"Park der Stille"
Den Friedhof als Lebensort für Alt und Jung erhalten
Ein stillgelegter Friedhof wird in Fulda-Horas zur Stätte der Lebenden. Für den Rückzug, für Ruhe, Erinnerung und Besinnung. Aber auch als nah erreichbarer Platz zur Erholung und Inspiration. Ein Ortstermin mit Stefan Grauel vom Förderverein „Park der Stille“.

Goldener Herbst auf einem idyllischen Stück Grün im Fuldaer Stadtteil Horas. Stattliche Bäume tragen buntes Laub, zur Mittagszeit entfaltet sich ein besonderes Farbspiel im Sonnenlicht. Eine lange Steinmauer schützt den am Hang gelegenen Bereich – ein ehemaliger Friedhof. Nach 1996 gab es hier keine Beerdigungen mehr. Die meisten Gräber sind schon aufgegeben. Einige werden weiterhin gepflegt. Am Kindergrab für Barbara stehen Buchsbaum, Heidekraut und Mini-Alpenveilchen.
Auf dem Gelände soll es weiterhin ruhig bleiben. Aber nicht leblos. So wünscht es sich der 2018 gegründete Förderverein „Park der Stille“. „Kein Fußballpark, kein Partypark“, macht dessen Vorsitzender Stefan Grauel klar. Der Verein hat sich zur Aufgabe gemacht, eine beschauliche Harmonie für die Naherholung zu erhalten und mit leisem Leben zu erfüllen. Die Stadt Fulda als Eigentümerin überließ ihm das Gelände zur Nutzung.
Im Moment geht es hier an den Werktagen eher geräuschvoll zu. Auf dem vorderen Teil der Freifläche wird gearbeitet. Ein Bauwagen, Maschinen und Werkzeug für die Landschaftsgestaltung finden sich. Rotes Flatterband sperrt den Bereich vor der ehemaligen Aussegnungshalle. Ein neues Steinpflaster wird verlegt.
Die Halle, 1951 von der Stadt Fulda errichtet, steht unter Denkmalschutz. Renovierung und Ausbau des kleinen Gebäudes war das erste Ziel, das der Förderverein „Park der Stille“ sich setzte. Der Vorsitzende, ehrenamtlich als Politiker tätig, hatte dazu das Gespräch mit den Verantwortlichen gesucht. Ergebnis: „Die Stadt hat die Halle in Verbindung mit uns wiederhergestellt. Die großen Gewerke wurden vergeben, die kleinen Gewerke haben die Mitglieder des Fördervereins gemacht.“ Wasser, Abwasser, Strom und Elektrik kamen her. Die ehemalige kleine Sakristei wurde zur Küche. Entstanden ist auch eine behindertengerechte Toilette. „Das wollten wir unbedingt haben, um in der Halle kleine kulturelle Veranstaltungen stattfinden zu lassen“, so Grauel.
Der frische Außenputz der ehemaligen Aussegnungshalle leuchtet in der Sonne. An die ursprüngliche Funktion des Ortes erinnert an der Fassade eine Kratzmalerei. Ein Engel führt eine Seele zum Himmel. Auch dieses Sgrafitto, aller Wahrscheinlichkeit nach von dem Kunstmaler Hermann Wirth aus dem Nachbarstadtteil Niesig, ist erhaltenswert. Ebenso wie ein Tonnengewölbe aus Holz im Innenraum.

des „Parks der Stille“ in Horas
„Das Haus bietet Platz für 15 bis 20 Personen“, erklärt der Vorsitzende des Fördervereins. Gebäude und Gelände sollen der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Unter den bisherigen regelmäßigen Nutzern befindet sich der Hospizverein. Er bietet Gespräche zur Trauerbewältigung an. Im Advent wird eine Veranstaltung mit der Kirchengemeinde und dem Kinderchor zum Stichwort „Entschleunigung“ stattfinden. Die Flügel der Eingangstür lassen sich öffnen und damit die Fläche nach außen erweitern. Künftig wollen dort auch Schulen stundenweise Angebote stattfinden lassen. Grundschüler können zum Beispiel Bienenstöcke auf dem Gelände besuchen. Gymnasiasten können Halle und Freifläche als Malatelier nutzen.
