Der Theologe Reimer Gronemeyer über die Altenpflege

„Es geht mehr, als wir denken“

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Nachbarschaftshilfe in der Altenpflege
Nachweis

Foto: istockphoto/DGLimages

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Warum nicht mal beim Nachbarn klingeln und fragen, ob er Hilfe braucht? Vielleicht freut er sich drüber.

In der Pflege gibt es riesige Probleme, professionelle Dienstleister sind überlastet. Der Soziologe und Theologe Reimer Gronemeyer sagt: Wir sollten uns unabhängiger von ihnen machen und lernen, mehr selbst füreinander zu sorgen. Das habe Vorteile für alle und stärke die Gemeinschaft.

Herr Professor Gronemeyer, jeder kann im Alter zum Pflegefall werden. Dennoch möchten viele mit Pflege und Alter nichts zu tun haben, auch weil sie Berührungsängste damit haben. Warum haben wir die Empathie und Sorge umeinander verlernt?

Wer will schon bei einem alten Menschen eine Windel wechseln? Wer will schon abhängig sein von der Hilfe anderer? Vielleicht haben wir nicht die Empathie verloren, sondern den Sinn für das Praktische und für das Notwendige. Warum soll ich mich um jemanden sorgen, wenn ich das an professionelle Pflegekräfte delegieren kann? Deshalb brauchen wir ein Umdenken und einen Neuanfang des Umeinanderkümmerns.

Heute leben immer mehr Menschen alleine und vereinzelt, nicht nur in Senioreneinrichtungen. Was bedeutet das für das Leben im Alter?

Altsein ist nichts für Feiglinge. So schwierig wie heute war das Altsein vielleicht noch nie. Früher hatten alte Menschen in der Familie, Kirche und in Vereinen einen Platz, auch wenn es nicht immer alles golden war. Diese Bezugspunkte fehlen heute oft. Die Folge: Noch nie waren so viele alte Menschen so einsam wie heute.

Der Soziologe und evangelische Theologe Reimer Gronemeyer. Foto: kna / Pietro Sutera

Die meisten Menschen wünschen sich, im Alter selbstverantwortet zu Hause leben zu können. Welche Rolle spielen dabei in Zukunft Nachbarn, Freunde und freiwillige Unterstützer?

Altwerden ist auch eine praktisch-alltägliche Herausforderung. Wenn man 80 ist, kann es schon schwierig sein, eine neue Halogenleuchte in die Deckenlampe einzusetzen. Viele Senioren kommen mit Online-Banking nicht klar, zugleich verschwinden Bankfilialen mit persönlichen Ansprechpartnern wie der Schnee an den Polkappen. Digitalisierung schließt viele alte Menschen aus. Wenn da niemand guckt und hilft, ist manche alte Frau und ist mancher alte Mann gezwungen aufzugeben: Dann bleibt nur die Flucht ins Heim.

Schon kleine, freundschaftliche Hilfsdienste und Handreichungen können also den Umzug in ein Pflegeheim verhindern. Warum ist das so wenig im Blick?

Das liegt auch an unserer Einstellung: Wenn ich ein Problem habe, kaufe ich mir eine professionelle Dienstleistung – ob es sich um Kinder oder Alte, um den Garten oder die Katze handelt. Doch wir erfahren schon jetzt an allen Ecken und Enden, dass das auch durch den Fachkräftemangel nicht mehr funktioniert. Das macht uns wütend oder ratlos. Mehr Achtsamkeit für die Menschen im eigenen Nahbereich könnte vieles ändern.

Das große Thema Pflege wird meist Experten, Pflegedienstleistern und „der Politik“ überlassen. Sie wünschen sich stattdessen eine „caring society“, eine sorgende Gesellschaft. Wie kann die aussehen?

