Begleitfahrzeuge haben auf der Telgter Wallfahrt eine lange Tradition
Einsatz auf vier Rädern
Foto: Astrid Fleute
Seit 75 Jahren begleitet Familie Sieker/Tiemeyer aus Kloster Oesede die Telgter Wallfahrt. (v.l.) Monika Tiemeyer und Anni Sieker sowie Norbert Herkenhoff vom Wallfahrtsverein.
Vorsichtig schiebt Anni Sieker die große grüne Plane ein Stück zur Seite, die den stabilen Ernteanhänger schützt. Mit der Hand klopft sie auf eine Holzkiste vorne auf der Deichsel. „Das ist die Getränkekiste“, erklärt die 89-Jährige mit einem Lächeln. Einmal im Jahr wird sie gebraucht, dann ist ihr Inhalt oft lebenswichtig: Denn die Kiste enthält Erfrischungen für die Pilger der großen Osnabrücker Telgter Wallfahrt. 42 Kilometer legen sie von Kloster Oesede aus zu Fuß zurück. Ein Marathon in acht Stunden.
Seit 75 Jahren begleitet das Treckergespann der Familie Sieker/Tiemeyer aus Kloster Oesede die Wallfahrt, die in Osnabrück startet und der sich unterwegs verschiedene Pilgergruppen anschließen. Insgesamt 24 Trecker und Anhänger verschiedener Wallfahrtsvereine fahren im Schritttempo hinter den Pilgern her, transportieren Rucksäcke, Gepäck, Getränke – und müde Wallfahrer, die auf der langen Strecke eine Pause benötigen. Eine lange Tradition. Das zweite Begleitfahrzeug aus Kloster Oesede der Familie Bertelsmann ist sogar noch älter und bereits seit 1934 dabei.
Stolz zeigt Anni Siekers Tochter Monika Tiemeyer ein altes Schwarz-weiß-Foto. Darauf zu sehen: ihr Vater und ihr Großvater mit einem Pferdegespann. „Hier sitzen sie noch auf dem Kutschbock. Später wurden die Pferde durch Trecker ersetzt“, erzählt sie. Für die Familie aus dem südlichen Osnabrücker Land ist die Teilnahme an der Wallfahrt eine selbstverständliche Familientradition, die sie zurecht stolz macht. Drei Generationen helfen heute mit – von der Oma bis zu den zehn Enkeln. Jeder von ihnen kann Trecker fahren, jeder ist bereit, die Tradition aufrechtzuerhalten. Und wenn es sein muss, klettert Anni Sieker mit ihren 89 Jahren auch noch selbst auf den Fahrersitz.
„Kloster Oesede“ steht auf ihrem Anhänger, der noch gut verpackt in der Scheune steht. Pünktlich zur Wallfahrt am 11. und 12. Juli wird er hervorgeholt, gesäubert, gepackt, die Holzbänke mit Polstern versehen. Seit 75 Jahren trägt er im Treck der Begleitfahrzeuge die Nummer 11.
Mit etwa 5000 Pilgern ist die Osnabrücker Telgter Wallfahrt eine der größten im norddeutschen Raum. Was treibt Menschen auch heute noch an, sich auf diese uralten Wege zu machen, diesen Brauch zu pflegen? „Man wächst damit auf, entwickelt eine Leidenschaft“, erklärt der Vorsitzende des Wallfahrtsvereins Kloster Oesede, Norbert Herkenhoff. Seit seiner Kindheit geht er mit nach Telgte, kann viele Geschichten von der Wallfahrt erzählen. Er sagt: „Ich finde da Kraft, kann abschalten und auch danken für das vergangene Jahr und dafür, dass ich fit dabei sein kann.“ Monika Tiemeyer fasziniert das große Gemeinschaftsgefühl, das sie jedes Jahr auf der Wallfahrt erlebt. „Das ist der Gegenentwurf zur Ellenbogengesellschaft. Hier fragt keiner, wo man herkommt, welche Konfession man hat. Keiner wird liegengelassen, hier gibt es Herzlichkeit, Gemeinschaft, Hilfe“ – unter den Pilgern und Helfern wie auch unter den Treckerfahrern.
Um drei Uhr morgens beginnt am 11. Juli in Kloster Oesede die Pilgermesse. Die beiden Begleitfahrzeuge der Familien Sieker/Tiemeyer und Bertelsmann stehen dann geschmückt und gepackt vor der Kirche. Im Schritttempo ziehen sie anschließend mit den Pilgern aus Kloster Oesede los, sichern sie mit ihrer Beleuchtung ab und reihen sich in Herrenrest in den großen Pilgerzug ein – die Fusspilger stets hinter die Pilger aus Oesede und vor Wellendorf und Borgloh, der Trecker zwischen die Fahrzeuge aus Gellenbeck und Sutthausen. Alles ist genau terminiert und festgelegt und „das passt auch immer auf 2 bis 3 Minuten“ erzählt Monika Tiemeyer und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: „Jahrzehntelange Erfahrung“.
Schon als kleines Kind ist Monika Tiemeyer mit ihrer Familie mitgepilgert nach Telgte. Im Begleitfahrzeug wusste sie stets ihren Vater, „der uns zur Not aufgesammelt hat“, erzählt sie schmunzelnd. Früher habe die Familie von Samstag auf Sonntag auch in Telgte übernachtet, so wie die meisten Pilger. Einmal, so erinnert sie sich, „war die Unterkunft weg. Was tun? Mein Vater fuhr mit dem Trecker zu einem Hof und fragte, ob wir in der Scheune schlafen könnten.“ Kein Problem. Für die Männer wurde schnell die Scheune, für die Frauen das Wohnzimmer hergerichtet. Aus dieser besonderen Gastfreundschaft entwickelte sich eine Freundschaft der beiden Familien, die seit Jahrzehnten besteht - auch wenn die Kloster Oeseder wie viele Pilger heute zum Schlafen wieder nach Hause fährt und für den Rückweg am Sonntag pünktlich wieder in Telgte eintrifft. Trecker und Anhänger bleiben nach wie vor über Nacht im Wallfahrtsort.
Es gibt viele Geschichten zu erzählen über die Telgter Wallfahrt. Auch wettertechnisch haben die Pilger schon alles erlebt: Plötzlich aufziehende Gewitter, Starkregen, Wind und so große Hitze, dass die Feuerwehr erfrischende Berieselungen für die Pilger startete und die Menschen an der Straße Wasser verteilten. Nicht nur im Begleitfahrzeug mit der Nummer 11 sind seit vielen Jahren daher stets erfrischende Getränke dabei. In der großen Getränkekiste werden sie transportiert und dankend genommen – auch ein Zeichen der großen und unkomplizierten Gemeinschaft unter den Pilgern.
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