Lesungstexte im Gottesdienst

Nicht vor Grenzen haltmachen

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Eine Frau steht an einem Pult und hält einen Vortrag
Nachweis

Foto: Diözesanrat

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Annette Jantzen bei ihrem Vortrag in der Hildesheimer Diözesanbibliothek

Über 160 Gäste haben in der Dombibliothek Hildesheim eine Lesung und die anschließende Diskussion mit der Theologin Annette Jantzen erlebt. Unter dem Leitgedanken ihres Blogs „Gottes Wort weiblich gelesen“ warf die Referentin einen kritischen, fundierten und gleichermaßen ermutigenden Blick auf die derzeitige katholische Leseordnung in Gottesdiensten und die Rolle von Frauen in den biblischen Texten.

Die Theologin Annette Jantzen legte in ihrem Vortrag dar, dass die offizielle Leseordnung der Kirche von Männern verfasst wurde – mit spürbaren Konsequenzen für die Sichtbarkeit weiblicher Glaubenszeugnisse. Viele Texte, die Frauen ins Zentrum rückten, tauchten in den Gottesdiensten nie auf. Besonders drastisch zeige sich dieses Missverhältnis im Alten Testament: Von insgesamt 60 Frauen, die dort eine eigene, prägende Geschichte haben, seien innerhalb der dreijährigen Leseordnung gerade einmal vier vorgesehen. Das, so Jantzen, sei nicht genug.

Zudem kritisierte sie die psychologische Tendenz bei Textkürzungen: Würden Passagen über Frauen redaktionell gekürzt, hinterlasse dies oft ein negativeres, düstereres Bild der jeweiligen Person. Bei Kürzungen in Texten über Männer hingegen verändere sich die Wahrnehmung meist ins Positive. „Die Leseordnung ist in ihrer jetzigen Auswahl strukturell frauenfeindlich – das muss man so klar benennen“, resümiert Pfarrer Matthias Eggers, einer der Zuhörer.

Ein zentrales Anliegen des Abends war es, den Anwesenden – und insbesondere den Lektorinnen und Lektoren – neues Selbstbewusstsein für den Umgang mit der Schrift zu vermitteln. Jantzen erinnerte daran, dass die offizielle Leseordnung verpflichtend nur für die Eucharistiefeier gilt. Bei Wort-Gottes-Feiern hingegen bestünden erhebliche theologische und liturgische Freiräume, die Abweichungen ermöglichten.

Gleichzeitig ermutigte die Theologin dazu, biblische Texte in ihrer Ganzheit vorzulesen, anstatt an vermeintlich vorgegebenen Versgrenzen haltzumachen: Sind Texte gefühlt zu früh zu Ende oder wurden wichtige einzelne Zwischenverse weggelassen? Dann sollte man mutig weiterlesen, so die Referentin. „Wer sollte Ihnen ernsthaft einen Vorwurf daraus machen, einen biblischen Text vollständig vorzulesen?“ Das Ziel müsse ein selbstbewusstes und selbstständiges Lesen der Bibel sein.

Der Abend endete mit dem dringenden Aufruf, die Bibel wieder selbstständig zu entdecken und mit weiblicher Perspektive neu zu lesen. 

Sabrina Stelzig

Die Frauenkommission der Diözese Linz bietet hierzu eine wichtige Plattform und stärkt Frauen in ihrer Autonomie vor Ort.

Auf der Schweizer Plattform Gleichwuerdig findet sich zudem eine vollständig ausgearbeitete, alternative Frauenleseordnung.

 

 

 

Die Veranstaltung wurde durchgeführt in Kooperation von: Universität Hildesheim, Institut für Katholische Theologie, Bistum Hildesheim, Bibel im Bistum Hildesheim, Katholische Akademie des Bistums Hildesheim, Dombibliothek Hildesheim, Dekanat Hildesheim, Kfd – Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands, Diözesanverband Hildesheim, Diözesanrat der Katholik:innen im Bistum Hildesheim, KEB in der Diözese Hildesheim.