Was uns diese Woche bewegt

Mehr „Blumen“ während des Lebens

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Im Sommer starb die Art-Direktorin eines bekannten überregionalen Magazins. Den Fotos nach zu urteilen, war sie noch recht jung. Normalerweise hätte ich über diese Nachricht hinweggelesen. In besagtem Magazin stand aber nicht der übliche Nachruf – es waren 40 Nachrufe. Sehr persönlich geschrieben, berührend, wertschätzend, ehrlich. Einige wie Briefe formuliert. Ein Abschied der Kolleginnen und Kollegen. Mit wunderbaren Sätzen wie: „Du warst Freundin, mehr als Kollegin, ein Gefühl von Familie und stille Gewissheit, dass sich für alles ein Weg finden lässt.“

Beim Lesen dachte ich: Hoffentlich wusste die Verstorbene, wie sehr sie zu Lebzeiten geliebt und geschätzt wurde. Leider ist es ja so, dass wir solche „Blumen“ im Alltag selten verschenken, weil wir Menschen, die unser Leben bereichern, als selbstverständlich betrachten. Erst wenn sie fehlen, merken wir, wie wichtig sie waren. Blumen und liebe Worte legen wir dann erst am Grab nieder. 

Anfang Oktober starb Aloys Lögering. Er war der erste Diözesanbeauftragte für den interreligiösen Dialog im Bistum Osnabrück. Mit seiner freundlichen, bescheidenen und zugleich beharrlichen Art hat er mich für interreligiöse Themen begeistert, mir viele Türen geöffnet und meinen beruflichen Weg sehr geprägt. Er war zum Beispiel auch Ideengeber für meine Studienabschlussarbeit über islamischen Religionsunterricht.

Ich bin ihm dankbar – ebenso wie Inessa Goldman aus der jüdischen Gemeinde, die zusammen mit Aloys Lögering 2007 das Projekt „Judentum begreifen“ in die Schulen brachte. Ich lernte Inessa bei einer interreligiösen Tagung näher kennen. Sie machte mir das Judentum im wahrsten Sinne des Wortes schmackhaft – indem sie mir nicht nur ihre Glaubensgeschichte als jüdische Einwanderin aus Lettland erzählte, sondern auch ihr Haus öffnete und mir erklärte, warum ihre Küche zwei Spülbecken und zwei Elektroherde hat und was am Feiertag Sabbat auf den Tisch kommt. Wir haben koscher gekocht und an einer Broschüre über Zivilcourage im Nationalsozialismus gearbeitet. 

Längst war aus unserem Arbeitsverhältnis eine Freundschaft geworden. Wir hatten noch weitere Pläne, aus denen jetzt leider nichts mehr wird. Inessa ist gestorben. Weil sie vor drei Jahren nach Süddeutschland umgezogen war, habe ich erst spät von ihrem Tod erfahren. Ich erinnere an eine unglaublich liebenswerte, starke und dialogfähige Frau. Nichts, was ich hier über sie schreibe, überraschend für sie gewesen wäre. Sie wusste, was ich an ihr schätzte. Denn „Blumen“ im Alltag – die habe ich ihr zum Glück häufiger vorbeigebracht. 

Anja Sabel