Begegnet

Gelebte Ökumene

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Portrait eines Mannes.
Nachweis

Foto: Matthias Schatz

Bernd Steinmetz ist evangelisch, fühlt sich aber der katholischen Gemeinde Heilig Kreuz im Hamburger Stadtteil Volksdorf verbunden, die er durch seine katholische Ehefrau Beate kennengelernt hat. Mehr noch: Der frühere Richter setzt sich als Vorsitzender eines Fördervereins für den Erhalt des Kirchenstandorts ein.

„Ganz schön warm hier“, bemerkt Bernd Steinmetz als wir die Treppe ins erste Geschoss des Gemeindezentrums von Heilig Kreuz im Hamburger Stadtteil Volksdorf hinaufsteigen. Oben angekommen, dreht er gleich den Schalter der Heizung herunter. Auch, damit kein Geld verschwendet wird. Denn die Gemeinde muss seit Jahresbeginn für den laufenden Unterhalt von Kirche und Gemeindezentrum selbst aufkommen, da ihre Gebäude als Sekundärimmobilien eingestuft worden sind – aus Kirchensteuermitteln werden nur noch die pastoralen Aufgaben finanziert. Durch diese neue Einstufung muss nun andererseits deutlich weniger Geld aus Steuermitteln für bauliche Maßnahmen auf ein Sperrkonto überwiesen werden. Das erhöht aktuell den finanziellen Spielraum, es steht jetzt eine Rücklage von rund 150 000 Euro bis 2030 zur Verfügung. „Ich bin mir aber nicht ganz sicher, ob das auf Dauer dem Standort hilft“, sagt Steinmetz.

Daher kann auch der kleine, aber feine, mit Küche und Tresen ausgestattete Versammlungsraum, in den wir gleich darauf schreiten, gemietet werden. Das spült Geld in die Kasse – für die vom Erzbistum betriebene Kita, deren Räume sich an das Gemeindezentrum anschließen, erhält die Gemeinde eine Betriebskostenpauschale. Ebenso für Vermietungen des Kirchenraums wie jüngst an eine gewerbliche Musikschule oder den Lions Club. Steinmetz setzt sich dafür ein, dass genügend Geld zusammenkommt, um den Kirchenstandort zu erhalten, und zwar als Mitgründer und Erster Vorsitzender des „Fördervereins Heilig Kreuz – Volksdorf“. 2034 würde die Gemeinde 100 Jahre bestehen, sagt der 67-Jährige. „Das Jubiläum möchte ich hier gern erleben und mit einem großen Fest feiern.“

Wesentlicher Knackpunkt sind – wortwörtlich – die sogenannten Wasserrutschen. Das sind sechs breite Regenrinnen aus Sichtbeton, die zugleich ähnlich gotischen Strebepfeilern das zeltartige Dach der Kirche tragen. Sie sind teils stark verwittert, Beton platzt ab. Mit Zustimmung des Erzbistums ist Anfang des Jahres ein Gutachten in Auftrag gegeben worden, das Sanierungs- und Kostenbedarf ermitteln soll. Dazu müsse der Beton mit Bohrungen untersucht werden und die seien erst möglich, wenn es keinen Frost mehr gebe, erläutert Steinmetz. Er rechnet mit der Vorlage des Gutachtens in etwa drei Monaten.

Der Förderverein, dessen Mittel ausschließlich für die Gemeinde bestimmt sind und über deren Verwendung eine Mitgliederversammlung entscheidet, kann seit November um Spenden werben. Steinmetz’ Ehefrau Beate führt darüber als Schatzmeisterin Buch. Von anfangs neun ist der Verein mittlerweile auf knapp 60 Mitglieder angewachsen. „Sobald das Gutachten vorliegt und wir die Kosten abschätzen können, wollen wir gezielt Förderer ansprechen und eine Spendenaktion starten“, sagt Steinmetz. Mit einer ähnlichen Aktion warb Heilig Kreuz vor rund 20 Jahren erfolgreich Mittel für die Renovierung des Gemeindehauses ein. „Da stand im Vorraum der Kirche ein Spendenbarometer. So etwas haben wir auch vor.“

Kontakt zum Denkmalschutzamt und zur Stiftung Denkmalschutz, von denen die Gemeinde ebenfalls Mittel erhofft, sind schon geknüpft worden. Klar, denn der 1965 geweihte Bau steht unter Denkmalschutz. Das Gotteshaus wurde nach Plänen errichtet, an denen die Architekten Walter Bunsmann und Paul-Gerhard Scharf maßgeblich beteiligt waren. Sie haben unter anderem auch die Katholische Akademie in Hamburg entworfen. Überdies ist Heilig Kreuz die erste Kirche, die in Norddeutschland nach Maßgaben des II. Vatikanischen Konzils konzipiert wurde. So befindet sich beispielsweise der Taufstein samt Sitzgruppe genau in der Mitte des Kirchenschiffs.

