Jesidin erzählt in Sögel ihre Fluchtgeschichte

Dankbar für den Neuanfang

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zwei Frauen in der Kirche
Nachweis

 Foto: Maria Thünemann

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Sameera Al Silo (r.) erzählt im Interview mit Lektorin Carmen Jakobs von ihren Erlebnissen auf der Flucht.

Die Hoffnung hat sie am Leben gehalten. Bei der Sögeler Friedenswoche hat Sameera Al Silo in der katholischen St.-Jakobus-Kirche ihre Geschichte erzählt. Die 28-jährige Jesidin berichtete über ihre Flucht, ihre Gefangenschaft beim sogenannten „Islamischen Staat“ (IS) und ihren Neuanfang in Deutschland.

Die Gäste in der Kirche waren sichtlich bewegt von der Lebensgeschichte der Jesidin. Das Jesidentum ist eine eigenständige Religion, deren Wurzeln bis etwa 2000 Jahre vor Christus zurückreichen. Seit Jahrhunderten sind Jesidinnen und Jesiden systematischer Verfolgung ausgesetzt. Als 15-Jährige erlebt Sameera Al Silo 2014 den Überfall der Terrormiliz IS auf die jesidischen Dörfer im nordirakischen Sindschar. Ihr Vater und ihre Onkel werden erschossen, sie selbst wird von ihrer Familie getrennt und gemeinsam mit anderen jungen Frauen nach Mossul und später nach Rakka verschleppt.

Während ihrer monatelangen Gefangenschaft erlebt sie Hunger, Gewalt und sexualisierte Übergriffe. „Es gibt keine Wärme und Menschlichkeit innerhalb des IS“, berichtete sie. Hoffnung schöpft sie, als es ihr gelingt, Kontakt zu ihrer Familie aufzunehmen und erstmals seit langer Zeit wieder die Stimme ihrer Mutter zu hören. „Dann hatte ich wieder Hoffnung, die mich am Leben gehalten hat“, sagte sie in Sögel unter Tränen.

An der Grenze wartet der Bruder

Gemeinsam mit einer Freundin gelingt ihr schließlich die Flucht. Über die türkische Grenze kehrte sie in den Irak zurück, wo an der Grenze ihr um ein Jahr jüngerer Bruder auf sie wartet. „Ein unbeschreiblich schönes Gefühl“, so Al Silo. In einem Flüchtlingscamp in Dohuk findet sie schließlich auch ihre Mutter und ihre anderen jüngeren Brüder wieder. 2015 kommt die Familie über ein Sonderprogramm für verschleppte jesidische Frauen nach Niedersachsen. Heute lebt sie in Oldenburg. 

Seit Kindertagen kennt Sameera den Satz: „Ein Jeside kann ein guter Mensch sein, aber auch kein Jeside kann ein guter Mensch sein." Religion spielt keine Rolle. Der beste Freund ihres Vaters ist seinerzeit ein Christ gewesen. Darum versteht sie den Genozid der Jesiden nicht. Jesiden gehören einer religiösen Minderheit an, deren Glauben unter anderem die Verehrung des Engels Tawûsê Melek, der häufig als blauer Pfau dargestellt wird, umfasst. Die IS bezeichneten die Jesiden als „ungläubig“ und „Abschaum“.

"Hier möchte ich bleiben"

Sameera Al Silo möchte mit ihrer Geschichte auch zeigen, dass nach traumatischen Erlebnissen ein Neuanfang möglich ist. „Ich bin dankbar, dass ich erfahren konnte, dass es neben bösen Menschen auch gute Menschen gibt, die mir bei der Flucht und dem Neubeginn in Deutschland geholfen haben. Hier fühle ich mich sicher und möchte ich auch bleiben.“

Begonnen hatte die Veranstaltung in der evangelischen Markuskirche mit einem Impuls zum Thema „Frieden und Vertreibung“. Zudem informierte die Lektorin Melanie Schmidt über die Geschichte und Lebenssituation der Sinti und Roma sowie über Vorurteile und Diskriminierung. Die Besucher gestalteten Friedenstauben mit persönlichen Wünschen und Gedanken. 

Gisela Arling