Die Kirchen leeren sich. Aber im Urlaub sind Gottesdienste gefragt

Lachen, spielen, beten

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Seelsorge auf dem Campingplatz. Foto: Bistum Essen/Jens Albers
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Foto: Bistum Essen/Jens Albers

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Sehr beliebt: Die Touristenseelsorge auf Texel zieht viele Besucherinnen und Besucher an.

Die Kirchen werden leerer, aber bei der Touristenseelsorge auf Campingplätzen ist schwer was los. Kirche ist hier unkompliziert und bodenständig. Das kann auch eine Inspiration für die Seelsorge im Alltag sein.

Es ist Sonntag. Die Kirche ist voll. Und der Landwirt hält die Predigt. Denn mit den Senfkörnern, die Jesus in seinem Gleichnis erwähnt, und mit der wachsenden Saat kennt er sich gut aus. Geplant war die Predigt nicht. Sie ergab sich aus einer spontanen Unterhaltung mit dem Pfarrer auf dem Campingplatz. 

Hier ist so ziemlich alles spontan. Es gibt weder Pfarrbüro noch Sprechzeiten. Nicht, dass es auf dem Campingplatz keine Kirche gäbe. Im Gegenteil. In diesen Tagen öffnen die Männer und Frauen von der Touristenseelsorge ihre Vorzelte, laden zum Kaffee ein, bieten Gespräche an und sogar Gottesdienste. Aber Kirche ist hier, was geschieht.

Einer von ihnen ist Maximilian Strozyk. Der Priester aus dem Bistum Essen leitet von Ende Juni bis Mitte Juli das erste von drei Teams der Touristenseelsorge auf der holländischen Nordseeinsel Texel. Gemeinsam mit ihm gestalten drei Ehrenamtliche die ersten drei Wochen der Touristenseelsorge auf dem Campingplatz Kogerstrand. Ihr Angebot beschränkt sich nicht auf seelsorgliche Gespräche. Das Team hat eine große Auswahl an Gesellschaftsspielen und Büchern dabei, die jeder kostenlos ausleihen kann. Das Wohnmobil mit dem geräumigen Vorzelt steht direkt an einem der Hauptwege zum Strand. Viele kommen auf einen Kaffee oder Zitronentee vorbei und nehmen auf den Bänken vor dem Zelt Platz.  

Es ist die Unmittelbarkeit, die den Seelsorgerinnen und Seelsorgern auf Texel zugutekommt. Strozyk sagt: „Sie sehen uns, wenn wir draußen am Tisch beim Frühstück sitzen. Sie nehmen Seelsorgende als Menschen wahr, die Teil des Mikrokosmos der Insel sind.“ 

Hier werde die Kirche positiv wahrgenommen und die Hürde, mit ihr in Kontakt zu kommen, sei „viel kleiner als im Alltag, weil wir oft näher dran sind“, erklärt Strozyk. Die Angebote von Spiel- und Buchausleihe über das Strandsingen und Gottesdienste würden „total intensiv genutzt“. Immer wieder gebe es auch seelsorglichen Bedarf, der oft durch zunächst zufällige Begegnungen entstehe, so der Seelsorger. 

Viele Urlauberinnen und Urlauber sind Gemeindemitglieder aus den westdeutschen Diözesen und kommen jedes Jahr auf den Campingplatz am Kogerstrand. Sie nutzten die Zeit mit der Touristenseelsorge, um „spirituell aufzutanken“, sagt Strozyk. Hier gehe es oft um den „Kern des Glaubens“, der im pfarrlichen Alltag zwischen Gremiensitzungen und Veranstaltungen wohl für viele zu kurz kommt. 

Auf Texel erlebt Strozyk Sternstunden des Glaubens

Strozyks Gottesdienste in der nahegelegenen Kirche sind jedenfalls gut besucht. In den drei Werktagsgottesdiensten unter der Woche zählt Strozyk manchmal 50 bis 60 Besucherinnen und Besucher. Am Sonntagsgottesdienst nehmen sogar bis zu 200 Personen teil und man kann sich spontan einbringen. Freitags laden die Seelsorgerinnen und Seelsorgern zur Gottesdienstvorbereitung ein. Dann werden die biblischen Texte des Sonntags und die Gestaltung des Gottesdienstes gemeinsam besprochen. Dann hält auch schon mal ein Landwirt die Predigt. Für Strozyk sind das „Sternstunden“, wenn er merkt, dass Menschen befähigt werden, über ihren Glauben zu sprechen. Der Gemeindealltag bietet oft nicht so viele Gelegenheiten dafür.  