Herbstlaub im Wind umspielt einige Meter weiter Gräberreihen aus dem Zweiten Weltkrieg: Menschen aus Horas, die bei einem Luftangriff im Dezember 1944 umgekommen sind, wurden dort bestattet.
Weitere Grabmale erinnern an Verstorbene aus den 1950er-Jahren, die den Ort prägten. Ein Lehrer etwa oder ein Metzgermeister. Und natürlich ehemalige Priester von Horas. Angedacht ist ein künftiger Rundgang über die Stätte mit QR-Codes, die digital über das Leben dieser Personen informieren. Denn der alte Friedhof hat kulturhistorische Bedeutung und ist stadthistorisch erhaltenswert.
Stefan Grauel führt zur Fläche, auf der in den vergangenen Sommermonaten bereits erfolgreich Lesungen im Freien stattfanden: „Es lief ganz gut an. Wir haben daher für nächstes Jahr schon wieder sechs oder sieben solcher Veranstaltungen geplant.“ Heimische Autoren, die aus ihren Werken vortrugen. Heimische Musiker, die im Freien konzertieren. Heimische Künstler, die ausstellen möchten. Vielleicht demnächst auch einmal etwas Meditatives mit Klangschalen. Vor allem möglichst, ohne Eintritt zu nehmen. Grauel: „Man kann spontan hierher kommen, sich eine Decke oder Klappstühle mitbringen, etwas zu essen oder trinken auch.“ Bei schönem Wetter gibt es Angebote draußen. Bei schlechtem Wetter kann alles Zubehör schnell in die Halle geräumt werden. „Es ist hier coronagerecht, das kam uns ein bisschen zugute“, freut er sich.
Die Veranstaltungen dauern in der Regel eine Stunde. Danach gibt es die Möglichkeit zur Begegnung. Angebote, für die sich auch in einem gefüllten Kalender noch Zeit finden. „Viele Leute sagen, das ist mal was für Horas“, berichtet Grauel. „Ich gehe aus der Haustür heraus und muss nicht extra in die Stadt.“ Erwartet hatte der Verein eher die älteren Mitbürger. Doch überraschenderweise „kommen auch die 30- und 40-Jährigen mit ihren Kindern“, womit der Vorsitzende des Fördervereins nicht gerechnet hätte: „Die sagen, hier stört das nicht so, wenn die Kleinen mal was fragen und dann vielleicht hinter einem Baum weiterspielen.“
Das Gelände des Friedhofs wurde entmoost. Überflüssige und zu dichte Bepflanzung wurde entfernt. Viel Sonne soll die Stätte erreichen. Das Gegenlicht des Nachmittags aber nicht blenden. Daher wurde genau überlegt, in welcher Himmelsausrichtung die künftigen Veranstaltungen stattfinden. Wenn die Hecken und Büsche der umliegenden Flächen einmal gestutzt sind, soll es einen schönen Fernblick auf Fulda geben.
Ein Steinquader mit seitlich eingestecktem Bischofsstab in Originalgröße wird die Menschen beim Ein- und Ausgehen im Park der Stille an Bonifatius erinnern. Dazu ein Mosaikkreuz und eine Stele mit Erläuterungstafel. Der Quader liegt schon an Ort und Stelle. Stab und Tafel werden derzeit noch in der Halle aufbewahrt. Von den elf Etappen des künftigen Bonifatiusstiegs – einem Fünf-Kilometer-Rundgang auf den Spuren des Heiligen vom Kloster auf dem Frauenberg bis zum Fuldaer Dom – wird der „Park der Stille“ in Horas als Nummer vier gelistet. Für einen Moment der Besinnung, Ruhe und Erinnerung.
Von Evelyn Schwab