Schwerpunkt: Kartage und Ostern
Personen der Passion
Bilder: Esther Hermann
Vom Dunkel ins Licht. Die Passion Jesu - gestern und heute
Er lässt sich vom Jubel mitreißen
Herrje, war das eine Stimmung da draußen! Immer mehr Menschen sammelten sich an der Straße. Sie redeten, jubelten, klatschten. Einer rief: „Schaut! Da kommt er!“ Der Mann drinnen wurde neugierig. Er stand auf, ging raus und stellte sich mitten in die Menge hinein. „Was ist dieser Jesus wohl für einer?“, fragte er sich. „Wie sieht er aus, wie tritt er auf?“ Freunde hatten ihm erzählt, er könne Blinde wieder sehen und Lahme wieder gehen lassen. Und jetzt ritt dieser Jesus in Jerusalem ein. Wie ein Triumphator. Ob die Römer sich das gefallen lassen würden?
Jesus kam näher. Der Mann hörte, wie die Menschen „Hosanna“ riefen, lauter und lauter. Er sah, wie sie Palmzweige und Kleider auf den Weg legten, um Jesus zu huldigen. Und wie sie vor Freude strahlten. Einer fiel ihm spontan um den Hals. Der Mann spürte, wie gut das tat: anderen nahe zu sein – und mit einer Menge zu verschmelzen. War er nicht wirklich großartig, dieser wundersame Menschenfreund Jesus? Und könnten sie alle mit ihm als Anführer nicht viel Gutes bewirken? Ohne lange nachzudenken, stimmte er in den Chor ein: „Hosanna! Hosanna!“
Was er damals erlebt hat, das kennen wir auch heute: Da sind Menschenmengen, die etwas bewegen wollen – und wir überlegen, ob wir mitmachen sollen. Zum Beispiel die Klimaschützer von Fridays for Future. Oder die Demonstrationen gegen die rechtsextreme AfD nach den Enthüllungen über Pläne zur massenhaften Vertreibung von Menschen aus Deutschland. Oder die spontanen Hilfsaktionen für die Ukraine nach dem Beginn der russischen Invasion.
Je mehr Menschen sich von einer Bewegung des Guten begeistern lassen, umso kraftvoller wird sie. Sicher ist es sinnvoll, nicht blind mitzulaufen, sondern weiterzudenken: Was, wenn die erste Euphorie vorüber ist? Was, wenn Gegenwind kommt? Was, wenn der Alltag zurückkehrt? Aber sicher ist es auch gut, nicht nur auf seinen Kopf zu hören, sondern seinem Bauchgefühl zu vertrauen. Und erst mal mit anzupacken. Der Rest, der findet sich schon.
// Andreas Lesch
Er ist von Jesu Rede überfordert
Die ganze Zeit hatte er schon so abwesend gewirkt, dachte Petrus. Er blickte zu Jesus herüber. Kaum ein Wort hatte er zu den Jüngern gesprochen, still sein Brot gegessen. Irgendetwas lag in der Luft. Dabei hatten er und Johannes sich solche Mühe gegeben, den Raum für das Paschafest gut vorzubereiten. Die Speisen hatten sie zubereitet, die Sitzkissen ausgeklopft, die Kerzen entzündet. Alles sollte stimmig sein. Aber so fühlte es sich an diesem Abend nicht an.
Auf einmal sprang Jesus auf, legte sein Gewand ab, nahm sich ein Leinentuch und eine Schüssel Wasser und kniete vor den anderen Jüngern nieder. Die machten große Augen. „Was soll das nun werden?“, fragte sich Petrus. Da begann Jesus, den Männern ihre Füße zu waschen. Nein, das geht nun wirklich nicht, dachte er sich und sagte laut: „Du, Herr, willst mir die Füße waschen?“ Auf keinen Fall, das würde er nicht zulassen. Jesus war sein Vorbild, er vertraute ihm, verehrte ihn. Niemals sollte er seine staubigen Füße anfassen müssen.
