Chagall-Fenster in St. Stephan in Mainz
Biblische Botschaft in Blau
Foto: Bistum Mainz/nichtweiß
Konzert zum Jubiläumsjahr mit dem Ensemble Sonova: Im Mai wurde der Übergabe der letzten Chagall-Fenster vor 40 Jahren gedacht.
Eingehüllt in Blau – so fühlt sich, wer St. Stephan betritt. „Blau steht bei Marc Chagall für die Präsenz Gottes“, sagt Thomas Hieke. Der Professor für Altes Testament an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz beschäftigt sich seit einigen Jahren intensiv mit den Chagall-Fenstern in der Mainzer Stephanskirche. Die Glaskunstwerke sind weit über die Stadt hinaus bekannt für ihr Blau und ihre bunten Motive aus der Bibel. Sie sind die einzigen Glasfenster von Marc Chagall (1887-1985) in Deutschland.
Thomas Hieke, Mitglied im Förderverein Biblische Botschaft Marc Chagall (BBMC), bietet Führungen zu diesen Fenstern an. Mit seinem Format „Geschichten im Glas“ setzt er die geistliche Vermittlung der Chagall-Fenster fort, die einst Monsignore Klaus Mayer (1923-2022), ehemaliger Pfarrer von St. Stephan, mit seinen Meditationen begann. Hieke erzählt etwa von König David mit der Harfe, vom träumenden Jakob oder vom kinderlosen Paar Abraham und Sara. Das Angebot findet an bestimmten Samstagen vormittags statt (das nächste Mal am 20. September). Drei Szenen werden erzählt, mit Gebet und Segensbitte am Schluss. „Manchmal bedanken sich Menschen bei mir nach dieser halben Stunde der ,Andacht‘ – das freut mich dann sehr“, berichtet er. Seine Erläuterungen hat er in einer bebilderten Broschüre zusammengefasst. Darin beschreibt er locker die biblischen Szenen, als wenn sie erst gestern passiert wären. Szenen, die jede und jeder auch in der Heiligen Schrift nachlesen kann.
„Die Menschen sind mit den Geschichten der Bibel kaum noch vertraut“, sagt Hieke und fasst damit eine seiner Erfahrungen aus den Führungen in St. Stephan zusammen. Die Bibel nicht falsch zu verstehen, Vorurteile auszuräumen, das ist dem Alttestamentler wichtig. Das Buch „Bibel falsch verstanden. Hartnäckige Fehldeutungen biblischer Texte erklärt“ zeugt von dieser Motivation. Hieke und sein Kollege Konrad Huber, Professor für Neues Testament, haben es herausgebracht. Inzwischen ist der dritte Band in dieser Reihe erschienen. „Es gibt klassische Missverständnisse, die eine lange Tradition haben. Aber sie sind trotzdem falsch“, betont Hieke. Etwa die Annahme, Gott verlange Opfer. Chagall hat auch die Prüfung Abrahams in den Fenstern dargestellt: Abraham, der vermeintlich seinen Sohn als Opfer darbringen soll, zückt das Messer. Aber links oben im Bild schwebt ein Engel heran, in Rot und mit einer Art Schaf in den Händen. Hieke deutet die Szene so: „Gott verlangt zu glauben, dass selbst dann, wenn das Messer schon erhoben ist – noch Rettung möglich ist.“ Und der Engel mit dem Tier? „Das Opfer bringt Gott selbst mit. Gott will hier kein Opfer“, ist er überzeugt. „Opfer waren für die Menschen da, um mit Gott in Kontakt zu kommen. Inzwischen gibt es dafür andere Wege.“
Erinnerung an Jesus als Jude
Marc Chagall hat auch eine Figur aus dem Neuen Testament dargestellt: Jesus als Gekreuzigten, in Gelb. Umfangen von tiefem Blau. „Gelb steht hier für das Judentum. Gelb wurde schon im Mittelalter verwendet, um Juden zu kennzeichnen“, erklärt Thomas Hieke. Auch der Stern, den Juden während der Nazi-Zeit tragen mussten, war gelb. „Marc Chagall erinnert alle Christinnen und Christen, die diese Kirche betreten, daran, dass Jesus Jude war und als Jude gekreuzigt wurde“, erläutert er. Die Shoa, die massenhafte Vernichtung der Juden, sei somit in dieser Kirche präsent „und erfordert von allen, die diese Fenster sehen, das ernst gemeinte Bekenntnis: Nie wieder!“
Der Tod Jesu ist nicht das Ende. Jesus wird gerettet. Für Christen folgt nach dem Karfreitag die Auferstehung. Chagall hat das durch zwei Engel und durchgehendes Blau ausgedrückt. So erklärt Thomas Hieke die entsprechende Fensterszene. „Die Geschichten der Bibel sind Rettungsgeschichten.“ Altes und Neues Testament beziehen sich dabei aufeinander. Noah wurde mit seiner Familie auf der Arche gerettet, Jesus am Kreuz, erklärt der Bibelwissenschaftler. „Die Menschheit wurde beide Male mit Holz gerettet.“
Die Fenster in Mainz, die der französisch-russische Künstler Marc Chagall hochbetagt schuf, sind von dessen biblischem Weltbild durchdrungen. Sie gehören zu seinen letzten Werken. Chagall hatte es zu Lebzeiten abgelehnt, seine Bilder selbst zu interpretieren, sie sollten aus sich heraus wirken. Dennoch wurden und werden sie gedeutet. Monsignore Mayer tat dies in seinen Meditationen. Auch Thomas Hieke interpretiert sie, sein Grundsatz für die Bibel: Die Deutung muss dem Leben dienen. „Sie ist falsch, wenn sie Leben einschnürt.“ Der Sinn hinter den Bibelmotiven müsse entdeckt, erarbeitet, sozusagen eingesehen werden. Dabei hilft der Verein BBMC: Ehrenamtliche, die Fragen beantworten, Bildbände, Bücher, Broschüren, Postkarten, Führungen, Audioguides.
Auf Zukunft hin brauche es mehr personelle Unterstützung, vor allem Menschen, die sich für die Fenster interessieren und sich mit ihrem Engagement einbringen wollen, sagt Thomas Hieke. Wer helfen will, ist willkommen. Allen Besucherinnen und Besuchern von St. Stephan empfiehlt er: „Sich die Fenster öfter und länger anschauen. Auch die Bibeltexte immer mal wieder lesen.“ Eine Deutungshoheit über die Chagall-Fenster aber gebe es nicht, findet er. „Das Kunstwerk mit seiner Botschaft“, so Hieke, „gehört allen, die es anschauen und sich davon ansprechen lassen.“