Hermann Große-Marke leitet die Osnabrücker Tafel

Der Lebensmittelretter

Image
Tafel Osnabrück
Nachweis

Foto: Thomas Osterfeld

Caption

Bodenständiger Tafelchef: Hermann Große-Marke packt an, wo Hilfe gebraucht wird.

Bis zu 60 Tonnen überschüssige Nahrungsmittel werden bei der Osnabrücker Tafel jede Woche an Bedürftige verteilt. Hermann Große-Marke organisiert in seinem Ruhestand ehrenamtlich die dafür notwendigen Transporte und Strukturen. Bedürftige gut zu versorgen, das ist für den ersten Vorsitzenden zur Lebensaufgabe geworden.

Wie viele Joghurtbecher auf acht Paletten passen? „Das sind Tausende. Wahnsinn!“, sagt Hermann Große-Marke und freut sich. Er steht mit einigen Helfern im Innenhof der Osnabrücker Tafel. Gerade ist ein Kühltransporter aus Elsdorf bei Hamburg zurückgekehrt. An Bord: überschüssige Ware aus einer Molkerei – Lebensmittel, die sonst vermutlich vernichtet worden wären.

Viele helfende Hände sind zur Stelle, um die Joghurtbecher ins Kühlhaus und zur Ausgabestelle der Tafel zu bringen. Lange liegen werden sie dort nicht. „Das geht flott weg“, sagt Große-Marke, der seit zehn Jahren als Vorsitzender der Hilfsorganisation aktiv ist. Rund 6000 Kunden zählt er inzwischen jede Woche allein an der Hauptstelle an der Schlachthofstraße. 

"Der Bedarf an Hilfe ist sprunghaft angestiegen"

Diese Zahl hat sich auf hohem Niveau stabilisiert. „Es kommen immer wieder neue Leute, die ohne uns kaum was zu essen hätten“, erzählt der 71-Jährige. Steigende Preise, Armut, Flucht oder Kürzungen bei Sozialhilfen verschärfen die Situation vieler Menschen. Umso wichtiger ist es für ihn, dass die Tafel ihnen für kleines Geld frische und gute Lebensmittel anbietet. Er sagt: „Wenn wir schöne Ware haben und die Kunden gut versorgen können, löst das schon Glücksgefühle in mir aus“.

Tafel OS
Kunden, die nicht mehr persönlich kommen können, bekommen die Ware nach Hause geliefert.

Menschen zu helfen, das ist Hermann Große-Marke ein Anliegen. Aufgewachsen ist er mit drei Geschwistern auf einem Bauernhof. Dort half jeder mit, das war selbstverständlich. Seit er im Ruhestand ist, hat er wieder verstärkt Zeit – und nutzt sie sinnvoll. Er betont: „Der Bedarf an Hilfe ist sprunghaft angestiegen.“

Unter seiner Regie hat sich die Tafel zu einem mittelständischen Unternehmen entwickelt: 1,1 Millionen Euro Betriebskosten im Jahr, 13 festangestellte Mitarbeiter, etwa 80 Ehrenamtliche, acht Außenstellen, sieben Kühlhäuser, ein Trockenlager, ein Fuhrpark. Trotzdem die Ausgabestelle mittlerweile täglich von 7.30 bis 19 Uhr geöffnet ist, warten die Kunden teilweise bis zu drei Stunden, um Lebensmittel zu erhalten. Noch kann jedem geholfen werden.

Jeder Spender erhält ein persönliches Dankesschreiben

Dafür fahren die Fahrer der Tafel weit. Und sie müssen flexibel sein. Hermann Große-Marke hat ein weitreichendes Netzwerk an Firmen und Mitarbeitern aufgebaut. Er hält die Kontakte, plant die Touren. Oft muss er auch spontan reagieren. „Wenn eine Firma anruft und sagt, dass sechs Paletten Pommes übrig geblieben sind, müssen wir schnell los“, erzählt er. Sorgen bereiten ihm eher die Finanzen: Nicht nur bei den Lebensmitteln, sondern auch bei der Finanzierung des laufenden Betriebs ist die Tafel auf Spenden angewiesen. Jeder Spender erhält ein persönliches Dankesschreiben. Das ist dem Vorsitzenden wichtig.