Jesus sagte ihm, dass er nur so Anteil an ihm haben könne. „Was soll das denn schon wieder heißen?“, dachte sich Petrus. Natürlich wollte er zu Jesus gehören. Schließlich hatte er sein früheres Leben aufgegeben, um ihm zu folgen. Da reichten dann aber nicht nur die Füße, dann sollte Jesus ihn ganz waschen. Er wollte ein Teil von ihm sein – mit Haut und Haaren. Er rückte näher zu ihm heran. Doch Jesus schüttelte den Kopf. Es ging ihm nicht um das Waschen. Wer aus dem Bad komme, der sei rein, sagte Jesus. Und redete sich in Rage: Die Jünger seien rein, aber nicht alle. Sie sollten sich ein Beispiel an ihm nehmen und einander die Füße waschen. Er sprach von Sklaven und Herren, von Hierarchien, die aufgebrochen werden. Petrus schien von dieser Rede überfordert zu sein. Er und die Jünger blickten einander ratlos an.
Wie geht es uns mit dieser Bibelstelle? Brechen wir Hierarchien in unserem Leben auf? Helfen wir einander? Schenken wir dem Obdachlosen auf der Straße einen Kaffee oder ein Lächeln? Unterstützen wir Geflüchtete, wenn sie neu in unserer Stadt sind? Sind wir da für die Schwachen und Hilflosen in unserer Gesellschaft? Dann haben wir Jesu Botschaft verstanden.
// Kerstin Ostendorf
Er glaubt und gerät doch auf Abwege
Judas ging an der Spitze des Trupps durch die Dunkelheit. Hinter ihm die Soldaten mit Schwertern und Knüppeln. Zwischen den Ölbäumen stand Jesus und sprach mit seinen Jüngern. Die Stimmung schien angespannt zu sein. Seit sie in Jerusalem angekommen waren, lag Unheil in der Luft.
Judas ging auf Jesus zu und sagte: „Sei gegrüßt, Rabbi.“ Dann küsste er ihn. Das war das verabredete Zeichen. Doch bevor die Soldaten Jesus festnahmen, sagte dieser: „Freund, dazu bist du gekommen?“ Das Wort fuhr Judas in die Knochen: „Freund“.
Judas war von Anfang dabei. Er gehörte zum Kreis der Zwölf, der engsten Jüngerschar. Er hatte gesehen, wie Jesus Wunder tat und wie er den Auftrag empfangen hatte, das Himmelreich zu verkünden. Judas glaubte an Jesus. Doch vielleicht hatte er sich alles anders vorgestellt – und gehofft, dass Jesus das Volk Israel befreien würde. Jesu Worte klangen umstürzend. Doch immer wieder ahnte Judas: Jesus meint es anders. Er will die Welt nicht mit Waffen bezwingen. Er setzt auf Einsicht, Liebe und Mitgefühl.
War es die Enttäuschung, die Judas dazu brachte, Jesus auszuliefern? Vielleicht dachte er auch, dass Jesus nur unter Druck geraten müsse, um endlich seine Macht auszuspielen. Wer weiß, wenn er erst mal mit dem Tod bedroht ist, wird er wohl losschlagen? Manche sagten später, Judas war vom Teufel besessen. 30 Silberlinge erhielt er für den Verrat. So viel, wie ein Gutsherr als Schadensersatz für einen getöteten Sklaven erhielt.
Jesus wusste doch, was Judas vorhatte. Beim Paschamahl hatte er angekündigt, dass einer der Jünger ihn verraten werde. „Bin ich es etwa, Rabbi?“, hatte Judas ihn gefragt. „Du sagst es“, war Jesu Antwort. Und noch immer nannte Jesus ihn, den Verräter, einen Freund. Was Judas ausgelöst hatte, war nicht mehr zu stoppen. Später hörte Judas, dass die Römer Jesus zum Tod am Kreuz verurteilt hatten. Er wollte das Blutgeld loswerden, sich nicht auch noch am Tod des Meisters bereichern. Doch die Hohepriester verspotteten ihn, nahmen das Geld nicht zurück. Für sie war der Handel perfekt.
Judas war ein gebrochener Mann. Jemand, der glaubte und dann doch auf Abwege geriet. Der vielleicht aus guter Absicht das Falsche tat. Dabei hätte Jesu Zuspruch – seine Liebe, sein Vorbild, sein offenes Ohr – ihn retten und aufrichten können. So wie das auch uns gilt.
