Gute Frage - Teil 2

Muss ich alles vergeben?

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Zettel mit einer handschriftlichen Notiz
Wir alle sehnen uns nach einem friedlichen Zusammenleben – und doch kommt es immer wieder zu Streit. Aus psychologischer Sicht ist das kein Widerspruch. Streit gehört zur Beziehung – und das ist gut so.

Schwieriger wird es, wenn Konflikte lange ungelöst bleiben. Vielen fällt es schwer, Fehler einzugestehen oder um Verzeihung zu bitten. In einer Gesellschaft, die Perfektion sehr schätzt, wirkt das Eingeständnis von Schuld oft bedrohlich. Dabei ist es selbstverständlich, Fehler zu machen – und ebenso notwendig, sie wieder aus der Welt zu schaffen. Der Satz „Vergib mir bitte“ kann dabei eine Brücke sein. Er öffnet den Weg zur Versöhnung.

Und Versöhnung muss nicht immer harte Arbeit sein. In tragfähigen Beziehungen ist Verzeihen oft selbstverständlich und sogar beglückend. Wer Fehler nicht mehr krampfhaft vermeiden muss, kann Konflikte, Grenzen, Verschulden und Vergebung natürlicher in den Alltag integrieren. Verzeihen und Versöhnen stellen Beziehung wieder her – und das tut gut. Unser Gehirn verknüpft Bindung eng mit Motivation und Wohlgefühl, weshalb sich nach einer Versöhnung oft ein spürbares Aufatmen einstellt.

Nicht jeder muss verzeihen. Ob jemand eine Beziehung fortführen oder Abstand halten möchte, ist eine persönliche Entscheidung. Dennoch zeigt die Erfahrung: In Groll und Hass zu verharren, schadet oft der eigenen Seele. Verletzungen losz lassen kann ein heilsamer Weg sein, aber er lässt sich nicht erzwingen – schon gar nicht von denen, die sie verursacht haben.

Christoph Hutter, von der Ehe-, Familien- und Lebensberatung Osnabrück (EFLE), beantwortet in dieser Serie Fragen, die in den Gesprächen der Beratungs-Stellen eine Rolle spielen.

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