Impuls zum Sonntagsevangelium am 29.10.2023

Hart, aber fair

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Engagierter Diskutant
Nachweis

Foto: imago/YAY Images

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Können Sie sich Jesus als engagierten, vielleicht sogar aggressiven Diskutanten vorstellen? Die Bibel kann es

An diesen Sonntagen erzählt das Evangelium von Streitgesprächen, die Jesus führte – teils freiwillig, teils gezwungenermaßen. Darin erwies er sich nicht nur als geschickter Redner, sondern auch als typischer jüdischer Rabbi.

Am Kreuz. Oder inmitten seiner Jünger beim Abendmahl. Als guter Hirte mit Schafen, wandelnd auf dem Wasser oder mit offenem Herzen. Das sind die gängigsten Darstellungen Jesu in der Kunstgeschichte. Aber einen gestikulierenden und sich im Kreise anderer Schriftgelehrter und Rabbis ereifernden Jesus hat man dann doch noch nicht oder zumindest sehr selten gesehen. 

Dabei wäre das eigentlich eine Szene, die einen typischen Jesus zeigt: wie er sich mit Worten duelliert. Nicht umsonst ist von den Kindheitserzählungen über Jesus in den vier biblischen Evangelien nicht viel mehr übrig geblieben als die von dem Jesus, der sich im Tempel mit den Schriftgelehrten streitet: „Nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel; er saß mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen. Alle, die ihn hörten, waren erstaunt über sein Verständnis und über seine Antworten.“ (Lukas 2,46-47)

Diskussionen statt klarer Lehre

Der junge Jesus sitzt also nicht einfach nur im Tempel. Er stellt Fragen und gibt selbst Antworten, denn so funktioniert bis heute nach israelitisch-rabbinischer Tradition die Interpretation der Heiligen Schriften: durch Auseinandersetzung, durch Frage und Antwort.

Hierbei wird ein Grundsatz des Glaubens auf einen konkreten Fall hin angewandt und dann mit Fragen und Antworten oder unter Einbeziehung anderer Glaubenssätze und Gesichtspunkte erörtert. Darüber bildet sich dann eine Lehre heraus, die am Ende aber alles andere als eindeutig und nicht hinterfragbar bleibt. Im Gegenteil: „Zwei Juden, drei Meinungen“ ist ein Sprichwort, das zeigt, dass es in Glaubensfragen eben viele Lehren, aber keine endgültige Festlegung gibt. 

Auch in den Evangelien lesen wir von einigen dieser Streitgespräche um Fragen des richtigen Glaubens und Handelns nach Gottes Geboten, zum Beispiel an diesem Sonntag das Gespräch über das wichtigste Gebot – aber dazu später.

Beginnen wir beim Streitgespräch über die Ehescheidung, das die Pharisäer mit Jesus anzetteln (Markus 10,2–10). Jesus fragt zunächst, was dazu in der Tora stehe, also: was Mose dazu gesagt hat; dann führt er allerdings an, dass in der Schöpfungserzählung eigentlich gar keine einseitige Scheidung wie in der Tora vorgesehen ist. Auf diese Weise interpretiert Jesus das Scheidungsgebot der Tora als eine Notlösung, die dem Geist der Tora als ganzer widerspricht.

Die Frage bringt Jesus in Schwierigkeiten

Eine ähnliche Szene gab es im Evangelium vom letzten Sonntag (Matthäus 22,15–21), als die Pharisäer Jesus eine Falle stellen mit der Frage: „Was meinst du? Ist es erlaubt, an den Kaiser Steuern zu zahlen oder nicht?“ Wieder sind die Pharisäer nicht wirklich an Jesu Meinung interessiert, wollen ihn vielmehr vorführen, weil ein „Ja“ die gesetzestreuen Juden gegen ihn aufbringt, ein „Nein“ ihn in Schwierigkeiten bei den Römern bringt. Jesus gibt daher keine Antwort und kontert mit einer Gegenfrage: „Wessen Bild und Aufschrift ist auf euren Münzen?“ Antwort: „Des Kaisers.“ Jesu Schlussfolgerung ist bekannt: „Also gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört.“ 

Rhetorisch ist das geschickt gelöst: Ohne auf die erste Frage zu antworten, zwingt Jesus mit einer zweiten, ganz anders gearteten Frage seine Gegner selbst zu einer Antwort, und die ist dann nur noch eine Vorlage für seine eigene Schlussfolgerung. Dass diese Schlussfolgerung Jesu dann die Frage der Pharisäer gar nicht mehr präzise beantwortet, fällt kaum noch auf. Kann man sich hier vielleicht noch einen ruhigen, souveränen Jesus vorstellen, so erscheint er in einem anderen Streitgespräch doch deutlich wütend. Als Jesus an einem Sabbat in die Synagoge geht, tritt ihm ein Mann mit einer gelähmten oder verkrümmten Hand entgegen (Markus 3,1-6). 

Und wieder warten die Pharisäer nur auf einen Fehler, nämlich, dass Jesus diesen Mann am Sabbat heilt, an dem in Israel ja jegliche Arbeit untersagt war. Weil Jesus das weiß, beginnt er das Gespräch mit einer Frage: „Was ist an einem Sabbat erlaubt: Gutes zu tun oder Böses, ein Leben zu retten oder es zu zerstören?“ Seine Gegner geben darauf keine Antwort, weil sie nicht zugeben wollen, dass er im Recht sein könnte. „Und er sah sie der Reihe nach an voll Zorn und Trauer über ihr verstocktes Herz.“

Die Streitgespräche Jesu, wie die Evangelien sie wiedergeben, sollen vor allem die Position Jesu stärken. Die Pharisäer gehen dabei üblicherweise als Verlierer vom Platz. Dabei versuchten sie doch ähnlich wie er, die Tora für den Alltag auszulegen und umzusetzen und so das Leben im Alltag zu heiligen. An dieser Stelle zeigen die Evangelien, dass Jesus aber einen ganz anderen Ansatz hat als die Pharisäer mit ihren sehr peniblen Reinigungsvorschriften.

Mitreißend und eindringlich

Welchen, das zeigt das Evangelium dieses Sonntags, das Streitgespräch über das wichtigste Gebot. Jesus antwortet mit dem Verweis auf die beiden Gebote der Gottes- und der Nächstenliebe. Diese sind für ihn die Linse, durch die alle weiteren Gesetze und Gebote betrachtet werden müssen. Dies zeigt sich in den Streitgesprächen über die Ehescheidung, über den Sabbat und letztlich auch in der Bergpredigt, in der Jesus vor den vielen Zuhörenden sein Streitgespräch mit der Tora und ihren Geboten führt, die er nacheinander auf seine Weise interpretiert (Matthäus 5). „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist … Ich aber sage euch …!“ 

Es lohnt sich immer wieder nachzulesen, wie Jesus ganz in der Tradition eines Rabbis kein Stück der Tora zurücknimmt, sie aber durch die Linse der Gottes- und Nächstenliebe für die Menschen vor ihm auslegt und konkrete Handlungsanweisungen gibt. Und hätte man ihn in diesem Moment porträtieren können, würde man auf diesem Bild sicher einen mitreißend gestikulierenden und eindringlich sprechenden Mann sehen. Einen Rabbi also, der im Gespräch mit der Tora und den Menschen den Willen Gottes auslegt.

Christoph Buysch