Studie zum geistlichen Missbrauch im Bistum Osnabrück
Im Glauben unter Druck gesetzt
Foto: Kirchenbote
Betroffene bekamen im Kirchenboten erstmals eine Stimme – in der Ausgabe vom 10. Mai 1992.
„Manchmal denke ich, wenn ich diese Gesprächsgruppe nicht mehr hätte, könnten Sie mich heute in der Psychiatrie besuchen.“ Das sagt mir eine temperamentvolle Neunzehnjährige. Wir sitzen in einer Gesprächsrunde mit einigen jungen Frauen und einem Priester in einer Gemeinde im Südteil des Bistums. Die Mädchen und Frauen verbinden nicht nur gemeinsame Heimat, Pfarrer, Glaube, Schule und vor allem ihr langjähriges Engagement in der kirchlichen Jugendarbeit. Sie alle haben eine Negativbegegnung mit einer extrem konservativen, wenn nicht als fundamentalistisch einzustufenden religiösen Gemeinschaft hinter sich, die zur Schockerfahrung ihres bisherigen Lebens geworden ist. Noch während sie erzählen, spürt man Angst, Verunsicherung und vor allem bittere Enttäuschung über eine Kirche, die es zulässt, dass junge Christen massiv in ihrer Persönlichkeitsentwicklung behindert, wenn nicht verformt werden.
Dabei fing alles so gut an. Ein Kaplan – zugegeben mit starker persönlicher Ausstrahlungskraft – möbelte die Jugendarbeit in der Gemeinde richtig auf. Es wurde viel gesungen. Und es entstand ein Gemeinschaftsgeist. „Alle dachten total dasselbe. Alle waren eins. Wenn Leute von draußen etwas anderes sagten und dachten, konnte man sich in der Gemeinschaft bergen.“ So die jungen Frauen heute. Als Dreizehn- bis Fünfzehnjährige wurden sie von dieser Jugendarbeit der Gemeinde angelockt. Erst langsam merkten sie, dass Fragen nicht zugelassen waren; dass Zweifel oder nur das Suchen nach Begründungen für kirchliche Lehraussagen schon als Glaubensabfall galten. Und hinter Glaubensabfall stand das Schreckensbild der Hölle. Genau davor aber sollten sie bewahrt bleiben. Deshalb kam wohl sehr bald und sehr eindringlich das Angebot des Priesters: Ich will dein geistlicher Führer sein.
Jugendliche sich selbst und ihrer Umwelt entfremdet
An sich eine tolle Sache, wenn ein Priester sagt: Ich bin für dich da. Ich will dich begleiten auf deinem Glaubensweg. Ich will dir – wenn du es willst – raten und helfen. Wenn aber diese persönliche Freiheit nicht respektiert wird, kann aus geistlicher Führung ein unerträglicher Zwang werden. Und genauso beurteilen die jungen Frauen rückblickend, was mit ihnen geschah. Sie seien angehalten worden, keine Entscheidung (vom Verhalten in der Schule bis zur Berufswahl) ohne Rücksprache mit dem geistlichen Führer zu treffen. Immer unter der Gewissensfrage: „Bin ich bereit, das anzunehmen, was mein geistlicher Führer mir sagt, weil er im Glauben weiter ist?“ Kein Wunder, dass rasch eine geistliche Abhängigkeit entstand, die die Jugendlichen sich selbst und ihrer Umwelt entfremdete.
Der Einfluss von Eltern und Freunden/Freundinnen wurde ohnehin gezielt abgeschnitten. Den Eltern sei aufgefallen, so erzählen die jungen Frauen, dass das, was anfangs überzeugend gewirkt habe, in rabiate Ablehnung gegenüber der Familie umgeschlagen sei, in hartes Be- und Verurteilen der anderen und eine völlige Engführung auf die Kontakte zur Gruppe und dem Orden der Thuiner Franziskanerinnen. In Thuine finden die regelmäßigen Sonntagstreffen, Exerzitien und andere Begegnungen statt.
