Märchen in der Trauerbegleitung

Am Ende des Weges steht das Glück

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Märchen Trauer Fischer
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Foto: privat

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Mit Märchen und Musik bieten Märchenerzählerin Sonja Fischer (links) und Gemeindereferentin Marie Pieck einen besonderen Zugang zu Abschied und Trauer.

Märchen stammen aus einer Zeit in der Tod und Trauer noch selbstverständlicher Teil des Lebens waren. Mal heiter, mal nachdenklich, mal tröstend erzählen sie von den großen Themen des Lebens, geben Hoffnung und schenken Trauernden und Sterbenden eine Perspektive. Wie genau, das erklärt Märchenerzählerin und Trauerbegleiterin Sonja Fischer aus Bad Essen.

Märchen und Trauer – wie passt das zusammen?

Fischer: Ich bin seit 28 Jahren hauptberuflich Märchenerzählerin. Mein Weg begann ehrenamtlich auf der Kinderkrebsstation im Klinikum Augsburg. Dort habe ich regelmäßig Märchen erzählt für schwerstkranke Kinder - Kinder, die Hoffnung schöpfen wollten. Und für deren Eltern und Großeltern. Dabei merkte ich schnell, dass Märchen große Trostspender sind.

Wie genau?

Fischer: Märchen reichern schwere Themen mit Hoffnung, etwas Glitzer und Übernatürlichem an. Dadurch zeigen sie: Egal wie schwer es ist, es gibt immer ein Licht, eine Lösung und Hoffnung.

Viele Märchen behandeln auch direkt Leben und Tod, bieten einen Ausblick auf den Himmel, ein Leben nach dem Tod oder Hoffnung. Es gibt sogar lustige oder schöne Märchen, die den Tod gut erklären.

Was ist wichtig beim Märchenerzählen?

Fischer: Sich Zeit nehmen, zu spüren und zu fühlen, was Menschen brauchen, ist immer das Wichtigste. Wenn Menschen tief in ihrer Trauer stecken, versinken sie oft darin und finden keinen Weg heraus. Volksmärchen erzählen eine Heldenreise und wandern seit Jahrhunderten von Herz zu Herz. Beim Zuhören entsteht das Gefühl, das Geschehen selbst mitzuerleben. Dadurch berührt ein Märchen eine Stelle im Innersten der Menschen, die man über ein normales Gespräch gar nicht erreichen würde.

Gibt es bestimmte Märchen, die Sie bei Trauernden besonders gerne erzählen?

Fischer: „Die Königstochter in der Flammenburg“ ist ein solches Märchen. Darin weiß ein Vater bei der Geburt seines Knaben nicht, wen er als Paten wählen soll, weil er schon so viele Kinder hat. Ein Reisender wird Pate und schenkt dem Jungen einen Stier mit einem goldenen Stern auf der Stirn. Der Stier begleitet den Jungen durch alle Lebensaufgaben, reitet mit ihm durchs eisige Meer und den Feuerberg, um die Königstochter zu befreien. Als der Jüngling gelernt hat, auf sich selbst zu hören und seine Aufgaben zu meistern, fliegt der Stier unter Tränen in den Himmel. Dieses Bild der Seele, die in den Himmel fliegt, gibt besonders Trauernden und Kindern enormen Trost. Ich habe es schon oft bei Trauerfeiern erzählt.

Viele Menschen sagen, Märchen seien zu grausam …

Fischer: Märchen sind nicht grausam. Sie sind wie ein Spiegel und spiegeln eben auch die Grausamkeit im Leben wider, nicht umgekehrt. Sie geben dabei aber auch immer Hoffnung und zeigen den Menschen: Hey, egal wie schwer es ist, es gibt immer ein Licht. Es gibt immer wieder eine Lösung. Es gibt was Göttliches.  

In den Märchen erzählt Sonja Fischer Trauernden auch vom Glück, dass am
Ende des Weges liegen kann.

Was bewirkt die Bildsprache in den Märchen?

Fischer: Das Bild vom Fliegen in den Himmel oder über die Regenbogenbrücke spendet Kindern großen Trost. Kinder sind oft voller Hoffnung. Sie oder ihre Geschwister malen zum Thema Trauer fast immer Regenbogenbilder oder sagen Dinge wie: „Ich verwandele mich doch nur in einen Schmetterling oder einen Drachen.“ Sie haben einen mythologischen Glauben an den Übergang oder an die Unsterblichkeit der Seele. Für Kindertrauerfeiern nutze ich daher oft Märchen vom Regenbogen oder Geschichten von der Raupe, die sich in einen Schmetterling verwandelt.

