Wohnungslosenprojekt für Frauen

Endlich eine eigene Wohnung

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Esther Köb und Rachel sitzen auf dem Sofa in ihrer Berliner Wohnung
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Foto: kna/Nina Schmedding

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Housing first: Rachel ist eine von 77 Frauen in Berlin, die mit Hilfe von Esther Köb und dem SkF eine Wohnung vermittelt bekommen haben.

Obdachlose Frauen leben auf der Straße sehr gefährlich. Das Projekt "Housing first" des Sozialdienstes katholischer Frauen will sie wieder in die eigenen vier Wände bringen. Ein Besuch in der neuen Wohnung von Rachel.

Die Drei-Zimmer-Wohnung in der fünften Etage in einem Mehrfamilienhaus in Berlin-Reinickendorf ist für Rachel O. und ihre beiden kleinen Töchter wie ein sicheres Nest in der knapp Vier-Millionenstadt Berlin. Hier oben, über den Dächern der Hauptstadt, können sie zur Ruhe kommen, hier sind sie unter sich. "Ich bin unsagbar froh, diese Wohnung zu haben", sagt Rachel. Sie sitzt auf dem Sofa im eigenen Wohnzimmer und lächelt glücklich.

Vor vier Monaten war das noch anders. Damals lebte die 35-Jährige mit ihren beiden Kleinkindern in einem etwa 15 Quadratmeter großen Zimmer in einem Berliner Wohnungslosenheim. Küche und Bad teilten sie sich mit 20 anderen Menschen, die ihr Zuhause verloren hatten: Familien, Singles, Paare, Menschen aus Deutschland und anderen Teilen der Welt. Knapp drei Jahre hat Rachel es dort ausgehalten.

"Meine Kinder hatten keinen Auslauf, konnten sich in dem mit Betten, Tisch und Stühlen vollgestellten Zimmer kaum bewegen", erzählt Rachel. "Das Klo auf dem Flur stank immer, weil es so viele Menschen benutzten. Und viele der Heimbewohner haben sich beschwert, die Mädchen sollten leise sein. Aber wie macht man einem Kind von vier Jahren und einer Anderthalbjährigen klar, dass sie nur leise sprechen dürfen?"

Nach dem Wohnungslosenbericht von 2022 sind in Deutschland mindestens 263.000 Menschen wohnungslos. In Berlin leben nach einer Straßenzählung von 2020 rund 2.000 Menschen auf der Straße, hinzu kommt nach der Einschätzung von Experten eine hohe unbekannte Dunkelziffer. Wie viele von ihnen Frauen sind, ist unklar: Sie leben oft in einer versteckten Obdachlosigkeit.

Auszeichnung mit der Louise-Schroeder-Medaille

Darunter sind auch Mütter - wie Rachel. "Sie schlafen in Notunterkünften oder Autos, während sie ihre Kinder bei wechselnden Freundinnen untergebracht haben", sagt Esther Köb vom Sozialdienst katholischer Frauen (SkF), die für Rachel nach langer Suche eine eigene Wohnung gefunden hat. Der Verein hat in Berlin das Projekt "Housing first" (Zuerst eine Wohnung) explizit für Frauen initiiert.

Als "erfolgreicher und nachhaltiger Baustein zur Beendigung frauenspezifischer Wohnungs- und Obdachlosigkeit" wird die Wohnungsvermittlung mit der Louise-Schroeder-Medaille ausgezeichnet. Benannt ist sie nach der früheren Berliner Oberbürgermeisterin Louise Schroeder (1887-1957), die sich besonders für Frauenrechte einsetzte.

Housing first sieht vor, dass Wohnungslosen zuerst eine Bleibe mit eigenem Mietvertrag zur Verfügung gestellt wird, bevor etwaige weitere Hilfsmaßnahmen - wie etwa psychische Beratung - angeboten werden. Das Konzept entstand in den 1990er Jahren in den USA. Auch in Hamburg, Bremen und Köln gibt es ähnliche Initiativen. Seit Projektbeginn vor vier Jahren konnte der Verein in Berlin 77 Frauen eine eigene Wohnung vermitteln. Seit ein paar Monaten gibt es eine eigene Warteliste für wohnungslose Frauen mit Kindern.

Bedingung ist, dass die Frauen tatsächlich keine eigene Wohnung haben, aber auch mental fähig sind, eine Wohnung allein zu bewohnen. Zudem werden sie von Sozialarbeitern begleitet und beraten. Die Miete wird, wenn nötig, vom Jobcenter oder Sozialamt bezahlt. Rachels neue 60-Quadratmeter-Wohnung zum Beispiel kostet warm rund 700 Euro.

