Kirchliche Vielfalt

Eine Kirche, viele Sprachen

Image
Zu sehen ist eine Tanzgruppe.
Nachweis

Foto: Matthias Schatz

Caption

Auftritt der kroatischen Tanzgruppe beim Fest der Kulturen, das jedes Jahr zum Auftakt der Ansgarwoche in der Domgemeinde gefeiert wird.

In kaum einem anderen Bistum zeigt sich die Vielfalt der katholischen Kirche so sehr wie im Erzbistum Hamburg. 31 „fremdsprachige Missionen“ gibt es – wobei die eigentlich gar nicht mal so fremd sind.

Polen, Kroatien, Italien, Spanien, aber auch die Philippinen, Ghana und Südamerika: In vielen Ländern und Regionen der Welt ist eine Mehrheit der Menschen katholisch getauft. Wenn sie nach Deutschland kommen, um hier heimisch zu werden, dann bringen sie nicht nur ihren Glauben, sondern auch ihre Muttersprache mit.

Knapp 125 000 der gut 340 000 gemeldeten Katholiken im Erzbistum Hamburg haben nach Zahlen des Erzbistums nicht Deutsch als Muttersprache. Das sind fast 37 Prozent aller Katholiken im Norden. Außer dem vergleichbaren Erzbistum Berlin weist kein anderes Bistum ein solches Verhältnis auf. Die fünf häufigsten Sprachen – vor allem Polnisch, aber auch Italienisch, Kroatisch sowie Portugiesisch und Spanisch – sind die Muttersprache von teils weit mehr als 7 500 Personen. Wobei die gleiche Sprache mit Blick auf das Portugiesische und das Spanische eine Vielzahl an Herkunftsländern beinhaltet.

Die philippinische Gemeinde verehrt das Jesuskind alljährlich im Januar bei ihrem Fest Sinolug im Kleinen  Michel. Foto: Matthias Schatz

Viele der Menschen besuchen zwar auch die „deutschen“ Sonntagsgottesdienste, aber es gibt eben regelmäßig, ein oder zweimal im Monat, heilige Messen, die sich speziell an die Zugewanderten und deren Kinder richten und die in deren Muttersprache und teils auch in einem anderen Ritus gefeiert werden. Vor allem in Hamburg sowie in den größeren Städten Schleswig-Holsteins werden solche Gottesdienste angeboten, während Mecklenburg mit nur zwei solcher Gottesdienstgemeinden deutlich unterrepräsentiert ist.

Oft sind die Priester nicht im Erzbistum beheimatet, sondern reisen von außerhalb an. Die im Erzbistum derzeit 31 „fremdsprachigen Missionen“, wie sie meist genannt werden, haben zwar eine große Bedeutung für das Glaubensleben, laufen in der öffentlichen Wahrnehmung aber weitgehend unter dem Radar. Die Redaktion will deshalb einzelne Missionen in loser Folge vorstellen.

Auch das Erzbistum nimmt die Missionen seit geraumer Zeit stärker in den Blick und hat nun einen Bruch mit dem Begriff der fremdsprachigen Missionen vollzogen. So soll zumindest im administrativen Bereich künftig der Begriff „Gemeinden von Katholiken anderer Muttersprache“ (GKaM) etabliert werden. Denn „fremdsprachig“, so erläutert der für den Fachbereich beim Erzbistum zuständige Michael Becker, „beinhaltet genau das Gegenteil dessen, was wir signalisieren wollen: Die Menschen gehören dazu und sind nicht fremd. Als katholische Christen gehören sie mit den gleichen Rechten und Pflichten wie jeder deutschsprachige Katholik zum Erzbistum“, so der promovierte Theologe.

Das gelte auch andersherum: „Unser Erzbischof hat die Sorge und die Pflicht für alle Katholiken, die auf dem Territorium des Erzbistums wohnen, eine angemessene Seelsorge bereitzustellen. Allein aufgrund der Tatsache, dass sie kein Deutsch oder noch kein Deutsch sprechen, ist es angemessen, wenn sie in einer Sprache Gottesdienst feiern können, die sie auch verstehen.“ Da Zuwanderung ein fortlaufender, nicht abgeschlossener Prozess sei, könne auch nicht verlangt werden, dass es mit den Gottesdiensten in anderen Sprachen irgendwann ein Ende haben müsse.