Wir sollten nicht länger auf die ohnehin überlasteten Dienstleister hoffen. Das muss aufhören, wenn immer es geht. Denn wir haben nur vergessen und verlernt, was wir alles selbst können. Zugleich unterschätzen wir, was alles schon funktioniert in der Nachbarschaft. Da liegt die Zukunft – wenn wir wach und sensibel werden. Für uns selbst und für andere.

Sie plädieren für eine lebendige, unprofessionelle, wilde Pflege „durch einander“. Was meinen Sie damit?

Viele professionell Pflegende sagen: „Wir sind von Bürokratie erstickt.“ So gibt es den „Expertenstandard Mobilität“, der Bewegung für Pflegebedürftige – selbst für Bettlägerige – verordnet. Wenn es aber gar kein Personal dafür gibt, dann ist das eine hohle Floskel. Könnte man sich stattdessen nicht nachbarschaftlich verbundene Heime vorstellen, wo Menschen kommen und mit Gebrechlichen spazieren gehen oder sie im Rollstuhl in einen Park schieben? Ich wünsche mir weniger Abhängigkeit von den Experten, mehr Fantasie für den Nächsten. Es geht mehr, als wir denken.

Wie können wir ganz konkret wieder dahin finden, die Sorge um alte und hilfsbedürftige Menschen mehr in unser Leben zu lassen?

Der Neuanfang ist ganz einfach und ganz schwierig zugleich, weil wir den ersten Schritt wagen müssen. Warum klingeln wir nicht mal bei der Nachbarin, die ihren Mann pflegt, und fragen, ob wir etwas für sie einkaufen oder sonst etwas für sie tun können? Wir müssen wieder lernen, einander zu fragen – und lernen, Hilfe anzunehmen. Dann wird man erstaunt sein, was alles möglich ist.
Aus einer anderen Form von Pflege können aus Ihrer Sicht wir alle profitieren, inwiefern?
Die Babyboomer, die jetzt alt werden, ahnen es: Ihr Alter wird nur gut sein, wenn sie sich sozial engagieren, wenn sie Nachbarschaft und Freundschaft auf- und ausbauen. Dabei gibt es eine Zeit des Gebens und eine Zeit des Nehmens. Mein Tipp: Fang rechtzeitig an zu geben, damit Du später auch nehmen kannst.

Ihnen geht es um nichts Geringeres als eine Neuerfindung der Sorge – auch mit Blick auf die Klimarettung. Was haben Pflege und Klima miteinander zu tun?

Der Planet macht uns Sorgen. Die Alten machen uns Sorgen. Wir wissen, dass mit dem Klimawandel dramatische Veränderungen auf uns zukommen. Nichts wird mehr so sein wie früher. Ähnliches gilt bei der Pflege. Ich fürchte, dass es für die Schwachen dieser Gesellschaft gefährlich wird: Wenn weniger Geld da ist, wenn weniger Dienstleistungen zur Verfügung stehen, dann könnten die Alten, die Behinderten, die Obdachlosen, die Geringverdiener die Ersten sein, die das ausbaden müssen.

Sie sind auch Theologe und haben 2020 das Buch „Der Niedergang der Kirche. Eine Sternstunde?“ veröffentlicht; nun beleuchten Sie den drohenden Kollaps des Pflegesystems und sehen auch darin eine Chance. Sind Sie trotz allem zuversichtlich, was die Zukunft der Pflege angeht – oder ist das mehr Zweckoptimismus?

Ich bin zu alt für Zweckoptimismus. Für die kommenden Generationen wird es nicht einfach, das ist klar. Die hemmungslose Konsumgesellschaft wird nicht mehr funktionieren, und mit egomaner Selbst-
optimierung rasen wir gegen eine Betonmauer. Das ist die Chance für einen Neuanfang. Eine neue Bescheidenheit wird eine lebendige neue Gemeinschaftlichkeit notwendig und möglich machen. Das kommt nicht von selbst, aber ist möglich. Das ist kein platter Optimismus, sondern meine Hoffnung, die vielleicht sogar ihre Ideen aus der christlichen Tradition saugt.
 

Angelika Prauß