Flüchtlingsseelsorge

Freundlich, klar und uneitel

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Ein Mann zeigt auf Figuren in einer Vitrine.
Nachweis

Foto: Christoph Matiss

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Ludger Hillebrand weist auf die Figuren der Flüchtlinge Maria und Josef, die in einer Vitrine im Statiogang des St. Marien-Doms zu sehen sind – ebenso wie ein Asylbescheid des Bundesamts für Migration.

Sein halbes Leben arbeitet der Jesuit Ludger Hillebrand mit geflüchteten Menschen. Nun setzt er diesen Einsatz als Flüchtlingsseelsorger im Erzbistum Hamburg fort. Wenn ihn seine Arbeit an Grenzen bringt, hilft das Entzünden einer Kerze.

Wenn er nicht den Priesterberuf gewählt hätte, wäre er Schreiner geworden. Da ist sich Pater Ludger Hillebrand sicher. Sein Patenonkel habe das schon gemacht, er komme aus einer Handwerkerfamilie und überhaupt arbeite er einfach wahnsinnig gern mit Holz, erzählt der Jesuit. So bodenständig der alternative Berufswunsch des gebürtigen Ostwestfalen ist, so ist er auch im Kontakt mit anderen Menschen: freundlich, klar und uneitel. Nur in einem, da entspräche er wirklich nicht dem klassischen Ostwestfalen: Er rede gern. Und Reden – besser: Erklären, Abstimmen, Vermitteln – ist wahrlich ein wichtiger Teil seines Jobs. Seit diesem Jahr ist Ludger Hillebrand Flüchtlingsseelsorger im Erzbistum Hamburg und hat damit die Nachfolge von Diakon Andreas Petrausch angetreten. 
Der Lebenslauf des 63-Jährigen ist voll von Stationen, auf denen er mit geflüchteten Menschen gearbeitet hat: Hilfe für Flüchtlinge aus dem Jugoslawienkrieg in Warburg, persönliche Betreuung einer kurdisch-türkischen Familie und eines Tamilen in Schwerte, Jesuitenflüchtlingsdienst in der Abschiebehaft in Berlin und in Eisenhüttenstadt und zuletzt zehn Jahre Leiter des Abuna-Frans-Hauses in Essen, einer Wohngemeinschaft für Flüchtlinge.

Das Projekt in Essen war besonders prägend für Hillebrand und sagt viel über sein Denken und Handeln aus. Aus seiner tiefen jesuitischen Überzeugung heraus habe er das Abuna-Frans-Haus mit einem Mitbruder im Jahr 2016 gegründet: „Unser Orden hat gesagt: Wir wollen präsent sein nicht nur für die Armen, für die Flüchtlinge, sondern mit ihnen leben.“ Und so ist in einem vom Bistum Essen renovierten Pfarrhaus eine besondere Wohngemeinschaft entstanden, in der zwei Jesuiten gemeinsam mit acht Flüchtlingen leben – egal, ob Christ, Moslem oder Atheist. Dieses Zusammenleben läuft laut Hillebrand nicht immer ganz reibungslos, was aber meist nichts mit Herkunft und Religion zu tun habe, sondern mit grundlegenden menschlichen Eigenschaften: „Ich habe damals schon gesagt: Das Problem der Wohngemeinschaft wird nicht sein, ob du Schiit oder Sunnit, Katholik oder Protestant bist. Sondern das Problem wird sein: Warum hast du die Toilette nicht sauber gemacht?“

Bei seiner täglichen Arbeit ist der Bereich der Politik eines der größten Ärgernisse für Ludger Hillebrand, so empfindet er es jedenfalls. Als großen Fehler sieht er insbesondere, dass das Chancen-Aufenthaltsrecht, das langjährig Geduldeten unter anderem durch eine Arbeitserlaubnis die Möglichkeit gab, ein dauerhaftes Bleiberecht zu erhalten, Ende 2025 ausgelaufen ist. Dazu kämen stundenlange „Asylinterviews“, die oft in fragwürdig begründeten Ablehnungen der Schutzsuchenden mündeten. Als Deutscher empfinde er daher manchmal Scham für sein eigenes Land.

