Migration
Integrationskursen droht das Aus
Foto: Michael Kottmeier/Caritas
Die Integrationskurse sind in erster Linie Sprachkurse, denn Sprachkompetenz wird als essenziell für die Integration angesehen.
„Wir verstehen diese Herangehensweise überhaupt nicht“, ist Julia Rieger empört. Die Rede ist von der Entscheidung des Bundesinnenministeriums, Geflüchteten die freiwillige Teilnahme an Integrationskursen nicht mehr kostenfrei zu ermöglichen. „Gerade jene Menschen, die diese Kurse freiwillig besuchen, sind besonders motiviert“, hebt die Leiterin des Fachdienstes Migration, Flucht und Partizipation bei der Caritas Hamburg hervor. „Wir sind zudem davon überrascht worden, dass das gleich für das ganze Jahr 2026 gilt.“
Mit der Auffassung steht sie nicht allein. Auch Erzbischof Stefan Heße hat deutliche Kritik an der Entscheidung des von Alexander Dobrindt (CSU) geführten Ministeriums geübt. „Damit wird eine erhebliche Hürde zu gelingender Integration aufgebaut. Denn konkret hat die Entscheidung zur Folge, dass Geflüchtete aus der Ukraine oder auch EU-Bürger von Integrationskursen ausgeschlossen werden“, so Heße. Die katholische Kirche habe immer wieder betont, dass Integration erleichtert und nicht erschwert werden müsse.
„Die Integration von Geflüchteten ist in den vergangenen zehn Jahren eine Erfolgsgeschichte“, sagt Julia Rieger. Denn das Beschäftigungsniveau unter den seitdem Geflüchteten liege nur knapp unter dem der übrigen Bevölkerung. "Das hat auch viel damit zu tun, dass die Integrationskurse ihr Ziel erfüllt haben."
Die Kurse bestehen in der Regel aus 600 Stunden Sprachunterricht und weiteren 100 Stunden, in denen die Rechtsordnung, Geschichte, Kultur und gesellschaftliche Werte Deutschlands vermittelt werden. Zu beiden Teilen müssen die Teilnehmer am Schluss des Kurses einen Test absolvieren. Dann soll das Sprachniveau B1, die „fortgeschrittene Sprachverwendung“, erreicht sein. „Wir denken, dass Sprache essenziell ist, um hier anzukommen“, sagt Rieger. Die Caritas biete zudem parallel zu den Integrationskursen Beratung an. „Eine sinnvolle Kombination.“
Im vergangenen Jahr hätte rund ein Drittel der 620 Teilnehmer an den Integrationskursen der Caritas im Norden freiwillig teilgenommen, berichtet Rieger weiter – das ist ein Schnittwert, da die Kurse über den Jahreswechsel fortlaufen. Sie geht davon aus, dass dieses Jahr aufgrund der Mittelstreichung durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BaMF) deutschlandweit rund 130 000 Menschen weniger dieses Angebot wahrnehmen werden – ohne die Mittelkürzung wären es demnach rund 314 000.
Ein solcher Einbruch bringe das gesamte Angebot in Gefahr, so Rieger weiter. „Einige Anbieter überlegen, ob sie bestimmte Kurse überhaupt noch anbieten.“ Sie müssten von einer bestimmten Teilnehmerzahl ausgehen können, damit sich die Kurse rechneten. Über Jahre aufgebaute Strukturen gingen verloren.
Teilnahmegebühr beträgt 3206 Euro für 700 Stunden
Selbst viele, die eine Tätigkeit gefunden haben, können es sich wohl nicht leisten, auf eigene Kosten an den Kursen teilzunehmen. Denn sie sind nicht ganz billig. 100 Stunden kosten 458 Euro, 700 Stunden also 3206 Euro. Natürlich weiß auch Julia Rieger, dass die Haushaltslage in Bund und Ländern angespannt ist. Einsparungen wurden auch als Grund für die Mittelstreichung angeführt. „Das ist aber sehr kurz gedacht, denn langfristig könnte das Land von dieser Investition profitieren.“ Eine schnellere Integration der Geflüchteten in den Arbeitsmarkt würde dem Fachkräftemangel entgegenwirken und zudem Einnahmen durch Steuern und Abgaben erhöhen.
Momentan versucht die Caritas im Norden mit Kostensenkungen gegenzusteuern, indem sie beispielsweise weniger Räume anmietet. Das Angebot an Integrationskursen soll aber vorerst aufrechterhalten werden. Julia Rieger wünscht sich indessen, dass die Entscheidung des Bundesinnenministeriums revidiert wird. Und dass „Migration als Chance begriffen und weniger ideologisch betrachtet wird – dass man sich stärker an Fakten orientiert und die Dinge pragmatisch angeht.“
Julia Rieger wünscht sich indessen, dass die Entscheidung des Bundesinnenministeriums revidiert wird. Und dass „Migration als Chance begriffen und weniger ideologisch betrachtet wird – dass man sich stärker an Fakten orientiert und die Dinge pragmatisch angeht.“