Impuls zur Sonntagslesung am 20. September 2026

Mal sehen, wer in den Himmel kommt

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Waage am Hauseck
Nachweis

Foto: imago/imagebroker

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Wohin neigt die Schale sich? Goldene Balkenwaage an einem Fachwerkhaus in der Altstadt von Frankfurt.

Die Lesungen dieses Sonntags fordern heraus. Denn sie beschreiben einen sehr eigenwilligen Gerechtigkeitssinn Gottes. Das kann gut für uns sein. Oder extrem ärgerlich. Weil niemand weiß, warum und wie sich die Waagschale bei wem neigt.

Einige Arbeiter freuen sich: Sie hatten schon damit gerechnet, an diesem Tag ohne Einkommen nach Hause gehen zu müssen. Doch dann wurden sie kurz vor Feierabend noch angeworben. Und bekamen am Ende den gesamten Tageslohn: einen Denar. Wow, großzügig, dieser Gutsherr.

Andere Arbeiter ärgern sich: Sie haben den ganzen Tag geschuftet und bekommen dafür nur einen Denar. Gut, die Summe war vereinbart, aber sie hatten heimlich mit mehr gerechnet – wo doch schon die Nachzügler einen Denar bekommen hatten. Absolut ungerecht, dieser Gutsherr.

Bei der Geschichte, dem Evangelium dieses Sonntags, handelt es sich um ein Gleichnis. Es geht darin also nicht um Arbeitgeber und Arbeitnehmer, um Weinberge und Lohngerechtigkeit. Es geht um Gott und Mensch, um das Himmelreich und den ewigen Lohn, das Heil. Was die Sache aber kaum besser macht. Denn auch in dieser Frage sagt unser Gerechtigkeitsgefühl ziemlich klar: Jemand, der sich ein Leben lang bemüht hat, sollte mehr Lohn bekommen, als einer, der erst auf dem Totenbett bereut. Ein guter Mensch kommt in den Himmel, ein Putin in die 

1. Am Ende entscheidet Gott allein

Dass man sich den Himmel nicht verdienen kann, ist eine gängige Glaubensweisheit – und doch versuchen es viele irgendwie. Aber die Texte dieses Sonntags machen es sehr deutlich: Der Gutsherr im Gleichnis gibt sein Geld, wem und wie er selber will. Er zahlt nicht nach Arbeitsdauer und nicht nach Leistung; er verschenkt, wie man sprichwörtlich sagt, „nach Gutsherrenart“. Er ist – noch so eine Redensart von früher – der „Gnädige Herr“. Wenn Menschen sich so etwas herausnehmen, gruselt es uns heute – siehe Donald Trump, der Menschen nach Gutdünken begnadigt. Aber Jesus sagt: So ist Gott, er schenkt seine Gnade, wem er will, und ist niemandem dafür Rechenschaft schuldig.

Für unser menschliches Denken und unseren persönlichen Gerechtigkeitssinn ist das möglicherweise schwer zu ertragen. Vielleicht auch für den Propheten Jesaja. Deshalb lässt er in der Lesung Gott sagen: „So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken.“ Auch das gehört zum Glauben – zu bekennen: Am Ende entscheidet kein Mensch, sondern Gott allein.

2. Eine gewisse Bereitschaft ist Voraussetzung

Wobei es dann doch nicht völlig egal ist, wie der Mensch sich verhält. In der Lesung fordert Jesaja ausdrücklich ein Leben nach Gottes Geboten. Er schreibt: „Der Frevler soll seinen Weg verlassen, der Übeltäter seine Pläne. Er kehre um zum Herrn, damit er Erbarmen hat mit ihm.“ Das klingt so, als hätten die, die bis zum Ende im Bösen verharren und keine Neigung zur Umkehr zeigen, dann doch nicht so viel Gnade zu erwarten.

Und auch im Gleichnis Jesu ist es ja so, dass die Tagelöhner bis zum bitteren Ende auf dem Marktplatz ausharren – immer in der Hoffnung, doch noch einen Aushilfsjob zu ergattern. Vielleicht sind andere schon gegen Mittag nach Hause gegangen – sie bekommen den Lohn nicht. Eine gewisse Bereitschaft, Gottes Ruf zu hören, eine Offenheit, seinen Auftrag irgendwann doch noch zu erfüllen, ist hier klar auszumachen.