// Ulrich Waschki
Sie kann ihren Mann nicht mehr anschauen
Ihre jüdische Dienerin hatte ihr schon eine ganze Zeit lang von einem Wanderprediger erzählt, von dem sie gehört hatte. Aus Galiläa soll er gekommen sein und früher mal als Handwerker gearbeitet haben. In ganz Jerusalem spreche man über ihn, hatte sie gesagt. Er soll Kranke gesund machen, Blinde sollen sehen können und Lahme gehen.
Er soll gesagt haben, dass die Armen bei Gott reich seien und dass sie im Himmelreich die ersten sind. Schön wär’s, dachte die Frau! Aber immerhin: Endlich interessiert sich jemand für die ganzen Unglücklichen in diesem Land! Ihr Mann tat es jedenfalls nicht, obwohl er Präfekt von Judäa war.
Eines Nachts träumte sie von diesem Prediger. Sie sah ihn von weitem, dann sah er sie. Er machte keine abfällige Geste, wie manche Schriftgelehrte gegenüber Römern. Er lächelte und lud sie in seinen Kreis ein. Doch bevor sie näherkommen konnte, hielt Pilatus sie zurück und die Diener der Priester packten den Mann und schleppten ihn ab wie einen Kriminellen.
Dann wachte sie auf und bemerkte, dass es nicht nur ein Traum war. Die Priester hatten den Wanderprediger tatsächlich in ihrer Gewalt. Sie zerrten ihn vor Pilatus und verlangten seine Hinrichtung. Das konnte sie nicht stillschweigend geschehen lassen.
Sie ging zu ihrem Mann, warnte ihn: „Pilatus, lass die Finger von ihm!“ Doch er hatte Angst vor den Priestern, ausgerechnet er, der Römer! Er ließ den Mann kreuzigen, obwohl er unschuldig war. Seitdem konnte die Frau ihren Mann nicht mehr anschauen. Sie sah in ihm nur noch den Manipulierbaren und Verschämten.
Die Zeit hat die Angst der Menschen nicht geheilt. Klar können wir heute unserem Gewissen folgen, aber es kostet Mut und Durchhaltevermögen. Die Welt wird nur besser, wenn wir die Stimme in uns erstnehmen, die sagt: Mach den Mund auf! Tritt für diesen Menschen ein!
// Barbara Dreiling

Er fühlt Schuld und hat Albträume
Nachts hatte Simon Albträume. Meist sah er diesen Mann und sich selbst und alles, was geschehen war: Die Römer hatten den Mann zum Tod verurteilt und wie alle, die hingerichtet werden sollten, musste er den Balken, an den er genagelt werden sollte, selbst zur Richtstätte tragen. Er schaffte es nicht. Er brach unter dem Holz zusammen.
Simon war von der Feldarbeit gekommen, als ihm der Kreuzigungstrupp begegnete. Er wollte noch abbiegen, doch es war zu spät. Einer der Römer packte ihn am Arm und befahl, den Balken dieses Verurteilten zu tragen.
Er sah diesen gefolterten, blutenden Menschen, der kaum mehr gehen konnte. „Hätte ich ihm nicht bei der Flucht helfen können?“, dachte er später. „Aber wie? Wie hätte ich diesen Kraftlosen in Sicherheit bringen können?“ Stattdessen trug er sein Kreuz und brachte ihn immer näher zur Hinrichtung. Er hatte ja selbst Angst vor den Römern.
Auf dem Berg angekommen, rannte er schreiend weg. Er wollte nicht sehen, wie dieser Mensch umgebracht wird. Aber seitdem ließ ihn der Tag nicht los. Er fühlte Ohnmacht und Schuld, hatte Albträume, dachte immer wieder an den Mann. Doch niemand wollte es hören.
Auch heute geht es Menschen wie diesem Simon von Kyrene. Sie werden gezwungen, etwas zu tun, was sie nicht wollen. Bei grausamen Dingen mitzumachen – als Soldaten, Aufseher, Handlanger. Viele leiden ihr ganzes Leben darunter. Aber heute gibt es mehr Menschen, die bereit sind, zuzuhören und das Leid mitzutragen. Es ist nicht mehr übermächtig, es hat Namen wie Posttraumatische Belastungsstörung. Und man kann sie behandeln. Manche finden dann aus ihren Albträumen heraus und Frieden mit ihrer Geschichte.
