffentlichung der EVV-Studie mit dem Thema Aufarbeitung und widmen uns neben der Analyse der Studie auch dem Thema „Frieden finden – Bedarfe der Einzelnen“. Denn neben der Frage „Wie konnte dies alles geschehen?“ fragen wir „Was hat sich daraus im Alltag des Bistumshandelns verändert?“. Neben der Einrichtung von Intervention- und Präventionsstellen und Unabhängigen Ansprechpartner:innen ist die Sensibilisierung von und in den Pfarreien eine große Herausforderung für die UAK. Gerade hier weist die EVV-Studie auf großen Handlungsbedarf hin, dem auch wir uns verstärkt stellen werden. 
Bei aller Betroffenheit über das, was in unvorstellbarer Weise in unserem Bistum geschehen ist, nimmt die UAK zur Kenntnis, dass der derzeitigen Bistumsleitung eine hohe Kooperationsbereitschaft und der Wille zu vollständiger Transparenz bescheinigt wird. Dies ist auch dringend notwendig, um das Dunkel zu erhellen.“ 

Kontakt: Ursula Groden-Kranich, E-Mail: unabhängig@aufarbeitung-mainz.de

 

 

ZUR SACHE

Fragen und Anliegen 
Für Menschen, die Fragen zum Thema haben und mit dem Bistum Mainz Kontakt aufnehmen möchten, gibt es folgende Möglichkeiten:

Telefon-Hotline: Telefon-Hotline ist unter der Nummer 06131/253-522 freigeschaltet. Die Gespräche nehmen Seelsorgende und Coaches an. Diese Telefonhotline ist zunächst für 14 Tage freigeschaltet, bis 10. März von 8 bis 20 Uhr, in der zweiten Woche vom 11. bis 17. März von 10 bis 18 Uhr. 
Dialogveranstaltungen: In den Regionen des Bistums sind vier Dialogveranstaltungen mit Bischof Peter Kohlgraf und Ordinariatsdirektorin Stephanie Rieth geplant: Am 13. März in Offenbach, am 16. März in Mainz, am 24. März in Gießen, am 27. März in Bürstadt. Zusätzlich gibt es eine digitale Dialogveranstaltung am 23. März, jeweils von 19.30 Uhr bis 21 Uhr. Anmelden können sich Interessierte auf der Bistumshomepage www.bistummainz.de 
Koordinationsstelle Intervention und Aufarbeitung: Fragen und Anliegen zur EVV-Studie können Sie auch per E-Mail an die Koordinationsstelle Intervention und Aufarbeitung schicken an: evv-studie@bistum-mainz.de 
Internetseite: Alle Informationen über die Arbeit im Bistum Mainz zu den Themen Prävention, Intervention und Aufarbeitung sowie auführliche FAQ und alle Kontaktadressen finden sich auf: bistummainz.de/gegen-sexualisierte-gewalt

Von Anja Weiffen

Anja Weiffen