Manfred Holtermann ist Psychologe
Der Mutmacher
Foto: Matthias Petersen
Manfred Holtermann leitet die EFLE-Beratungsstelle in Bersenbrück.
Irgendwann hatte sich sein Denken verändert. Manfred Holtermann nennt es „psychologisches Denken“. Was man darunter verstehen darf? „Ich habe als junger Erwachsener gemerkt, dass ich anfange, Dinge anders zu hinterfragen“, sagt er. „Ein Psychologe findet manchmal Erklärungen, die nicht linear sind.“ Da werden plötzlich Kontexte zusammengefügt, bei denen man selbst überrascht ist, dass sie zusammengehören könnten.
Manfred Holtermann hat zwei Gründe, auf sein Leben zurückzublicken: Die Beratungsstelle der Ehe-, Familien- und Lebensberatung (EFLE) in Bersenbrück (Osnabrücker Nordkreis) wird in diesen Tagen 50 Jahre alt. Und Ende Januar 2027 geht Holtermann dann in den Ruhestand. Da ist es vielleicht an der Zeit, auf die Anfänge zu schauen. Wie mag der Gedanke entstanden sein, Psychologe zu werden?
Räumen wir erstmal mit Klischees auf. Als Manfred Holtermann, Jahrgang 1960, über die Wahl seines Studiums nachdachte, galten Psychologieinteressierte als Leute, die irgendwie schräg sind, die seltsame Ansichten haben – und die mehr über sich selbst herausfinden wollen und deshalb ein Psychologiestudium beginnen. Manfred Holtermann hat solche Kommilitonen neben sich erlebt, „die blieben meist nicht lange“, sagt er heute, ohne jemanden verurteilen zu wollen.
Schnell wurde er zum geduldigen Zuhörer
Er selbst kam auf einer anderen Spur daher. Als ältestes Kind der sechsköpfigen Familie war es ihm schon immer ein Anliegen, für einen guten Ausgleich zu sorgen. Holtermann erinnert sich an einen Pädagogiklehrer, der „auch so ein bisschen über Psychologie informiert hat“. Das Interesse war geweckt. Schließlich merkte er, dass er bei gleichaltrigen Freunden zum gefragten Gesprächspartner wurde. Mancher vertraute sich ihm an, dann ging es um Persönliches. Holtermann war der geduldige Zuhörer, hatte Interesse an Menschen – gute Voraussetzungen für einen Psychologen.
Dieses Urteil über sich selbst fällt er aber mit jahrzehntelangem Abstand. Damals, Ende der 70er, Anfang der 80er, war ihm das gar nicht so bewusst. Deshalb hätte er sich auch gut vorstellen können, Theaterwissenschaften zu studieren, selbst Germanistik sollte es für eine Weile sein – dieses Fach dann aber nur neben der Psychologie, diese Entscheidung stand bald fest. Denn die oben beschriebenen Klischees trafen auf den Jungen vom Niederrhein gar nicht zu. So verließ er seinen Geburtsort Issum („Man kennt den Ort, weil dort früher Diebels Alt gebraut wurde“, sagt er) und ging im Anschluss an die Bundeswehrzeit frohen Mutes an die Uni nach Bonn.
Es brauchte nicht viel Zeit, um nach der Schnupperphase zu spüren, dass es die richtige Studienwahl war. Allerdings zunächst ohne klare Vorstellung, in welche berufliche Richtung es danach gehen sollte. Am Ende wurde es die sogenannte klinische Psychologie, die er heute als Leiter einer Beratungsstelle betreibt. Aber auch die Werbepsychologie hätte ihn interessiert, also die Frage, warum sich Kunden für ein bestimmtes Produkt begeistern lassen, um es schließlich zu kaufen.