// Barbara Dreiling
Sie sieht ihren Sohn am Kreuz leiden
Es war ein dunkler, ein finsterer Tag. Maria saß mit anderen Frauen etwas abseits. Nah genug, um alles zu sehen. Zu weit entfernt, um eingreifen zu können. Sie sah ihren Sohn leiden, sah, wie sein Körper am Kreuz hing. Und wie das Leben langsam aus ihm wich. Sie hörte seine Stimme nicht, hörte den Schrei in den Himmel nicht, flehend, bittend, verzweifelt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Niemand rettete ihr Kind. Wie musste es dieser Frau gehen, als die Erde zu beben begann? Wie viel mehr musste in ihr selbst kaputt gehen, zerbrechen, sterben, als Jesus am Kreuz gefoltert wurde, seinen letzten Atemzug machte, starb?
Eine Szene, die aktueller kaum sein könnte. Sterben doch die Söhne so vieler Mütter gerade. Als Angreifer, als Verteidiger von Ländern an Grenzen in naher Ferne. Mütter tragen ihre Kinder zu Grabe. Jene, die den eiskalten Winter in den Wohnungen und Häusern der Ukraine einfach nicht überlebt haben. Jene, die in den Armen der Mütter in Gaza verhungern, weil kein Essen zu finden ist – obwohl nicht weit weg genug hinter verschlossenen Grenzen wartet. Jene, die im Iran für Freiheit und Demokratie auf die Straße gehen und als Leichen zurück zu den Familien gelangen. Jene, die in den USA von ICE-Agenten erschossen worden sind. Sie alle stehen unter Kreuzen unserer Zeit.
Zusehen aus der Ferne. Hilflos. Das müssen nicht nur diese Mütter. Auch wir tun es. Sehen Bilder, lesen Nachrichten, wenden uns ab und wieder zu. Was bleibt in einer Zeit solch finsterer, dunkler Tage? Hoffnung vielleicht. Nicht als billiger Trost, sondern als leiser Trotz. Als Ahnung, dass Leid nicht das letzte Wort behält. Dass nach dem Stillstand Bewegung kommt. Dass Aufstehen möglich ist – selbst dann, wenn alles verloren zu sein scheint, wenn der letzte Atemzug scheinbar schon gewesen ist und die Erde längst bebt.
// Lisa Discher
Er tut seine Pflicht,weil er muss
Er tat nur seine Pflicht. Er hatte es sich nicht ausgesucht, hier zu sein. Hier, in diesem öden Landstreifen am Ende der Welt, fern von der Familie in Rom. Und hier an dieser Hinrichtungsstätte außerhalb von Jerusalem. Er hasste den Kreuzigungsdienst.
Klar, es ging nicht allen so. Manche Kameraden hatten Spaß daran, ihre Opfer zu quälen. Diesen hier zum Beispiel: einen jüdischen Aufrührer, so hieß es, der sich zum König machen wollte. Sie hatten ihm aus Spaß eine Krone aus Dornen aufgesetzt, extra fest, damit auch Blut lief. Sie hatten ihm einen alten Mantel umgehängt und ihn spöttisch gegrüßt. Und bespuckt. Und geschlagen. Und dazu gejohlt. Ihn widerte das an. Aber er musste eben seine Pflicht tun. Muss ja jeder.
Müde schaute er nach oben ans Kreuz. Es sah so aus, als würde es nicht mehr lange dauern. Wurde auch Zeit, bald würde die Sonne untergehen und der Sabbat anbrechen. Ein seltsamer Feiertag, aber die Juden kannten da kein Pardon: Von Sonnenuntergang bis Sonnenuntergang ruhte alles Leben.
Er hatte Respekt vor dem Mann, der da oben hing. Diese Würde, diese Gelassenheit. Kein Fluchen, kein Drohen. Ein paar Frauen waren mitgekommen, eine war wohl seine Mutter. Manchmal lächelte der Sterbende sie an. Wer gab hier wem Trost?
