Bischofsjubiläum von Heinrich Timmerevers

„Ich vertraue dem Herrn alles an“

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Bischof Heinrich Timmerevers läuft in Soutane durch Dresden
Nachweis

Foto: Bistum Dresden-Meißen

Bischof Heinrich Timmerevers feiert am 5. September Silbernes Bischofsjubiläum. Ein Gespräch über Herausforderungen des Amtes und die Wurzeln seines Glaubens.

Herr Bischof Timmerevers, Sie wurden 1952 in Niedersachsen geboren. Was waren Ihre prägenden religiösen Erfahrungen in der Kindheit?

Nikolausdorf, meine Familie und das ganze Umfeld war und ist katholisch geprägt. Das Leben auf dem Bauernhof ist durch zwei Rhythmen bestimmt: durch die vier Jahreszeiten, und das Kirchenjahr mit den Sonn – und Feiertagen, beides hängt zusammen, Leben in und mit der Natur, verbunden mit dem Leben des Glaubens und der Kirche. Dann hatte ich das Glück, meinen Vater als guten Katecheten zu erleben, im Leben mit der Kirche gab es Vieles zu entdecken und zu bestaunen.

Warum studierten Sie Theologie?

Es gab beeindruckende Priester, dir mir Vorbilder wurden. Einmal mein Großonkel, 1921 geweiht und während der Nazidiktatur zeitweise im Gefängnis. Er war ein sehr frommer und treuer Seelsorger. In der Schule habe ich zwei Priester als Religionslehrer erlebt, die mich beide begeisterten und überzeugende Vorbilder waren. Durch sie wuchs in mir der Wunsch, Priester zu werden.

1980 empfingen Sie in Münster die Priesterweihe und kamen später nach Visbek.

In den 1990ern war ich dort Pfarrer, in einer aktiven, lebendigen Gemeinde mit einer frohmachenden Glaubenspraxis, vielen Kindern und Jugendlichen. Es war erfüllend mit den Familien das Leben zu teilen und den Glauben zu feiern, von der Taufe bis hin zu Krankheit, Not und Tod. Hier konnte ich Seelsorger sein, wie ich es mir gewünscht hatte, in Visbek bin ich gerne gewesen.

In diesem Jahr feiern Sie doppeltes Jubiläum: Vor 25 Jahren empfingen Sie die Bischofsweihe in Münster und sind jetzt zehn Jahre im Dienst im Bistum Dresden-Meißen. Wie unterscheiden sich Ihre erste Zeit als Weihbischof und Bischöflicher Offizial in Vechta von den letzten zehn Jahren als Ortsbischof?

Gar nicht so sehr. Als Offizial war ich Generalvikar und Regionalbischof in einer Funktion. Ich übernahm viele Aufgaben des Bischofs, das ist kirchenrechtlich eine einmalige Position. Als ich 2016 nach Dresden kam, war das zwar ein Sprung in ein ganz neues Lebensumfeld, aber die Aufgaben sind hier ähnlich. Hier gibt es die übliche Struktur, Bischofs und Generalvikar, der als Vertreter des Bischof für die Administration verantwortlich ist.

Bischof Heinrich Timmerevers läuft in Soutane durch DresdenIn Sachsen gehören 80 Prozent der Menschen keiner Religion an. Die Katholiken im Bistum Dresden-Meißen sind geprägt von Lebensbrüchen, wie den Vertreibungen ab 1945 oder DDR- und Wendezeit. Was haben Sie von ihnen gelernt?

Sehr dankbar bin ich für das Zeugnis von Menschen, die ihren Glauben aufrecht stehend leben. Die Lebensleistung vieler Katholiken hier und ihr Zusammenhalt wecken in mir großen Respekt. Im Kontakt mit den Menschen spüre ich zudem oft eine große Offenheit. Ich staune über die Erwachsenentaufen, deren Zahl in den letzten Jahren steigt. Das ist nicht das Verdienst unserer Pastoral, da ist Gott am Werk.

Was war Ihre schwierigste Entscheidung als Bischof?