Den Begriff der Mission hält Becker für weniger problematisch als „fremdsprachig“. Darin spiegele sich eine Tradition, die als Kurzform sicher erhalten bleiben werde, meint er. Ob die sich der neu ersonnene und nicht unkomplizierte Begriff der „Gemeinden von Katholiken anderer Muttersprache“ nicht nur in den Schriften des Erzbistums, sondern auch bei den Menschen – den Deutschen wie den Zugewanderten –  durchsetzen wird, muss sich indes erst erweisen.

Becker hält zugleich und nicht zu Unrecht die Rede von der Integration der Zugewanderten mit Blick auf die Kirche für sachlich verkehrt: „Der Begriff Integration ist ein zivilgesellschaftlicher, ein politischer Begriff, aber kein kirchlicher.“ Kurz gefasst: Wer katholisch ist, ist es überall gleichermaßen – egal ob in Deutschland, Spanien oder sonst irgendwo auf der Welt – und muss nicht integriert werden.
Abgesehen davon, dass im niedrigen Prozentbereich auch nicht gemeldete Menschen zu den Missionen dazu zu zählen sind, fällt aus Sicht Beckers auf, dass Menschen aus anderen Ländern das Schrumpfen der Kirche insgesamt bremsen: „Die katholische Kirche in Deutschland wächst unter dem Aspekt der migrantischen Katholiken“, sagt er.

Zugewanderte tragen erheblichzum Kirchensteueraufkommen bei

Der Theologe tritt außerdem der verbreiteten Einschätzung entgegen, dass die Missionen hierzulande zwar groß sind, aber nur wenig zur Finanzierung des Erzbistums beitragen. „Ich habe keine Statistik, aber ich glaube, dass der Anteil derer, die keine Kirchensteuer zahlen, sehr viel geringer ist, als es in manchen Köpfen herumspukt“, so Becker, der die betreffenden Missionen alle kennt. Er weiß um jene Menschen, die teils ohne Aufenthaltsstatus in Deutschland leben, aber eben zu den Gottesdiensten kommen. Er sagt, dass sie nur einen sehr geringen Anteil ausmachen.

Was die gesellschaftliche Integration der Zugewanderten angeht, so schätzt der Theologe die Bedeutung der Missionen hoch ein, auch wenn es da erhebliche Unterschiede gebe. „Aber für alle gilt, dass in der Regel die muttersprachlichen Gemeinden mit der wichtigste Anlaufpunkt und erste Stationen zum Netzwerken sind – sei es bei Arbeitsplätzen, der Wohnungssuche oder der Kinderbetreuung. Alle menschlichen Belange und Herausforderungen treffen in den Missionen auf Unterstützung und Antworten.“ Wer aus Deutschland in ein anderes Land auswandern wolle, würde sich als Katholik wahrscheinlich auch erst einmal an die örtliche Gemeinde wenden, glaubt er.

Beste Uhrzeiten sind für deutschsprachige Gottesdienste reserviert

Becker sieht beim Miteinander der Missionen mit den örtlichen Pfarreien Potenzial für mehr Miteinander. Oft feierten die Missions-Gemeinden ihre Gottesdienste zu Randzeiten, weil die deutschsprachigen Gemeinden die besten Zeiten für sich beanspruchten, selbst wenn sie zahlenmäßig deutlich kleiner seien. Die sei „eine große Herausforderung“, so Becker. Zumal die Missionen nicht wie die deutschen Gemeinden Körperschaften des öffentlichen Rechts seien und kein Hausrecht hätten. Entsprechend bestimmten die örtlichen und von Deutschen dominierten Kirchenvorstände, wer wann und wo seine Messe feiern könne.

In Summe, so bilanziert Becker, sei es eher eine „künstliche Gegenüberstellung“ der deutschen Gemeinden und der Missionen, „die in der Realität gar nicht mehr so trennend ist“. Denn: „Viele der Vertreter der muttersprachlichen Gemeinden sind ebenfalls ehrenamtlich als Kommunionhelfer oder als Lektoren oder im Gemeinderat der deutschen Gemeinde tätig.“

Marco Heinen

Zur Person

Foto: Marco Heinen

Michael Becker (57) ist Referent für die Gemeinden von Katholiken anderer Muttersprache bei der Pastoralen Dienststelle des Erzbistums.