Der Hauptmann glaubte nicht, dass der Mann da oben wirklich ein Verbrechen begangen hatte. Nein, er wirkte auf ihn wie ein Gerechter, ein guter Mensch. Aber so waren die Zeiten eben. Da kam man leicht unter die Räder. Und was sollte er schon tun? Seine Pflicht, was sonst.
So wie Soldaten in allen Zeiten und in allen Ländern. Bis heute. Manche kämpfen für eine gerechte Sache, andere nicht. Manche freuen sich am Schmerz der Feinde und an der Gewalt, andere nicht. Manche bleiben Menschen, andere werden Unmenschen. Und das gilt letztlich nicht nur für Soldaten: Der Grat ist schmal zwischen Pflichterfüllung und stiller Zustimmung. Besonders in dunklen Zeiten.
// Susanne Haverkamp
Er fragt sich,was jetzt werden soll
Bei den anderen hielt er es nicht länger aus. Sie hockten alle zusammen, in einer Wohnung in Jerusalem. Die Fenster verschlossen, die Tür verriegelt. Einige hatten Angst, nun selbst am Kreuz zu landen, andere weinten still. Er selbst hatte stundenlang vor sich hingestarrt. Er fand keine Worte für das, was gestern geschehen war: Jesus, der fast reglos das Urteil annimmt. Jesus, der sein Kreuz durch die Stadt schleppt. Jesus, der durchbohrt wird von Nägeln. Jesus, der seinen letzten Atemzug … schon wieder kamen ihm die Tränen. Er musste hier raus, frische Luft holen, die Gedanken sortieren.
Er lief die staubige Straße entlang. Was sollte nun aus ihnen werden? Jesus war nicht mehr da. Der Dreh- und Angelpunkt ihrer Gruppe fehlte. Würden sie zusammenbleiben? Könnten sie Jesu Auftrag erfüllen? Was genau wäre eigentlich jetzt ihr Auftrag? Oder sollte jeder in sein Heimatdorf zurückkehren? Nicht, dass die Römer sie auch noch verhafteten.
Die Bibel erzählt nichts über den Tag nach Jesu Tod. Vermutlich aber zogen sich die Jünger aus der Öffentlichkeit zurück. Stützten sich gegenseitig, trauerten gemeinsam, hielten die innere Leere aus – so, wie wir uns heute gegenseitig helfen, wenn jemand in unserer Familie oder im Freundeskreis gestorben ist. Wir suchen nach etwas, an dem wir uns festhalten können: Dankbarkeit, den Menschen gekannt zu haben, für die gemeinsame Zeit, für die schönen Erinnerungen.
Vielleicht dachten die Jünger auch darüber nach, was sie von Jesus gelernt haben und was von ihm nach seinem Tod bleiben wird. So wie wir uns heute vielleicht liebevoll daran erinnern, wie der Opa uns zeigte, ein Fahrrad zu flicken, oder wie die Mutter es schaffte, die ganze Familie ohne Zank am Esstisch zu versammeln.
Vielleicht können wir von den Jüngern Jesu lernen, dass es auch in den dunkelsten Stunden kleine Lichtpunkte gibt, die Trost schenken – die uns zeigen, es ist nicht vorbei. Es geht weiter.
// Kerstin Ostendorf
Er spürt, wie sein Herz hoffnungsvoll klopft
Johannes rannte. Seine Sandalen klatschten laut auf dem Boden, sein Atem ging schwer. Aber er ließ nicht nach.
Längst hatte er Petrus hinter sich gelassen. Die anderen sowieso, die waren gar nicht erst losgelaufen. „Geschwätz“, hatten sie gesagt, als ein paar Frauen sagten, der Stein sei vom Grab weggerollt und die Grabhöhle selbst leer.
Doch er und Petrus hatten sich nur angesehen und waren gleich zur Tür gelaufen. Es war nicht weit von dem Haus, in dem sie sich versteckt hielten, zu dem Garten, wo sie ihn beerdigt hatten. Die anderen: Josef, Nikodemus und ein paar Frauen. Er selbst war zu feige gewesen. Und zu verzweifelt.