Für unser menschliches Denken und unseren persönlichen Gerechtigkeitssinn ist das möglicherweise schwer zu ertragen. Vielleicht auch für den Propheten Jesaja. Deshalb lässt er in der Lesung Gott sagen: „So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken.“ Auch das gehört zum Glauben – zu bekennen: Am Ende entscheidet kein Mensch, sondern Gott allein.

3. Zwischen Gerechtigkeit und Gnade

Hinzu kommt: Die biblischen Texte sind insgesamt keineswegs eindeutig. Manche betonen die Gerechtigkeit Gottes – und nehmen menschliche Gerechtigkeit dafür als Vorlage. Andere betonen ausdrücklicher die unverdiente Gnade.

Wer jetzt denkt, nun ja, das Alte Testament ist sicher streng, das Neue Testament ist gnädig, der sollte wissen: Nein, so einfach ist es nicht. Auch das Alte Testament spricht von Gott, der „barmherzig ist und gnädig, langmütig und reich an Huld“ (Psalm 103,8). Und die Evangelien haben Stellen, die sehr ungnädig etwa von den törichten Jungfrauen sprechen, die, als sie beim Bräutigam ankommen, die Tür verschlossen vorfinden. Oder von „unnützen Dienern“, die hinausgeworfen werden „in die äußerste Finsternis“, wo „Heulen und Zähneknirschen“ sein wird (Matthäus 25,30). Oder denken Sie an das Gleichnis vom Weltgericht, das sehr deutlich macht, was Christus jenen sagen wird, die sich nie um die Not der anderen gekümmert haben: „Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer.“ (Matthäus 25,41)

An den Beispielen zeigt sich: Auch die biblischen Schriftsteller waren sich nie sicher, wie es am Ende des Lebens, am Ende der Zeiten sein wird. Ob sich die Waagschale bei Gottes Gnade oder bei Gottes Gerechtigkeit senken wird. Und was das für jeden von uns bedeutet. Der letzte Satz Jesu im Gleichnis dieses Sonntags sollte deshalb ernst genommen werden: „So werden die Letzten Erste sein und die Ersten Letzte.“

4. Müssen wir uns am Endei m Himmel ärgern?

Was heißt das jetzt für uns? Gerade für die, die versuchen, als treue Katholiken zu leben: mit Gottesdienst und Gebet, mit Spenden und Engagement in Gemeinde und Gesellschaft? Das kann doch alles nicht umsonst sein! Und was ist, wenn wir im Himmel all die treffen, die das nicht gemacht haben, die als Ich-AG durchs Leben gegangen sind? Das wäre doch nicht fair!

Ich persönlich glaube an zweierlei: erstens, dass Glaube und Engagement keine Opfer sind, die wir darbringen, um Gott zu gefallen. Glaube und Engagement bereichern das Leben hier auf Erden, machen es sinnvoll und schön, gerade auch in schweren Zeiten. Wer nur auf Ich-AG und Konsum setzt, kann auf keinen Fall glücklicher sein als die, die dem Wir einen hohen Stellenwert einräumen. Also: Auch wenn wir uns nicht den Himmel verdienen, gewinnen wir zumindest hier auf Erden.

Und zweitens glaube ich, dass wir auch dann, wenn wir im Himmel Menschen treffen sollten, die wir dort nicht erwarten, tief in unserem Inneren verstehen werden, warum Gott sie gerettet hat. Welche guten Seiten sie hatten, die wir nie gesehen haben. Und dass wir uns dann an ihrem Glück vielmehr freuen können als an ihrer Bestrafung. Denn Eifersucht und Neid werden nicht mehr sein.

Wie das klappen kann? Keine Ahnung, denn seine Gedanken sind nicht meine Gedanken und seine Wege sind nicht meine Wege. Aber ich bin sicher: Es wird gut

Susanne Haverkamp