In engem Kontakt stehen Steinmetz und die Gemeinde dazu überdies mit der evangelisch-lutherischen  Kirchengemeinde Volksdorf, deren ebenfalls denkmalgeschützter Standort St. Gabriel mithilfe eines Fördervereins vor der Profanierung bewahrt werden konnte. „Die haben uns beispielsweise sehr geholfen bei der Satzung, der Festlegung der Beiträge und den Abläufen“, berichtet Steinmetz. Im September wolle man sich gemeinsam am „Tag des offenen Denkmals“ beteiligen. Solch ökumenisches Zusammenwirken liegt Steinmetz seit jeher besonders am Herzen, denn: Er ist nicht katholisch, sondern evangelisch.

An der Basis spielt die Konfession keine Rolle.

Aber seine Ehefrau Beate ist katholisch. 1984 seien sie nach Volksdorf gezogen und fühlten sich seitdem beide der Gemeinde Heilig Kreuz verbunden, so Steinmetz. Bald darauf gründeten beide daher zusammen mit anderen konfessionsverschiedenen Ehepaaren einen Ökumene-Kreis, der bis heute besteht und sich jetzt vor allem der Bibelauslegung widmet. In der Gründungszeit hätten allerdings noch Fragen wie die Teilnahme eines evangelischen Partners an der Eucharistie im Zentrum gestanden, berichtet Steinmetz. Man habe sich mit dem Problem an Erzbischof Werner Thissen gewandt. „Er meinte, er werde die Teilnahme auch Konfessionsanderen nicht verweigern, wenn sie es ernst nähmen und mit dem Herzen bereit seien, das zu empfangen, was dort gegeben werde. Und das ist dann zur Normalität geworden.“ Die Pfarrer und anderen Geistlichen der Pfarrei wüssten darüber Bescheid.

„An der Basis spielt die Konfession keine Rolle“, ist Steinmetz’ Erfahrung. Außerdem sei es weder besonders katholisch noch besonders evangelisch, was er in der Gemeinde mache. „Ich denke ohnehin, dass die Ökumene die Zukunft der Christen hier ist. Wir werden immer weniger und müssen immer mehr zusammenarbeiten.“ In Volksdorf spielt die Ökumene überdies seit Jahrzehnten eine große Rolle. Jedes Jahr feiern die evangelisch-lutherische und die katholische Gemeinde beispielsweise fünf Gottesdienste zusammen, den nächsten am Pfingstmontag. Hilfreich ist dabei, dass Heilig Kreuz und die große Kirche der evangelischen Gemeinde nahe des U-Bahnhofs im Ortszentrum liegen. Bei den Protestanten werde er ohnehin als Katholik wahrgenommen, sagt Steinmetz, der bis Ende 2025 auch drei Jahre einem sogenannten Orga-Team angehörte. Es vertrat die Belange der Gemeinde, weil bei den Gremienwahlen zuvor kein Gemeindeteam besetzt werden konnte.

„Der Glaube war für mich auch immer eine wichtige Stütze bei der Arbeit“, sagt Steinmetz, der bis vor drei Jahren Vorsitzender einer Großen Strafkammer am Landgericht Hamburg war. „Da habe ich es mit schwerkriminellen Straftaten zu tun gehabt, mit Menschen, die schwere Schuld auf sich geladen haben und mit Opfern, die ihr Leben lang geschädigt sind. Diese mentale Belastung konnte ich in Gottes Hände legen.“ Für die Rechtsprechung selbst aber habe der Glaube natürlich keine Rolle gespielt und durfte es auch nicht.

In Heilig Kreuz fühlt sich Steinmetz auch „zuhause“, weil es die Gemeinde ist, in der Johannes Prassek, einer der vom Hitler-Regime ermordeten Lübecker Märtyrer, seine Primiz gefeiert hat. „Das schließt an die Richtertätigkeit an. Es ist für mich Mahnung, wie juristische Macht in der Nazi-Zeit missbraucht wurde.“

Matthias Schatz