Hermann Große-Marke ist ein Macher. Seit die Supermärkte nicht mehr in demselben Umfang unterstützen können wie früher, hat er Kontakte zu Industriebetrieben verstärkt. Dort fallen Lebensmittel in großen Mengen an. Joghurt, Aufschnitt, Margarine, Fleischwaren, Tiefkühlpizzen oder Nudelgerichte werden palettenweise aussortiert. Oft aus Gründen, die für ihn schwer nachvollziehbar sind. „Weil die Tomate schief sitzt oder zu wenig Käse drauf ist“, sagt er und verzieht das Gesicht. Verschwendung ärgert ihn. Pro Woche rettet er mit seinem Team bis zu 60 Tonnen Lebensmittel. Dafür ist ihm kein Weg zu weit, kein Telefonat zu viel.  

Große-Marke
Begonnen hat Hermann Große-Marke als Helfer, nun laufen bei ihm die Fäden zusammen.

Geprägt hat ihn seine Kindheit im Münsterland. Kirche und Glaube spielten in seiner Familie und im Dorf eine wichtige Rolle. Christliche Nächstenliebe ist für ihn bis heute ein Antrieb für sein Engagement. „Man sagt ja, die Freude, die man anderen gibt, kehrt ins eigene Herz zurück. Da ist absolut was dran“, betont er. Entspannen kann er zu Hause, bei der Familie, im Garten, beim Spaziergang. Gerne ist er im Osnabrücker Dom, der ihn fasziniert und zur Ruhe kommen lässt.

Seine Aufgabe bei der Tafel erfüllt Hermann Große-Marke, gibt seinem Ruhestand einen Sinn. Werktags ist er von 12 bis 19 Uhr vor Ort. Das Telefon klingelt ständig. Er erledigt Büroarbeit, hat immer ein offenes Ohr für Kunden und Mitarbeiter. Menschen zu motivieren, das liegt ihm, macht ihm Spaß. Ein guter Umgang, Gespräche auf Augenhöhe sind ihm wichtig. Überheblichkeit mag er gar nicht. „Man muss Empathie haben und die Menschen mögen, die hier herkommen“, betont er. Ansonsten könne man die Arbeit nicht machen. Für Kinder, die an seine Bürotür klopfen, hat er immer etwas Schokolade in der Schublade.

"Wir sorgen für den sozialen Frieden"

Wichtig ist Hermann Große-Marke das soziale Miteinander. Für die Kunden der Tafel gibt es eine große überdache Sitzecke mit einem Sandkasten für die Kinder. Hier werden Kontakte geknüpft, Sorgen ausgetauscht. Auch 40 Schulen beliefern die Fahrer mittlerweile mit Essen. Auf rund 30 Auslieferungstouren bringen sie darüber hinaus täglich Lebensmittel zu Menschen, die nicht mehr persönlich zur Ausgabestelle kommen können. Große-Marke erzählt: „Viele von ihnen sind einsam und isoliert. Die Fahrer haben Kontakt zu ihnen aufgebaut, helfen bei Kleinigkeiten. Das ist oft das Highlight der Woche, wenn die Tüten kommen“.

Die Tafeln leisten so längst mehr als reine Lebensmittelhilfe. Sie fangen Frust auf und tragen dazu bei, dass eine Gesellschaft nicht auseinanderdriftet. „Wir sorgen für den sozialen Frieden“, betont Hermann Große-Marke. Was er hierfür jeden Tag gibt, das lässt sich in Tonnen nicht messen: Würde, Menschlichkeit und Hilfe, die ankommt, wo sie gebraucht wird

Astrid Fleute

Die Osnabrücker Tafel ist auf Spenden angewiesen. Infos: www.osnabruecker-tafel.de