Zum Glauben kommen im Urlaub leichter gute Sinneseindrücke hinzu, wenn das Seelsorgeteam beispielsweise zum Loslassen-Gottesdienst an die Fähre einlädt. Hier könne Glaube „mit etwas Positivem verbunden werden, das einen Mehrwert für den Alltag hat“, sagt der Seelsorger. 

Doch er sieht auch, dass die Erfahrungen der Touristenseelsorge nicht gänzlich in die örtlichen Gemeinden übertragbar sind. Natürlich könne Seelsorge vor Ort von der Touristenseelsorge lernen, aber aus bestimmten strukturellen Problemen würden Gemeinden nicht herauskommen, sagt er. Dennoch lässt er sich in seinem Seelsorgealltag als Pfadfinderkurat und Schulseelsorger vom Pragmatismus der Insel inspirieren.

Gut besucht. Ein Gottesdienst mit Urlauberinnen und Urlaubern auf der Insel Texel. 
Foto: Bistum Essen/Jens Albers

Ähnliche Erfahrungen mit der Campingseelsorge machen die Urlauber-innen und Urlauber am Senftenberger See in Brandenburg. Im Familienpark in Großkoschen bietet der Evangelische Kirchenkreis Niederlausitz während der Sommerferien in Sachsen und Brandenburg ein Ferienprogramm an. Und auch hier kommen viele Gäste jeden Abend vorbei. Manche Urlauberinnen und Urlauber sind jahrelange Stammgäste bei „Kirche unterwegs“ – so heißt das Seelsorgeangebot – auch wenn sie mit Kirche sonst nichts zu tun haben.

Teams von bis zu 25 Freiwilligen, oft evangelische und freikirchliche Jugendgruppen, gestalten jeweils eine Woche lang die Seelsorge auf dem Campingplatz. Rund um zwei große Zelte kann man mit den Kirchenleuten in Kontakt kommen, Gesellschaftsspiele spielen oder sie ausleihen. 

Das eigentliche Programm beginnt täglich um 18 Uhr mit der Gute-Nacht-Geschichte für Kinder. Mit Theater, Liedern zum Mitsingen und Mitmachen, Basteln oder gemeinsamem Spiel. Um 20.15 Uhr beginnt die Prime-Time für die Erwachsenen. Rund um die Bar mit alkoholfreien Cocktails und Waffeln finden dann Konzerte, Theateraufführungen, Gesellschaftsspiele oder Singrunden statt. Auch eine Fünf-Minuten-Andacht oder sogenannte Gedankensplitter mit biblischem oder christlichem Thema gibt es. Dabei kommt es den Teams darauf an, christliche Inhalte in der Alltagssprache der Leute zu vermitteln. Denn „die meisten Gäste, die zu uns kommen, können mit Gott und Kirche nichts anfangen“, sagt Projektleiter Ralph Myrczek. 

Deshalb versuchen die Teams, eine Balance zu halten zwischen Spiel und Spaß, Geselligkeit und thematischen Angeboten, die laut Myrczek maximal 20 Prozent des Angebots ausmachen. Von vielen Gästen, sagt er, bekomme er die Rückmeldung: „Wir wissen, dass ihr Christen seid. Was ihr erzählt, macht Sinn.“ Viele sagten auch: „Wir können mit dem Glauben nicht so viel anfangen, aber wir stören uns auch nicht daran, dass das jetzt die Kirche macht.“

Die meisten seien „sehr dankbar“, dass es so ein Urlauberangebot gibt, sagt Myrczek. „Bei uns kann man andocken“ und im Urlaub suchten Menschen „nach einem Tapetenwechsel und nach Veranstaltungen, die auch kindgerecht sind“. Viele schätzen die gute Atmosphäre bei den Kirchenleuten. Und die Angebote sind gut besucht. Im Durchschnitt zählt Myrczek 80 Personen pro Veranstaltung. Manchmal erhielt er die Rückmeldung: „Wenn Kirche immer so wäre, dann würden wir jeden Sonntag in den Gottesdienst gehen.“ 

Barbara Dreiling