Einsatz in Haus Michael

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Mitarbeiter des Technischen Hilfwerkes im Kriechgang
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Foto: Marco Heinen

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Im Kriechgang geht es für zwei Helfer in einen Lichtschacht, wo ein Gitter entfernt werden muss.

Das frühere katholische Studentenwohnheim Haus Michael in Kiel steht vor dem Abriss. Bevor es dazu kommt, war jetzt das Technische Hilfswerk vor Ort. Es wurde geprobt, was im Ernstfall Leben retten kann.

„Einsatz“ steht auf dem Aufsteller am Eingang zum Gelände an der Kieler Reventlouallee, wo das frühere katholische Studentenheim Haus Michael über 70 Jahre eine der besten Adressen des Erzbistums war – mitten in einem Villenviertel. Ende März 2022 zogen die letzten Studenten aus, danach wurden vorübergehend ukrainische Flüchtlinge dort untergebracht. Doch nun ist endgültig Schluss. Das stark sanierungsbedürftige Haus wird abgerissen, macht Platz für Neubauten. Die Glocke aus dem Garten wurde schon vom Technischen Hilfswerk (THW) abtransportiert, hinüber zum Gästehaus Damiano der Franziskanerinnen, wo sie weiter läuten soll. Wer sich dem Haus Michael verbunden fühlt, wird dennoch trauern.

Ein Generator dröhnt, blaue Einsatzfahrzeuge stehen am vergangenen Samstagvormittag auf dem Vorplatz. Das Erzbistum Hamburg hat mit dem THW vereinbart, „dass Immobilien, die sich im Eigentum des Erzbistums befinden und rückgebaut werden oder leerstehend sind, für Trainingszwecke zur Verfügung gestellt werden“, erläutert Marco Chwalek, stellvertretender Pressesprecher des Erzbistums.

Das Haus Michael ist so ein ideales Übungsobjekt. „Wir haben zum Beispiel die Möglichkeit, Wände zu öffnen, was sonst nicht möglich ist“, sagt Matthias Genz, Gruppenführer der Fachgruppe Schwere Bergung der Kieler Ortsgruppe des THW, die rund 100 Ehrenamtliche zählt. 15 Helferinnen und Helfer verbringen ihren freien Samstag mit dem Üben für den Ernstfall. „Bei den Übungsobjekten, die wir sonst vom THW zur Verfügung gestellt bekommen, ist für jeden nach einem halben Jahr klar, wie das aussieht, welche Grundrisse die haben“, so Genz. Doch die Realität ist eben eine andere: „Wir haben Einsatzfälle, da müssen wir auf alle Eventualitäten vorbereitet sein und das geht nur durch Üben.“

Lebensnahes Proben in unbekannten Gebäuden

Die Helfer haben etliche Spezialgeräte dabei: einen Plasmaschneider, eine Betonkettensäge, eine Sauerstoffkernlanze – Geräte, die mehr können als das Zeug aus dem Baumarkt. Außerdem ist Spezialwissen der THW-Helfer bei der Anwendung gefragt, wobei Theorie eben nur halb so viel wert ist wie die Praxis.

Zwar wird diesmal kein großes Szenario gestellt, aber einige kleinere Übungen stehen auf dem Programm: zwei Metallgitter müssen entfernt, eine Person geborgen und ein Fahrstuhl im Gebäude gefunden und geöffnet werden – mit ungewissem Inhalt. Sind Menschen in Gefahr? Normal wäre dafür die Feuerwehr zuständig, aber auch die THW-Helfer müssen manchmal spontan Menschen retten.

In einem Raum steckt jemand fest. Mit einem Halligan-Tool, einer Art Brechstange, wird eine Tür geöffnet. Dahinter liegt ein Verletzter, deshalb wird die Tür mit einem Seil gesichert, damit sie dem Eingeschlossenen nicht versehentlich auf den Kopf fällt. Der Betreffende sitzt im Rollstuhl, wird in eine Schleifkorbtrage aus Aluminium umgebettet und abtransportiert. Ein gutes Szenario, das in einer Stadt wie Kiel, wo oft Bombenräumungen von Blindgängern stattfinden, sehr praxisnah ist, wie David Hillringhaus berichtet. Der Biologe und Umweltwissenschaftler ist noch nicht sehr lange dabei. Der Schreibtischjob war ihm zu wenig, weshalb er zum THW gegangen ist. Ihm gefällt es, grundlegend zu arbeiten und sich dabei nur so weit auf die Technik verlassen zu müssen wie notwendig.

Ein anderer Raum, eine andere Situation: Mit der Betonkettensäge wird ein 40 mal 40 Zentimeter großes Loch in eine Wand geschnitten. Dahinter könnte sich eine Person befinden, die medizinische Hilfe, Verpflegung oder Sauerstoff benötigt, so die Annahme. Wegen der möglicherweise instabilen Wände wird das Loch klein gehalten. THW-Experten begutachten vorher so eine Lage, damit weder Helfer noch die zu Rettenden in Gefahr geraten. Als die Kettensäge durch die Wand kommt, fühlt man sich an einen Horrorfilm erinnert.

Richtig schweißtreibend ist die Aufgabe von Maike und Fabian. Die beiden Helfer entfernen mit dem Plasmaschneider an der Außenwand ein Gitter, um in einen Lichtschacht zu gelangen, an dessen Ende ebenfalls ein Gitter herausgeschnitten werden muss. Sie tragen ein Atemgerät mit Pressluft; Umgebungsluft, die mit 300 Bar komprimiert wurde. Dazu Lederkleidung, wegen der Funken und der Hitze. Mit einem Plasmaschneider können notfalls Bahnschienen durch­trennt werden. Strom, Sauerstoff und Druckluft ermöglichen eine 1 000 Grad heiße Zündflamme, die Eisen schmilzt. Das ist ein bisschen knifflig, weil erst Lack auf dem Gitter mit einer Drahtbürste entfernt werden muss, damit der Stromkreislauf zustande kommt. Maike und Fabian beißen sich durch. Hinterher sind sie erschöpft, aber zufrieden. Beim nächsten Mal würden sie zur Lederjacke auch noch Lederhosen anziehen. Nicht so sehr wegen der Funken, sondern wegen der Hitze. Sie haben wieder an Erfahrung gewonnen.

Marco Heinen