Missio-Gast

Ein Kampf für die Würde jeder Frau

Image
Drei Personen umarmen sich und lächeln in die Kamera.
Nachweis

Foto: Missio-Aachen

Caption

Schwester Lorena mit Malin, einer Überlebenden einer „Hexen-Verbrennung“ und ihrem Mann Mawan, der versucht hat sie zu retten und eine schwere Kopfverletzung davon-getragen hat.

Die Baldegger Schwester Lorena Jenal war als Gast des Hilfswerks Missio zu Besuch im Erzbistum Hamburg. Seit über 40 Jahren hilft sie Familien in Papua-Neuguinea. Seit 2013 gehört der Kampf gegen Hexenverfolgung zu ihrer wichtigsten Aufgabe.

„Ich erinnere mich noch genau an meinen ersten Tag. Es war wie ein Land, in dem noch Steinzeit herrschte. Die Männer trugen Pfeil und Bogen, die Frauen traditionelle Gewänder, die Kinder liefen nackt umher. Alles war so fremd und doch waren alle Menschen so herzlich. Ich verliebte mich sofort in diese Menschen“, so beschreibt Schwester Lorena ihre Ankunft im Hochland von Papua-Neuguinea im Jahr 1979.
Schwester Lorena ist in der Schweiz aufgewachsen. Schon früh wusste sie, dass sie gern in die weite Welt ziehen wollte. In den 1970er-Jahren war das für sie als Frau kaum vorstellbar, erst recht nicht mit Mann und Kindern, so war sie sich sicher. Sie hatte einen Freund und wollte heiraten und eine Familie gründen. Bis zu einem gemeinsamen Tanzabend: „Wir waren auf dem Tanzboden, ich habe getanzt, war in meinem Element. Plötzlich schaute ich ihn an und sagte, ‚das ist der letzte Tanz‘. Wir sehen uns erst einmal nicht mehr.“ In diesem Moment hatte sie die Berufung gespürt, in einen Orden zu gehen.

Schwester Lorena bei ihrem Besuch in Hamburg mit Missio-Referent Michael Becker. Foto: Katja Plümäkers 

Danach ging alles recht schnell. Und auch ihr Wunsch, in die Welt zu ziehen, wurde durch den Eintritt in den Orden der Baldegger Schwestern Wirklichkeit. Eine Woche nach ihrer ewigen Profess 1978 war Schwester Lorena bereits in England. Und acht Monate später reiste sie nach Papua-Neuguinea. Dort war sie zunächst im südlichen Hochland in der Familienpastoral und in der Ausbildung einheimischer Schwestern tätig.

In den vergangenen 40 Jahren hat sich Papua-Neuguinea modernisiert. Der Reichtum an Erdöl und Erdgas zog Ölfirmen aus Asien und Amerika ins Land. Schwester Lorena beschreibt die Entwicklung so: „Die Menschen wurden in eine neue Zeit hineingeworfen, unmittelbar ins digitale Zeitalter. Das hat viel mit ihnen gemacht und sie wurden damit allein gelassen.“

2012 kam für Schwester Lorena der Tag, der alles veränderte: „Es passierte der erste Fall von Hexenwahn in unserem Dorf. Eine Frau wurde beschuldigt, gefoltert, beinahe getötet. Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort und konnte sie retten. Noch heute sehe ich ihr Gesicht vor mir, als wir sie ins Krankenhaus brachten. Es war der Beginn meines Kampfes gegen Hexenverfolgung – und für die Würde jeder Frau“, erzählt Schwester Lorena.

Die Ordensschwester stand zunächst unter Schock, denn bis zu diesem Zeitpunkt hatte es in ihrer Region keine derartigen Vorfälle gegeben. Sie beschreibt diesen Tag als Beginn einer neuen Welle des Hexenwahns. Seitdem dienen vor allem Frauen als Sündenbock für Krankheiten, Tod oder unerklärliche Ereignisse.

Der Schutz von Hexenverfolgung betroffener Frauen ist ein zentraler Bestandteil ihrer Arbeit geworden. „Meine allererste Aufgabe ist, dass ich die Frauen retten gehe, auch in der Nacht“, sagt sie. Bei diesen Rettungseinsätzen bringt sie sich auch immer wieder selbst in Gefahr. „Aber ich hatte Glück, ich wurde oft bedroht, aber mir ist bisher noch nichts Schlimmes passiert“, sagt sie. 420 Frauen konnten Schwester Lorena und ihr Team bereits retten. Doch manchmal kommen sie zu spät und Frauen sterben an ihren Verletzungen.

Körperlich und seelisch heilen

Nach der Rettung der Opfer aus der akuten Gefahrensituation geht es darum, den Frauen dabei zu helfen, dass sie sowohl körperlich als auch seelisch heilen können. Dazu gehört neben einer oft komplizierten Wundheilung, inklusive mehrmaliger Operationen, auch die psychologische Betreuung. In ihrem Schutzhaus „House of Hope“ bietet Schwester Lorena mit ihrem Team den traumatisierten Frauen außerdem Zuflucht und eine neue Perspektive. So konnten sie zum Beispiel einer Frau in dem Krankenhaus, in dem sie wegen ihrer Wunden behandelt wurde, eine Arbeit mit festem Monatslohn verschaffen. „Sie ist dort sehr anerkannt, der verletzte Heiler ist der beste Heiler, so sagt man“, berichtet Schwester Lorena.

Staatlichen Schutz erfahren die Frauen in Papua-Neuguinea kaum. Oft erschweren Korruption, fehlende Rechtssicherheit und Versagen der Justiz die Rettung und den Schutz der Frauen, so hat es Schwester Lorena erfahren.

Deshalb ist in jüngerer Zeit Bildungsarbeit zu einem weiteren Schwerpunkt ihrer Arbeit geworden: „Besonders froh sind wir, das wir auch junge Männer dafür gewonnen haben, mit uns auf die Straße zu gehen und laut zu sagen: Es gibt keine Hexen, aber es gibt Würde und Menschenrechte. Jeder Frau eine Stimme zu geben und jeder Frau Hoffnung und Vertrauen zu schenken, das ist die unsere Kernbotschaft für alle Menschen.“ Schwester Lorena hofft, dass sich durch Aufklärungsarbeit wie diese langfristig die Situation der Frauen verbessern kann.  l
Nicht nur in Papua-Neuguinea existiert heute der Hexenwahn. Das katholische Hilfswerke Missio berichtet von 47 Ländern in denen Gewalt im Zusammenhang mit Hexereivorwürfen existiert.

Informationen: www.missio-hiflt.de, Thema: Hexenwahn

Katja Plümäkers