Wie Rechtsextremisten das Gedenken an den Holocaust sabotieren
„Eine starke Verrohung“
Foto: Imago/Thomas Müller
Klare Haltung: Jens-Christian Wagner stellt sich gegen die Verharmlosung der Nazi-Verbrechen, die viele Rechtsextreme betreiben.
Sie waren Juden, politische Gefangene, Sinti und Roma oder Homosexuelle. Von 1937 bis 1945 wurden Gefangene aus 50 Ländern im Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar misshandelt, als Zwangsarbeiter ausgebeutet, getötet. 80 Jahre nach der Befreiung des KZ verletzen Besucherinnen und Besucher immer häufiger die Würde der Toten und der noch lebenden Opfer.
„Die Zahl der gegen die Gedenkstättenarbeit gerichteten Angriffe ist hoch“, sagt Jens-Christian Wagner, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. Deutschlandweit bekannt wurden die sieben abgesägten und abgeknickten Gedenkbäume an der einstigen Todesmarschroute im Jahr 2022. Weniger bekannt, aber alltäglich sind die Schmierereien und Aufkleber mit rechtsextremen Symbolen auf dem Gelände. Die Gedenkstätte bringt sie zur Anzeige, obwohl es nur selten gelingt, die Täter zu ermitteln.
Wagner sagt: „In der Gedenkstätte merken wir, dass sich die Jugendkultur fundamental geändert hat.“ Es gebe einen massiven Rechtsruck, insbesondere bei Schulklassen, die aus ländlichen Regionen in die Gedenkstätte kommen: „In diesen Gruppen gibt es einen starken Unwillen, sich mit der Geschichte der nationalsozialistischen Verbrechen auseinanderzusetzen.“
Einige Jugendliche nutzen den Gedenkstättenbesuch, um ihre Nazi-Ideologie zu präsentieren. Stolz tragen sie Kleidung rechtsextremer Marken auf dem Gelände des einstigen Konzentrationslagers. Manche posieren mit dem White-Power-Zeichen, einem rassistischen Handzeichen, vor dem Krematorium. Oder zeigen den Hitlergruß und rufen Naziparolen. „Wir merken eine starke Verrohung“, sagt Wagner und berichtet von unerhörten Szenen: Jugendliche kriechen im Krematorium in die Öfen, lassen sich dort fotografieren und veröffentlichen die Bilder in sozialen Medien.
Die Zukunft macht ihm Sorgen
Wagner sieht einen Zusammenhang zwischen der Gewalt gegen die Gedenkstätte und den regelmäßigen Angriffen der rechtsextremen AfD im Thüringer Landtag. Die Extremisten ermutigten Jugendliche, aber auch Neonazis, zur Tat zu schreiten, sagt er. So wertete ein AfD-Abgeordneter im Mai Wagners Arbeit als pseudowissenschaftlich ab. In einer Pressemitteilung der AfD-Fraktion im Juni wurde ohne jeden Beleg behauptet, die Stiftung habe den Boden des Grundgesetzes verlassen.
Über die Zukunft der Gedenkstättenarbeit mache er sich „wirklich große Sorgen“, sagt Wagner. „Wir sind ja eine Landesstiftung, und die AfD ist nicht mehr weit entfernt von einer absoluten Mehrheit.“ Dann kann sie im Landtag das Stiftungsgesetz ändern. „Dagegen können wir dann überhaupt nichts tun“, sagt Wagner. Dann wäre es möglich, dass die Gedenkstätte eine andere Funktion und anderes Personal bekommt.
Doch Wagner will sich nicht entmutigen lassen. Seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ermöglichen Schülergruppen die Arbeit mit historischen Quellen. Anhand von Fotos oder von Gegenständen, die den Ermordeten gehören, lernen sie etwas über die Menschen, die hier inhaftiert waren.
Häufig kommt es vor, dass Schülerinnen und Schüler Behauptungen aufstellen, die das Leid der Opfer relativieren. Zum Beispiel, dass die Fotos mit Leichenbergen aus Konzentrationslagern angeblich gar keine Häftlinge zeigen. „Unsere Guides haben den Auftrag, sachlich darauf einzugehen und zu fragen: Woher haben Sie diese Information?“, erklärt Wagner. Man merke dann, ob eine Person provozieren will oder ob sie einer Fehlinformation aufgesessen ist, die man ausräumen kann.
Die Hauptursache dafür, dass mehr Menschen die Gedenkstättenarbeit als sogenannten Schuldkult abwerten, liegt für Wagner in sozialen Medien wie Tiktok oder X: „Die werden von extremen Rechten mit Propaganda geflutet.“ Mit Kurzvideos auf dem eigenen Instagram-Kanal will die Gedenkstätte dem etwas entgegensetzen. Darin erklärt einer der Historiker zum Beispiel, was das KZ Buchenwald überhaupt ist oder welche Bedeutung der Schriftzug über dem Eingangstor hatte.
Sie eröffnen einen Tiktok-Kanal
„Man muss versuchen, den Falschinformationen seriöse, wissenschaftlich belegte Informationen entgegenzusetzen“, sagt Wagner. Zwar seien seriöse Informationen in sozialen Medien wenig attraktiv: „Aber der starke Anstieg unserer Follower-Zahlen nach den ersten Kurzvideos auf dem Instagram-Kanal der Gedenkstätte ist ein ermutigendes Zeichen.“ Demnächst will die Gedenkstätte auch einen Tiktok-Kanal eröffnen.
Rechtsextremes Denken und Handeln zu bekämpfen, ist für Wagner nicht nur Aufgabe der Gedenkstätten. Er sagt, wenn auf der Familienfeier jemand gegen Geflüchtete hetzt, sollte man einschreiten: „Onkel Horst, das wollen wir hier nicht hören.“