Und wie reagieren Erwachsene?

Fischer: Auch Erwachsene atmen bei Trauerfeiern tief durch, wenn ich Metaphern wie den Schmetterling nutze, weil sie sich im Herzen viel mehr angesprochen fühlen als durch tausende Worte. Die Menschen sind dankbar für diese bildhafte Sprache. Dieses bildliche Beschreiben von Prozessen, die wir einfach nicht erklären können, gibt ihnen Hoffnung und Trost.

Gibt es das Göttliche im Märchen?

Fischer: In Märchen verkörpert der König oft das Göttliche oder das Über-Ich. Er steht für die Entwicklung und die Belohnung am Ende. Märchen stammen aus dem Volk, weshalb immer Glaube und Hoffnung in ihnen stecken. Bibelgeschichten und Märchen nutzen dieselbe Bildsprache. Die Gleichnisse der Bibel arbeiten genau wie Märchen mit universellen Bildern und symbolischen Figuren.

An was erinnern uns Märchen?

Fischer: Märchen erinnern an etwas Kollektives, erzählen von Dingen, die vielen Menschen vertraut vorkommen. Ganze Botschaften, die uns Menschen bewegen, sind in Märchen verankert

Ich erzähle auch Märchen in Pflegeheimen. Alte oder demente Menschen wachen bei Märchenstunden wieder auf, erinnern sich. Geschichten wie die der Bremer Stadtmusikanten mit dem Satz „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall“ erzähle ich bewusst. Die meisten Menschen im Pflegeheim wollen ehrlich über das Sterben sprechen, wollen Hoffnung haben und wie die Helden der Märchen noch ein kleines Stück Glück finden.

Hat sich die Trauerkultur in den fast 30 Jahren Ihrer Tätigkeit verändert?

Fischer: Ja, sehr. Früher gab es starre Regeln. Heute ist die Trauerkultur insgesamt viel weiter, offener und es wird mehr kommuniziert.

Besuche auf dem Friedhof sind nicht mehr nur schwarz und traurig. Menschen picknicken am Grab oder trinken ein Glas Sekt auf den Verstorbenen. Die Trauer bekommt wieder ihren Platz im Leben. Sogar Kitagruppen besuchen mittlerweile Bestatter, was ich gut finde. Der Wunsch nach individuelleren Wegen des Abschieds kehrt zurück. Und dazu gehört eben auch das Märchenerzählen.

Haben Sie persönlich ein Lieblingsmärchen?

Fischer: Ich habe mehrere, aber eines meiner liebsten ist „Das Brokatbild“. Es stammt aus Tibet und handelt von Leben, Tod und Übergängen. Eine alte Frau webt drei Jahre lang an einem kostbaren Brokatbild, in das sie all ihre Sehnsüchte, Träume und Wünsche hineinwebt. Kaum ist das Tuch fertig, weht der Wind es fort.  Während die Mutter immer schwächer wird, machen sich ihre Söhne auf den Weg, es zu suchen. Sie müssen schwere Aufgaben erfüllen, durch eisige Meere und Feuerberge reiten. Der jüngste Sohn holt das Bild schließlich zurück und rettet das Leben seiner Mutter. Das Märchen beschreibt das ganze Leben mit seinem Rauf und Runter, erzählt von der Kraft der tiefen Sehnsucht. Dieses Märchen liebe ich sehr.

Dorothee Fleute

Zur Person

Sonja Fischer aus Bad Essen ist als „Miss Fairytale“ seit 2012 freiberufliche Märchenerzählerin. Sie hat Erziehungswissenschaften, Psychologie, Pädagogik und katholische Theologie studiert und ist als Trauerrednerin und in der Sterbebegleitung aktiv. Gemeinsam mit Gemeindereferentin Marie Pieck (Harfenmusik) bietet sie unter anderem Projekte und Programmpunkte für Hospizvereine („Am Ende des Weges steht das Glück“) oder über das Osnabrücker Erzähltheater an. Infos: www.missfairytale.de