Noch ein paar Schritte, dann konnte er die Stelle sehen. Ruckartig hielt Johannes an. Tatsächlich, der Stein war weggerollt. Wer mochte das getan haben? Und warum? Langsam ging er auf das Grab zu. Nein, allein würde er nicht hineingehen. Er würde auf Petrus warten, lange konnte es ja nicht dauern.
Johannes schaute sich um. Ja, da kam er schon. Unsicher sahen sich die beiden an: der etwas grobschlächtige Anführer und der zarte junge Mann. „Ich gehe rein“, brummte Petrus. Es dauerte nur einen Moment, bis er wieder da war. „Leer bis auf die Leinenbinden“, sagte er nur, schüttelte den Kopf, drehte sich um – und verschwand.
Johannes atmete tief durch. Dann ging er in die dunkle Höhle. Leer. Bis auf die Leinenbinden. Und doch begann auf einmal sein Herz zu klopfen. Verwirrt. Aber doch irgendwie freudig, hoffnungsvoll. Ganz anders als in den letzten Tagen. Und wenn doch alles gut würde?
Diese Erfahrung gibt es auch heute noch: dass nach tiefer Trauer, nach Angst oder Einsamkeit plötzlich ein Hoffnungsschimmer auftaucht – und man weiß gar nicht so recht, warum und woher. Plötzlich ist er da, dieser tiefe Glaube, dass doch alles seinen Sinn hat, dass das Leben gut ausgeht.
Wahrscheinlich hat dieser Glaube mit Liebe zu tun. Wie bei Johannes.
// Susanne Haverkamp
Sie erschrickt, ihn so nah bei sich zu spüren
Drei Tage ist es her, dass sie diesen geliebten Menschen, ihren Freund verloren hat. Nachdem er am Kreuz gestorben war und sein Leichnam verhüllt in das Felsengrab gebracht wurde, ging sie nach Hause. Trauerte, beging den Sabbat. Am dritten Tag raffte sie sich auf, sein Grab zu besuchen. Sie ging früh los und gab sich dem Schmerz hin, der sie seit dem Verlust beherrschte. Weinte, konnte nicht glauben, dass Jesus nicht mehr ist.
Und plötzlich sah sie ihn. Als gingen ihr die inneren Augen auf. „Fürchte dich nicht“, beruhigte er sie. „Ich bin bei dir.“ Es erschreckte sie, ihn so nah bei sich zu spüren, das erzählen die Evangelien. Und doch war da das Wissen: Jesus ist nicht gegangen. Nicht ganz. Er lebt.
Wer einen geliebten Menschen verloren hat, der wird dieses Gefühl kennen: das Verlorensein, die Leere, die Hilflosigkeit. Eine Frage, die dann vielleicht dominiert: „Und das war es jetzt?“ Dieser Mensch ist einfach weg, nicht mehr greifbar, nicht mehr spürbar? Die Verzweiflung, die übermannt in der Trauer, wer kennt sie nicht.
Doch nach einiger Zeit setzen sich die Gefühle. Vielleicht kann man langsam annehmen, dass der Tod des geliebten Menschen nicht alles beendet. Die Liebe stirbt nicht mit. Die Erinnerungen sind nicht weg. Was der Mensch hinterlässt – noch da. Dann fällt es vielleicht leichter, den Verlorenen zu spüren. Doch das braucht Zeit. Zeit, zu trauern und in sich zu gehen. Und dann?
Vielleicht sieht man ihn dann an einem schönen Tag, in der Gestalt eines Schmetterlings, der plötzlich auf der Hand landet. Oder in den Tropfen des Meeres, wenn man am Strand sitzt und die Gischt einem um die Füße spült. Als Regenbogen, der sich über den grauen Himmel zieht. Vielleicht spürt man den Geliebten und Verstorbenen ganz unterwartet, ohne, dass man sagen könnte, in welcher Form oder Art.
Vielleicht fürchtet man sich dann kurz – wegen der Tiefe der Gefühle. Aber nur kurz. Denn dann ist da Gewissheit. Wie ein Windhauch, als kleiner Moment. Ohne es erklären zu können, weiß man: Er ist da. Nicht ganz gegangen. Er begleitet mich. Immer.
// Lisa Discher