Erntedank

Ähre sei Gott

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Erntedank
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Foto: istockphoto/by-studio

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Erntedank: Gedenken an die Gaben der Natur

An diesem Sonntag feiern wir Erntedank und denken dabei vor allem an die Gaben der Natur.
Wie wäre es, den Blick zu weiten und zu fragen: Wofür können wir in unserem Leben noch dankbar sein – allen Weltkrisen und privaten Problemen zum Trotz?

In vielen Gemeinden sieht der Altarraum an diesem Sonntag anders aus als sonst. Dort hängt eine Erntekrone aus Ähren, dort liegen Kürbisse und Kartoffeln, Gurken und Tomaten, Äpfel und Weintrauben. Denn am ersten Sonntag im Oktober feiert die katholische Kirche Erntedank. Der Dank gilt Gottes Schöpfung. Und der Nahrung, die sie uns schenkt.

Womöglich ist das Fest in diesem Jahr besonders wertvoll. Denn Dankbarkeit gerät vielen Menschen gerade ein bisschen aus dem Blick. Weil andere Gefühle dominieren. Da ist Angst vor den Krisen, die Russlands Krieg und die Erderhitzung auslösen. Da ist Ärger, weil Menschen den Eindruck haben, die Bundesregierung nehme ihre Sorgen nicht ernst genug, etwa jene vor den problematischen Folgen von massenhafter Migration. Und da ist Verunsicherung, weil die Welt sich so schnell verändert und sie sich fragen, wo in dieser Welt noch ihr Platz ist.

Es wäre falsch, diese Gefühle zu ignorieren. Aber es könnte richtig sein, die Dankbarkeit danebenzustellen. Und Gott nicht nur für die Gaben der Natur zu danken. Sondern sich bewusst zu machen, wie wunderbar viel uns sonst noch geschenkt ist. Im Alltag, inmitten all der Sorgen, vergessen wir das Gute schnell. Es entlastet, sich bewusst zu machen, dass nicht nur das Schlechte, sondern auch das Gute zur Wahrheit gehört. Es hilft, manch eine Sorge zu relativieren. Und auch mal durchzuatmen.

Was das sein könnte, das Dankbarkeit verdient und in keiner Schlagzeile vorkommt? Zum Beispiel: Kinder, die gesund sind. Enkel, die kuscheln kommen. Eltern, die noch leben. Ein Beruf, der erfüllt. Tage mit einer Krankheit, aber ohne Schmerzen. Nachbarinnen, die einfach mal klingeln, um zu fragen, wie es geht. Ein Land ohne Krieg. Häuser mit Heizung, Wasser, Strom, nicht zerstört von Putins Mörderbande. Die Demokratie. Luft ohne Smog. Ein Staat, der Geld hat, um Bedürftigen zu helfen. Ein eigener Garten. Ein vergleichsweise gnädiger Klimakrisensommer, mit Regen und kühleren Tagen. Die vielen ehrenamtlich Engagierten, in der Kirchengemeinde, im Fußballverein, bei der Tafel. Und natürlich der Glaube, der Kraft und Hoffnung schenkt, auch an tristen Tagen.

Jeder kann mithelfen, dass in unserer Welt Gutes wächst

Jeder Mensch kann diese Liste für sich gewiss noch verlängern, und schon jetzt ist sie ziemlich lang. Sie ist so lang, weil Gott uns die Möglichkeit geschenkt hat, aus unserem Leben auf dieser Welt etwas zu machen – und weil sehr viele Menschen diese Möglichkeit nutzen. Weil sie sich für andere einsetzen, mit ihrer Zeit, ihren Fähigkeiten, ihren Ideen. Weil sie, um das Bild von Erntedank wieder aufzunehmen, etwas säen, was andere dann ernten können.

Vielleicht ist gerade das die Botschaft von Erntedank in einer schwierigen Zeit: Jeder Mensch kann mithelfen, dass in unserer Welt etwas Gutes wächst. Jeder kann konstruktiv streiten, Lösungen für Probleme suchen, Schwache unterstützen – und spalterische, rassistische Kräfte bekämpfen. Jeder kann sich dafür einsetzen, dass auch unsere Kinder noch einen lebenswerten Planeten haben. Jeder kann die Gaben, die Gott uns schenkt, vermehren. Was könnte eine Idee sein, um gleich heute anzufangen?

Andreas Lesch