Abtei St. Hildegard feiert Jubiläum
125 Jahre - wie geht es weiter?
Foto: Christa Kaddar
„Wir möchten das Kloster als Ort der Gottespräsenz erhalten, aber auf Dauer können wir das große Haus nicht allein finanzieren“, sagt Äbtissin Katharina Drouvé. „Wir haben Platz in Überfülle und es ist nicht zu verantworten, dass 30 Schwestern so viel Raum beanspruchen. Ideal wäre es, wenn sich auch Möglichkeiten der Mitnutzung finden, die der Region dienen.“ Jede Schwester müsse sich überlegen: Was brauche ich wirklich? Das sei ein heilsamer Prozess. Andererseits wird mit der Beschränkung des Raumangebots auch eine Verbesserung des Komforts einhergehen, denn bisher haben die meisten Zellen der Schwestern keinen Wasseranschluss. Je nachdem, wo die Zimmer liegen, kann der Weg zu den Toiletten und Bädern weit sein in diesem großen Gebäude – und im Winter kalt in den langen Fluren.
„Wir hatten Anfang April eine zweitägige Transformationswerkstatt mit renommierten Expertinnen und Experten, die sehr aufschlussreich war“, berichtet die Äbtissin. Es sei dabei um die Entwicklung von klugen und kosteneffizienten Lösungen für den behutsamen Umbau des Klosters gegangen, um nachhaltiges Wasser- und Energiemanagement, Sanitärkonzept, Verbesserung des Raumklimas, Brandschutz, Denkmalschutz, Architektur und Design. Vor einem Jahr hat die Abtei St. Hildegard die Nachricht erhalten, als eines von 17 Projekten des Förderprogramms Nationale Projekte des Städtebaus des Bundes ausgewählt worden zu sein. Durch die programmatische Erweiterung und das Ermöglichen von Mitnutzungen soll die Zukunft der Abtei gesichert werden. Das Vorhaben hat bundesweiten Modellcharakter für die Weiterentwicklung von Klöstern. Die Förderung beinhaltet drei Millionen Euro. Weitere Fördermittel aus dem Denkmalschutz-Sonderprogramm und von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz für bereits getätigte oder laufende Sanierungen kommen hinzu.
Es seien bereits Gespräche mit möglichen und passenden Mitnutzern geführt worden, die aber derzeit noch nicht spruchreif seien, erwähnt die Äbtissin. Vorstellen kann sich die Gemeinschaft zum Beispiel Mitnutzungen von Hochschulen, Archiven oder auch die Mit- und Nachnutzung von bestehenden Handwerks- und Kunstbetrieben. Ein wichtiges Thema sei die Versorgung der alten und kranken Schwestern, die im Konvent bleiben sollen, solange sie leben. „Eventuell wollen wir Pflegewohngruppen einrichten und sind dazu bereits in Gesprächen.“
Offen für alle Menschen
Foto: Christa Kaddar
Was auf jeden Fall erhalten und vielleicht noch ausgeweitet werden soll, ist die Beherbergung von Gästen. „Da suchen wir nach alternativen Modellen“, sagt die Äbtissin. „Wie können wir Gäste mit Nähe zum benediktinischen Leben noch besser einbinden? Wie können wir ein Ort sein, der auch Menschen ohne kirchliche Bindung Raum gibt für die Suche nach Sinn und Orientierung?“, seien die Fragen, die sich stellen. „Mir ist es wichtig, dass wir für alle Menschen offen sind – gleich welcher Nation, Religion oder Konfession.“ Sie kann sich vorstellen, dass Menschen auch für eine gewisse Dauer in einem „Kloster auf Zeit“ leben. „In Abschnitten leben“ und sich nicht mehr fest binden wollen, sei ein Trend, den man aufgreifen könne. Ebenfalls kann sich die Äbtissin vorstellen, Zimmer an Doktorandinnen zu vermieten, die ihre Doktorarbeit in Theologie schreiben. Wichtig sei ihr, dass der Umbau so gestaltet wird, dass das Haus flexibel nutzbar ist, falls doch wieder mehr Eintritte erfolgen.
„Das sind alles Visionen. Wichtig ist, dass das Kloster ein Ort der Gottsuche, des Lebens und der Begegnung bleibt“, sagt sie. „Und Gastfreundschaft ist etwas Wesentliches. Gastfreundschaft ist einer der Namen Gottes. Wenn Gäste da sind, geht mir das Herz auf.“ Die ausgebreiteten Arme des Christus in der Apsis der Abteikirche sind für sie ein berührendes Bild dieser Offenheit.
125 Jahre auf festem Grundstein
Der Grundstein für die Abtei St. Hildegard war am2. Juli 1900 gelegt worden. Nachdem das Hildegardiskloster im Ortskern von Eibingen 1803 säkularisiert worden war, erhielt die Verehrung der heiligen Hildegard ab Mitte des 19. Jahrhunderts neue Impulse, insbesondere durch den Eibinger Pfarrer Ludwig Schneider. Über den aus Geisenheim stammenden Bischof Peter Josef Blum wurde die Anregung, in Eibingen ein Nachfolgekloster zu gründen, an Fürst Karl zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg herangetragen. Er griff sie begeistert auf, denn auf diese Weise konnte er die Grundstücke aus dem Kirchengut zurückgeben, die ihm mit der Säkularisierung zugefallen waren. Es dauerte noch viele Jahre und viele Hindernisse waren zu überwinden, bis hoch über Eibingen das monumental wirkende Kloster gebaut werden konnte.
Vier Jahre nach der Grundsteinlegung konnte das neue Nachfolgekloster der heiligen Hildegard von 15 Benediktinerinnen aus Prag besiedelt werden. Die Baugeschichte hat Schwester Klara Antons, Archivarin der Abtei, in ihrem Festvortrag beschrieben. Sie hat die Bautagebücher durchgearbeitet und Dokumente aus dem Klosterarchiv und anderen Archiven dafür zusammengetragen und für ihren Vortrag anlässlich des 125-jährigen Jubiläums der Grundsteinlegung aufbereitet.
Auch wenn immer noch junge Frauen in die AbteiSt. Hildegard eintreten, hat sich die Zahl von 60 Schwestern seit 1990 auf 30 halbiert. In früheren Zeiten waren es weit über 100 Benediktinerinnen, die hier lebten. Nach der Regel des heiligen Benedikt arbeiten die Schwestern in den Kunstwerkstätten, im Gästehaus, im Klosterladen und im Weingut, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen; sie beschäftigen eine wachsende Zahl von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Um die Klosteranlage, die als Denkmal eingestuft ist, zu sanieren und zu erhalten, war und ist die Gemeinschaft auf Fördermittel angewiesen.