„Mir war das nie so klar geworden, wie nahe ich am Feuer war und in Gefahr, zu verbrennen“, sagt die Jüngste in der Runde, noch Schülerin, knapp ein halbes Jahr dem totalen Einfluss jener Gemeinschaft entzogen, in deren Geist der Kaplan die Jugend geformt hatte. Sein Nachfolger hat in der Gemeinde gespürt, „dass da ein Widerstand ist, eine Mauer, hinter der etwas Spirituelles steht“. Er hat lange gebraucht, bis er das Vertrauen der Jugendlichen fand, die sich dem ungeheuren, psychischen und geistlichen Zwang zu entziehen suchten. Jetzt ist er dabei, langsam wieder ihr Vertrauen in Kirche und Glauben aufzubauen. Und vor allem Freude am Glauben zu wecken. Gegen den Absolutheitsanspruch nur einer geistlichen Lebensform sagt er: „Gott hat viele Wege, auf die er Menschen ruft. Und jeder muss entdecken, wo Gott ihn haben will.“ Freie Entscheidung statt sich Fügen in einem falsch verstandenen Gehorsam.
Dieser Abend ist wie ein Albtraum. Da sind junge Menschen, die Gott suchen, die die Welt und die Kirche lieben. Die beten wollen. Die aus den Sakramenten leben. Die suchen, wo Exerzitien angeboten werden. Und die sind Jahre hindurch um des Glaubens willen (!) in eine geistliche Abhängigkeit gebracht worden. Nicht im Mittelalter, sondern im 20. Jahrhundert, und hier im Bistum Osnabrück. Und nicht sie allein, sondern eine unbekannte Zahl von Jugendlichen, Jungen wie Mädchen, die auf diese Weise zum Ordensleben, Priestertum und inzwischen auch zur Ehe geführt werden!
Ende eines langen Schweigens
Obwohl Priester, Lehrer und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Gemeindeseelsorge schon seit geraumer Zeit davon berichten, dass eine geistliche Gruppe im Bistum massiv in Glaubensfragen auf junge Menschen einwirkt, wirkt das, was Betroffene selbst erzählen, auf mich wie ein Schock. Zumal die Ordensschwestern, Priester und Laien, die im Geist ihrer Christusgemeinschaft mit solchem Engagement jungen Menschen nachgehen, sicher nur das Beste wollen, aber in einer Enge und mit einer Rigorosität, die jeden Menschen verurteilt und fallen lässt, der nicht auf ihrer Linie ist. Und damit verbreiten sie ein Zerrbild Gottes und der Kirche. So jedenfalls die Erfahrung von Betroffenen aus verschiedenen Regionen unseres Bistums, die nach dem langen Zwang zum Schweigen um eines bitten: dass offen über diese Bewegung und mit ihr gesprochen wird.
Schon vor vielen Monaten haben wir als Kirchenzeitung versucht, mit der Gemeinschaft ein Informationsgespräch zu führen. Es wurde trotz mehrfacher Terminabsprachen abgelehnt. Jetzt können wir nur den betroffenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen Stimme geben und hoffen, dass die Mauern des Schweigens, die seitens der Gemeinschaft aufgebaut wurde, zerbricht.
Es ist so wichtig, ja lebensnotwendig für die Kirche und für die Welt, dass junge Menschen ihr ganzes Leben als Berufung von Gott her verstehen lernen und in dieser Haltung zu den spezifischen geistlichen Berufen hingeführt werden. Aber das darf nur in Freiheit, in Freude und Liebe geschehen.
Gott zwingt niemanden, Gott ruft und lockt. Und er hat Geduld und die Langmut der vertrauenden Liebe. Darauf kommt es in der Kirche an.
Die „Christusgemeinschaft“ entstand in den 1980er Jahren als neue geistliche Gemeinschaft im Bistum Osnabrück. Ihre Geschichte wurde jetzt an der Universität Münster in einer wissenschaftlichen Studie über geistlichen Missbrauch aufgearbeitet. Die Ergebnisse werden am 25. September vorgestellt.
Externe Ansprechpersonen für Betroffene:
Ingrid Großmann, evangelische Pastorin, Coach,
Supervisorin, Mediatorin
Telefon 08 00 5 89 48 15
E-Mail: info@grossmann-coaching.de
Maria Feimann, Pädagogin und Supervisorin
Telefon 08 00 7 35 41 28
E-Mail: feimann@intervention-os.de
Michael Oesterheld, Ehe-, Familien- und Lebensberater i.R., freiberuflicher Coach
Telefon 08 00 0 73 81 21
E-Mail: oesterheld@intervention-os.de