Gesucht wurden Leute mit Berufserfahrung
Holtermann gehört zu den geburtenstarken Jahrgängen und denen drohte nach Schule oder Studium vor allem eines: Arbeitslosigkeit. Auch der angehende Psychologe blieb nicht verschont. Gesucht wurden Leute mit Berufserfahrung, aber wo sollte die ohne Anstellung herkommen? Und viele Stellen für Psychologen gab es ohnehin nicht. „Es entwickelte sich erst so langsam eine Suchbewegung in der Gesellschaft.“ Wenigstens eine Honorartätigkeit konnte er beginnen, betreute als Sozialpädagogischer Familienhelfer eine Familie im Kreis Kleve. „Da sammelte ich immerhin ein bisschen Berufserfahrung.“ Und dann dauerte es nicht mehr lange, da entdeckte er eine Stellenausschreibung.
Von nun an war er Mitarbeiter der Cloppenburger Heimsonderschule St. Vinzenhaus. „Ich fand es schön, mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten.“ In Erinnerung ist ihm noch die Fußballmannschaft, die er damals gründete, die „Vinzenz-Haie“. „Das war eine Möglichkeit, mit den Jungen ins Gespräch zu kommen. Und recht erfolgreich waren wir auch.“
In der Einrichtung lernte er seine Frau kennen. Die beiden heirateten und hatten schon drei Kinder, als der nächste Wechsel anstand. 1992 ging Manfred Holtermann zur Ehe-, Familien- und Lebensberatung nach Bersenbrück im Bistum Osnabrück. Zwei Jahre später übernahm er die Leitung der Beratungsstelle und siedelte mit der Familie endgültig über.
Warum liegen Taschentücher auf dem Tisch?
Holtermanns Arbeitszimmer in Bersenbrück: Zur Ausstattung gehört ein runder Tisch mit vier Stühlen. Auf dem Tisch ein Zettelblock und ein angefangenes Päckchen Papiertaschentücher. Hier sitzt Holtermann mit den Ratsuchenden und hört ihnen zu. Die Zettel dienen dazu, den nächsten Gesprächstermin zu notieren, die Taschentücher helfen, wenn es mal emotional wird. Es kommen viele Menschen, die für ihr Leben Hilfe brauchen, die mit den Umständen nicht klarkommen, die Angst haben vor Überforderung. Beim EFLE-Berater stoßen sie auf Verständnis: „Wir bewegen uns schließlich gerade von Krise zu Krise“, sagt Holtermann. Dass Beratung in diesem Zusammenhang selbstverständlich geworden ist, freut ihn. Solche Art von Hilfe anzunehmen, galt in früheren Zeiten doch als Schwäche. Vieles wurde unter dem Deckel gehalten, der dann auch mal explodierte.
Immer wieder hört er Belastendes, muss Trost spenden oder Mut machen, neue Wege einzuschlagen. Stets mit der nötigen Vorsicht, damit die Ratsuchenden eigene Entscheidungen fällen und nicht allein dem Berater folgen. Dass es die EFLE überhaupt gibt, findet Holtermann wichtig, und sie möge in Zeiten des Spardrucks bei Kirche und Staat auch weiter existieren. Das wünscht er sich über seinen Ruhestand hinaus. Für den hat er sich zwei große Reisen vorgenommen: „Ich möchte meinen Fuß mal auf die Kontinente Amerika und Australien setzen.“ Ansonsten will er den Kontakt zu seinem Enkelkind pflegen und ab und zu auch mal ins Fußballstadion gehen. Ob er dann selbst mal Trost suchen wird? Als Fan von Borussia Mönchengladbach hat er jedenfalls derzeit arg zu leiden.![]()
Kontakt zur Ehe-, Familien- und Lebensberatung in den norddeutschen Bistümern:
www.efle-beratung.de (Osnabrück)
www.ehe-familien-lebensberatung.info (Hamburg)
www.efl-bistum-hildesheim.de (Hildesheim)
Zahlen
2025 verzeichneten die Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen (EFLE) im Bistum Osnabrück 5680 neue Anmeldungen. Die Mehrheit machten Anliegen in der Erziehungsberatung aus. Insgesamt begleitete die EFLE im letzten Jahr 7119 Personen, Paare und Familien. Mehr dazu auf der Homepage: www.efle-beratung.de