Die Frauen, die beim SkF nach einer Wohnung fragen, "sind eine ganz gemischte Gruppe", berichtet Rike Lehmbach, Sozialarbeiterin beim SkF und Rachels Betreuerin. Sie gehörten etwa unterschiedlichen Berufsgruppen an; auch Akademikerinnen sind demnach darunter.

Partner setzte Rachel und das gemeinsame Kind vor die Tür

Die jüngste Klientin, der der Verein jüngst eine Wohnung vermitteln konnte, ist 22 Jahre alt und lebte auf der Straße, seitdem sie 15 war. Sie war von zu Hause weggelaufen. Einer anderen wurde die Wohnung gekündigt, weil sie zu laut mit sich selbst gesprochen hatte - sie hatte eine psychische Erkrankung. Manche sind überschuldet und wurden aus der Wohnung geklagt. Andere haben nach einer Haftentlassung keine Wohnung mehr.

"Manchmal spielt auch häusliche Gewalt eine Rolle", sagt Lehmbach. "Oder die Frauen werden nach einer Trennung von ihrem Partner der Wohnung verwiesen - und stehen auf der Straße."

So war es auch bei Rachel. Sie kam vor fünf Jahren aus Nigeria nach Deutschland und lernte ihren damaligen Freund kennen, einen Nigerianer, der bereits in Berlin zu Hause war. Sie zog zu ihm, bekam ein Kind. Aber irgendwann funktionierte es nicht mehr zwischen ihnen - und er setzte die beiden vor die Tür.

Warum wollte sie damals tausende Kilometer weit weg, in eine andere Kultur? "Ich wollte ein besseres Leben", sagt Rachel heute. Eltern und Freunde unterstützten die Idee und schenkten ihr Geld für Flug, Visum und die erste Zeit. So ist das in Nigeria, so ist das vielerorts in Afrika.

Der Traum, den viele Menschen in dem krisengeschüttelten Land haben, ist: nach Europa zu reisen, zu Wohlstand zu kommen, in Frieden zu leben, die Familie zu Hause zu unterstützen. Es ist eine Reise ins Ungewisse, die gefährlich enden kann: Viele Frauen aus Nigeria müssen sich in Deutschland prostituieren, um sich überhaupt über Wasser halten zu können - oder sie geraten in die Hände von Menschenhändlern.

"Frauen leben auf der Straße sehr gefährlich", sagt Sozialarbeiterin Lehmbach. "Sie sind sexuellen Übergriffen ausgesetzt, oder sie sind gezwungen, für eine Unterkunft sexuelle Dienstleistung anzubieten."

Ihr habe damals, als sie nach Deutschland kam, vor allem "The Stone Church Berlin" geholfen, ein deutscher Ableger der Kirche, die 1993 in Nigeria gegründet wurde, erzählt Rachel. Die christliche Gemeinde feiert regelmäßig in der evangelischen Fürbitt-Kirche in Neukölln Gottesdienst.

"Es ist nicht immer einfach, plötzlich allein in einer Wohnung zu sein"

In ihrer neuen Wohnung in dem 1930er-Jahre-Bau im Nordwesten Berlins sieht es noch ein bisschen leer und nach Einzug aus: Die Wände sind frisch gestrichen, die Küche ist noch nicht fertig eingerichtet, es gibt nur wenige Möbel und auch nur wenig Spielzeug. Im Kinderzimmer steht ein Etagenbett, ein Bilderbuch liegt einsam auf der Erde. Die beiden Töchter sind gerade in der Kita.

"Es ist nicht immer einfach, plötzlich allein in einer Wohnung zu sein", sagt Lehmbach, die Rachels neues Leben nach Kräften unterstützt. "Man kommt zur Ruhe - und dann sackt erst einmal alles, was erlebt wurde. Das ist ein Riesenschritt." Sie besucht die junge Mutter regelmäßig, um ihr bei Fragen zur Seite zu stehen - etwa, wenn es um einen Sprachkurs, einen Kitaplatz in der Nähe oder eine Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung geht.

Rachels nächstes Ziel nach der eigenen Wohnung ist es, besser Deutsch zu lernen. Danach möchte sie eine Ausbildung zur Altenpflegerin machen. Ob sie Nigeria vermisse? Oh ja, sie vermisse das Essen, sagt sie spontan und erzählt begeistert von Amala, einem Gericht aus Yamswurzeln. Aber sie sagt auch: "Ich bin gern in Deutschland. Ich will hierbleiben."

Sozialarbeiterin Lehmbach glaubt, dass Rachel auch den nächsten Schritt in die Selbstständigkeit schaffen wird - einen Job zu bekommen. "Sie ist eine starke Frau und sehr gut organisiert."
 

kna