Ärztin versorgt ehrenamtlich Wohnungslose und hat dabei besondere Strategien
"Helfen macht einen auch stärker"
Foto: Thomas Osterfeld
Cornelia Völckers nimmt sich viel Zeit - für die medizinische Versorgung und für die Sorgen der Patienten.
Heute ist es relativ ruhig. Nur ein Gast schaut bei Cornelia Völckers im Sprechzimmer vorbei. Helmut (Name geändert). Es gehe ihm nicht gut, erzählt er der Ärztin. Während sie ihm routiniert in Mund und Ohren schaut, Herz und Lunge abhorcht, kommt er ins Erzählen: „Der Kopf ist voll, ich habe so viele Probleme“, sagt er, berichtet von seinem Weg in die Wohnungslosigkeit, Krankheiten, Suchtproblemen.
Der Redebedarf ist groß. Die Ärztin hört zu, gibt Ratschläge, erklärt Zusammenhänge. Einmal wöchentlich bietet Cornelia Völckers im Osnabrücker Laurentiushaus, einer stationären Einrichtung für Wohnungslose, ehrenamtlich eine ärztliche Sprechstunde an – für Menschen wie Helmut, ohne festen Wohnsitz, die nicht versichert sind oder sich schlicht nicht trauen, in eine Praxis zu gehen. Nicht immer kann die pensionierte Hausärztin dauerhaft helfen, oft die Situation nur kurzzeitig verbessern oder zu Fachärzten weitervermitteln. Dennoch erlebt sie viel Dankbarkeit. Sie sagt: „Die Menschen sind froh, dass sie gesehen werden.“ Bei ihrer Arbeit braucht sie besondere Strategien. Zehn Tage Antibiotikum nehmen? Das klappt oft nicht. Bei Krätze zuverlässig duschen und eincremen – auch das ist häufig schwierig. „Aber es gibt Kurzzeitantibiotika, und gegen Krätze helfen auch Tabletten“, erklärt die 72-Jährige pragmatisch.
Cornelia Völckers urteilt nicht, respektiert Lebensentscheidungen. Und sie schafft wichtigen Zugang zu medizinischer Hilfe. Nach dem Ende ihrer aktiven Berufszeit als Hausärztin hat sie sich entschieden, genau den Menschen zu helfen, „die sonst durchs Raster fallen“ und für die sie im Praxisalltag oft zu wenig Zeit hatte. Im Laurentiushaus und in der Tageswohnung für Obdachlose hat sie ihr Tätigkeitsfeld gefunden. Sie erklärt: „Jede Begegnung schafft für eine kurze Zeit Respekt, Kümmern, Nachdenken – und Spaß.“
Auch wenn Cornelia Völckers aus der Kirche ausgetreten ist, sagt sie: „Die christliche Ethik prägt mein Handeln.“ Aus ihrem Elternhaus habe sie klare Leitlinien mitbekommen, „dass man sich um Menschen kümmert, dass man abgibt“. Sie sei dankbar für ihre privilegierten Möglichkeiten, möchte etwas zurückgeben. Das mache sie auch zufriedener: „Weil ich etwas bewirken kann. Helfen macht einen auch stärker.“ Und sie bedauert, „dass die, denen es sehr gut geht, oft nicht sehen, wie schlecht es Menschen gehen kann“.
Ein neues Projekt der Osnabrücker Wohnungslosenhilfe ist die Einrichtung einer medizinischen Straßenambulanz. Hierzu werden noch Spenden benötigt. Mehr dazu: www.buergerstiftung-os.de/ 25-jubilaeum