Bernd Kruse forscht gegen das Vergessen

Nachfragen und nachdenken!

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Bernd Kruse mit Plakat
Nachweis

Foto: Astrid Fleute

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Auch das Schicksal von Martha Müller aus Osnabrück hat Bernd Kruse nicht losgelassen. In Vorträgen berichtet er von ihrer Rettung.

Unermüdlich forscht Bernd Kruse über die Schicksale jüdischer Menschen. Vor allem jungen Menschen will er ihre Lebensgeschichten erzählen – „damit nicht wieder passiert, was wir vor 90 Jahren erleben mussten“.

Martha Müller – so hat Bernd Kruse sie genannt. Ihren richtigen Namen möchte die 94-Jährige Seniorin in der Öffentlichkeit nicht preisgeben. Immer noch nicht. Bis heute lässt sie die Erinnerung an die Vergangenheit nicht los; die Angst, verfolgt, verleumdet und gehasst zu werden – weil sie Jüdin ist. 

Was Martha Müller als Kind in der NS-Zeit erlebten musste, hat Bernd Kruse eher zufällig erfahren. Der Historiker und pensionierte Lehrer forscht schon lange akribisch über die Geschehnisse in der NS-Zeit, das Schicksal jüdischer Menschen vor allem aus Fürstenau und die Greueltaten in den Emslandlagern. Er will die Verbrechen von damals dokumentieren und erzählen, damit sie nicht in Vergessenheit geraten. Sein Antrieb: „Gerade die jüngere Generation muss wissen, was damals geschehen ist“, betont er. So recherchierte er viel und unternahm bereits unzählige Fahrten und Exkursionen mit jungen Menschen, auch zum Thema Kirche und Nationalsozialismus. 

Anfang der 1980er Jahre las er schließlich in einem kleinen Archiv in Schwagstorf von einer damals 14-jährigen Schülerin, die als Jüdin bei Fürstenau auf einem Bauernhof versteckt und damit vor dem Tod im Konzentrationslager gerettet worden war – Martha Müller. Diese Geschichte lässt den 75-Jährigen seitdem nicht mehr los. „So etwas hatte ich noch nie vorher gehört“, erzählt Kruse und begann sofort mit einer umfangreichen Recherche. Mit der Zeit gelang es ihm sogar, Kontakt zu Martha Müller aufzunehmen, der bis heute besteht. Schnell wuchs ein Vertrauensverhältnis. 

In ausführlichen und sehr persönlichen Gesprächen erzählte Martha Müller ihm ihre Lebensgeschichte – nach vielen Jahrzehnten des Schweigens: Als Jüdin wurde sie in Frankfurt geboren, wuchs aber in einer katholischen Pflegefamilie in Osnabrück auf und wurde dort katholisch getauft. Wegen „nichtarischer Abstammung“ erreichte sie Ende der 30er Jahre dennoch die Verfolgung und Ausgrenzung durch die Gestapo, so dass die Pflegeeltern sie schließlich zum „Pflichtjahr für Mädchen“ nach Schwagstorf schickten. Trotz der stärker werdenden Bedrohung stellte sich die Bauersfamilie Athmer mutig  vor ihr Gastkind, versteckten sie und retteten sie so vor der geplanten Ermordung.

Viele Jahrzehnte hat sie geschwiegen

Dass ihre Geschichte aufgeschrieben und festgehalten wird, damit war Martha Müller sofort einverstanden. Nur ihr Name, der sollte geheim bleiben. Kruse erklärt: Es mache ihr Angst, dass sich heute wieder der Hass auf die Juden entlädt – eine Angst, die sie ihr Leben lang nie verlassen hat. „Persönlich aus ihrem Leben zu erzählen, verursacht auch heute noch immer wieder eine Retraumatisierung“, sagt er und hat großes Verständnis dafür, dass Martha Müller es nicht schafft, selbst vor Publikum über ihre Geschichte zu sprechen.

Zunächst schrieb er Zeitungsartikel über seine Recherchen und dokumentierte die Lebensgeschichte schließlich gemeinsam mit dem Stadthistoriker Thorsten Heese auf 40 Seiten in den „Osnabrücker Mitteilungen“ unter dem Titel „Diese Angst wird man nie wieder los“. 

Aber auch danach ließ Bernd Kruse Martha Müller nicht los. Er betont: „Viele Leute haben heute nicht die Geduld, so etwas nachzulesen. Vor allem viele jüngere Menschen lesen häufig keine Bücher mehr. Wie komme ich an sie heran?“ Mittlerweile hält er auf Einladung Vorträge, so wie vor kurzem in der Barbarakirche in Osnabrück. Kruse betont: „Ich schiele nicht auf die großen Zahlen. Ich mache das auch für wenige Leute.“ Etwa 50 Menschen hörten seinen Schilderungen in St. Barbara zu, darunter auch viele junge Menschen: „Das hat mich besonders gefreut.“

Für Bernd Kruse ist Martha Müller ein Synonym. Ein Synonym für viele jüdische Schicksale, aber auch für viele mutige Retter, die oft im Hintergrund geholfen haben, so wie die Pflegeeltern und die Bäuerin Johanna Athmer. Er erklärt: „Mir geht es darum, dass wir heute wach sind, uns nicht einlullen lassen, nachfragen und nachdenken, damit nicht wieder passiert, was wir vor 90 Jahren erleben mussten.“ 

Unermüdlich ist er unterwegs, um Menschen zu vermitteln, dass sie aufmerksam sein sollen gegenüber Tendenzen, „die in unserer Gesellschaft hochproblematisch sind“. Als Christ und Religionslehrer erklärt er auch gern das Gebot der Nächstenliebe: „Der Nächste wird zum Nächsten durch seine Situation. Martha Müller ist mir in den Jahren auch zur Nächsten geworden.“ Hierfür brauche man aber ehrliche Gespräche, echtes Interesse und Zeit füreinander – „und das kommt heute vielfach zu kurz“.

Wer Interesse hat, Bernd Kruse zu einem Gesprächsabend einzuladen, kann sich melden im Pfarrbüro Dom, Tel. 0541/318585 oder per E-Mail: domst.petrus-osnabrueck@bistum-os.de

Astrid Fleute