Doch auch die Menschen selbst lassen den Flüchtlingsseelsorger manchmal verzweifeln. Etwa diejenigen, die trotz relativ guter Schulbildung wenig aus ihren Möglichkeiten machten. Immerhin vier der insgesamt 40 Mitbewohner im Abuna-Frans-Haus haben die Jesuiten weggeschickt. „Fördern und Fordern“ wolle man. Das funktioniere eben nicht für jeden. Die moderne Medien- und Informationswelt mit Internet und Smartphones spiele gerade für Menschen auf der Flucht eine zwiespältige Rolle, ist für den Jesuitenpater „Fluch und Segen zugleich“. Einerseits könnten die Menschen so Kontakt zu Freunden und Familie in der Heimat halten, andererseits blieben auch die großen Probleme ganz nah bei den Geflüchteten: „Das, was in Syrien passiert, ist eins zu eins in der Küche in Essen.“

Der jesuitische Ansatz des Mitlebens, des Vermittelns und – leider nicht selten – auch des Miterlebens von Leid und Trauer geht auch Pater Hillebrand sichtlich an Herz und Nieren. Das ist bei jedem Satz zu spüren, den er über seine intensive Arbeit der letzten Jahrzehnte spricht. Trost findet er an besonders harten Tagen dann bei seinen jesuitischen Mitbrüdern am „Kleinen Michel“ in der Hamburger Innenstadt, wo er seit Mai lebt. Der Austausch über das Erfahrene helfe ihm, die „Tür abzuschließen“, und sich davon abzugrenzen, berichtet er.

Einen entscheidenden Tipp, den Kopf freizubekommen, erhielt Hillebrand ausgerechnet von einer evangelischen Kollegin. Diese riet ihm, in besonders schweren Momenten zu einer Marienkapelle zu gehen, dort eine Kerze anzuzünden und den aktuellen Fall an die Gottesmutter zu „übergeben“. Ein Privileg des Glaubens sei das, für das er sehr dankbar sei.

Als Fotomotiv für das Porträt auf dieser Seite schlägt Ludger Hillebrand die kleine Ausstellung im Statiogang des Hamburger St. Marien-Doms vor. Maria und Josef sind dort zu sehen – als Flüchtlinge. Darunter ist ein Asylbescheid des Bundesamts für Migration ausgestellt. Die Botschaft ist eindeutig: Ohne die Flucht nach Ägypten und ohne die Bereitschaft der Ägypter, die kleine jüdische Familie aufzunehmen, gäbe es das Christentum nicht. Daher kann es für Hillebrand, ähnlich wie für den Hamburger Erzbischof Heße, nur eine Schlussfolgerung geben: „Als Christen können wir Flüchtlingen nicht nur helfen, wir müssen es.“

Was Ludger Hillebrand aus Essen mit nach Hamburg bringt, ist die große Freude am internationalen Zusammenleben. Er schätzt den großen Familien- und Gemeinschaftssinn der arabischen und afrikanischen Kulturen, das Füreinander-Dasein, gerade in den Situationen, in denen die Not besonders groß und Hilfe besonders wichtig seien. So wie bei einem afghanischen Flüchtling in Essen, der sich sehr liebevoll um die vier Kinder seiner Schwester kümmere, nachdem deren Mann fortgegangen sei.

Doch auch ein Mensch mit über 30 Jahren Erfahrung in der Flüchtlingsarbeit kann noch etwas dazulernen: Sein Vorgänger Andreas Petrausch wird Ludger Hillebrand noch in den komplexen Bereich des Kirchenasyls einweisen und so dazu beitragen, dass es für Flüchtlinge weiterhin eine kompetente und mitfühlende Anlaufstelle im Erzbistum Hamburg gibt – an der der „Schreiner“ Hillebrand kräftig mitbaut.

Christoph Matiss