Die Corona-Pandemie – das war eine herausfordernde Zeit mit schwierigen Entscheidungen. Aus heutiger Perspektive und mit den Erfahrungen der Corona-Jahre kann ich sagen, wir haben zu schnell die Kirchen geschlossen. Damals war die Verhältnismäßigkeit zwischen Schutz vor einer möglicherweise tödlichen Infektion und der Bedeutung des gottesdienstlichen Lebens jedoch sehr schwer abzuwägen. Dass Ostern und Weihnachten nicht in der üblichen Form gefeiert werden konnte, wiegt für mich schwer. Allerdings gab es auch großes Engagement, viel Kreativität und alternative Formate, wie Hausgebete oder auch hybride Formen von Gottesdiensten. Ich denke, wir hätten uns als Kirche noch vehementer für die Begleitung von Sterbenden und Kranken einsetzen müssen, vielleicht waren wir hier nicht laut genug. Auch der Strategieprozess aufgrund fehlender Gelder, der große Einschnitte für Pfarreien und das Bistum bedeuten, ist ein schmerzlicher Prozess.

Was waren stärkende Momente für Sie?

Die überwiegen, da gibt es so viele Ereignisse! Zuletzt die 275 Stimmen beim Bibellesen in der Kathedrale. Eine beeindruckende Resonanz zu sehen: Viele Menschen haben sich einfach für das Wort Gottes geöffnet. Das Wort Gottes hat eine verwandelnde Kraft! Die Wallfahrten im Heiligen Jahr waren Höhepunkte, die Ministrantenwallfahrt ein Highlight! Ich bin auch beeindruckt davon, wie viele Menschen Kirche vor Ort lebendig halten, mit so hohem ehrenamtlichen Engagement – trotz veränderter Gemeindestrukturen.

Sie müssen als Bischof Worte finden für das Unfassbare, wie zuletzt nach der Amokfahrt in Leipzig. Wo holen Sie sich selbst Kraft dafür?

Dieser Gottesdienst wurde innerhalb von zwölf Stunden vorbereitet. Ich bin gebeten worden, den Segen einzuleiten, ich habe mich gefragt: Was heißt „Segen“ – „benedicere“? : „Gutes sagen“. Den Alltag beginne ich morgens mit einer Zeit der Stille und des Gebets in der Hauskapelle. In der Rückschau auf den vergangenen Tag vertraue ich dem Herrn alles an, das Gute und das Herausfordernde. Ich gehe in einen Dialog mit Gott, mehr im Hören, im Aushalten, was ist und an dem neuen Tag kommen wird. Dort weiß ich mich in der Nähe Gottes. Nach einer halben Stunde kommen die anderen Bewohner des Hauses und Mitarbeitende, wir beten gemeinsam das Morgenlob der Kirche. In der Regel feiere ich danach mit einigen Mitarbeitenden die Heilige Messe. Der Austausch, das Gespräch, und der Ausblick auf das Kommende mit meinen engsten Mitarbeitern ist ein guter und unverzichtbarer Ort für Inspiration.

Was ist Ihre Vision von Kirche?

So viel wie möglich Kirche vor Ort sein. Wir erleben, dass sich Kirche sehr verändert, wir sind auf dem Weg zu einer synodalen Kirche. Auch in kleinen Gemeinschaften, in einer „Hauskirche“ kann Kirche gelebt werden. Ich sehe, dass sich dies in der weiten Fläche herauskristallisiert. Es braucht geistliche Zentren, Pfarreien mit einem lebendigen Gemeindeleben, die ausstrahlen. Es gibt kirchliche Orte, unsere Schulen und Kindertagesstätten, die eine große Anziehungskraft haben, die Hospizarbeit, wo Glauben erlebbar wird. Und nicht zuletzt das große Caritas-Netz mit verschiedenen Einrichtungen an vielen Orten, das hat viel Potential! So leben und lernen wir: die Kirche ist für die Menschen da.

Ruth Weinhold-Heße

5. September, 10.30 Uhr: Feier zum Silbernen Bischofsjubiläum in der Dresdner Kathedrale