Thekla Baumgart ist "Winzerschwester"

Nonne und Winzerin

Image
Schwester Thekla bei der Weinproduktion
Nachweis

Foto: Stephanie Prieß

Als junge Frau wollte Thekla Baumgart Goldschmiedin werden. Und auch gar nicht ins Kloster gehen. Eine Begegnung veränderte alles. Heute ist sie „Winzer-schwester“ der Benediktinerinnenabtei Sankt Hildegard im Rheingau – und sehr zufrieden damit.

„Nein, ich hatte keine Erleuchtung oder so etwas in der Art“, schmunzelt Schwester Thekla. Viele würden sie nach ihrer Entscheidung fragen, warum sie Ordensfrau geworden ist. Die Antwort lässt sich auf eine besondere Begegnung zurückführen. Thekla Baumgart war damals 26 Jahre alt, als sie gegen Ende ihrer Ausbildung zur Gemeindereferentin auf eine spätere Mitschwester traf. Diese brachte ihr das Leben der Benediktinerinnen näher – im Einklang mit Gott und der Schöpfung. „Ich war fasziniert von diesem Leben. Ab da wusste ich, ich will Nonne werden“, erzählt die heute 60-Jährige weiter.

Aufgewachsen ist Thekla Baumgart mitten in der Innenstadt von Bremen. „Ein pulsierender Ort. Laut und immer im Wandel“, erinnert sie sich. Die Familie ist katholisch, Bremen evangelisch geprägt. Schon als junge Frau engagiert sich Baumgart in der Kirche – sie arbeitet in der Jugendarbeit und organisiert Kinderfreizeiten. Trotzdem beschreibt sie ihre Kindheit und Jugend als eher gewöhnlich. „Der Wunsch, anderen zu helfen“ sei zwar schon früh in ihr aufgekommen. Aber daran gedacht, ins Kloster zu gehen, hatte sie nicht. Eine Zeitlang wollte sie Goldschmiedin werden, dann kam die Berufung zur Gemeindereferentin und schließlich zur Ordensfrau. Sie folgte einer Einladung der Benediktinerinnen in den Rheingau und entschied sich zu bleiben. Und „na ja, als Winzerin übe ich ja auch ein Handwerk aus“, fügt sie freudig hinzu.

"Fasziniert vom Leben der Benediktinerinnen"

Nonne und Winzerin – wie passt das zusammen? Die Antwort von ihr kommt schnell: „Ganz prima!“ Für Schwester Thekla, die vor 25 Jahren ihren Abschluss als Winzergesellin an der Berufsschule erfolgreich abgeschlossen hat, ist das heute unspektakulär. Für die Mitschüler sah das damals allerdings anders aus: Zusammen mit einer Mitschwester drückte sie für zwei Jahre die Schulbank – anfangs noch im Habit, der Ordenstracht. „Natürlich sind wir dort aufgefallen. Auch der Lehrer war zu Beginn recht zurückhaltend mit uns. Aber das hat sich schnell gegeben und wir hatten eine prima Klassengemeinschaft“, resümiert sie. Den Habit durften sie nach kurzer Zeit gegen zivile Kleidung austauschen. Schließlich war es zu gefährlich, mit Schleier und Kittel auf oder neben einem Traktor zu arbeiten. 

Schwester Thekla in den Weinbergen rund um die Abtei St. Hildegard in Rüdesheim
Foto: Stephanie Prieß

Als „Winzerschwester“ ist Thekla Baumgart in der Benediktinerinnenabtei Sankt Hildegard in Rüdesheim bekannt. Sie leitet gemeinsam mit einem Kellermeister das Klosterweingut. Neben dem Traktorfahren gehören die Arbeit im Weinberg, das Keltern – also die Verarbeitung der Trauben zu Wein – im Klosterkeller und der Verkauf sowie das Marketing der Klosterweine zu ihren Aufgaben. „Als ich vor gut drei Jahrzehnten hier im Kloster Sankt Hildegard ankam, war es eher eine praktische Entscheidung, dass ich im Weinbau mitarbeiten würde. Es wurden helfende, starke Hände gesucht – und da war ich“, erzählt Schwester Thekla. Mit den Jahren ist die Arbeit im Weinberg allerdings zu einer Leidenschaft für die „Winzerschwester“ geworden. Was für sie auch darauf zurückzuführen ist, dass die Wurzeln des Klosterweinguts bis in die Zeit der heiligen Hildegard reichen. Seit 125 Jahren widmen sich die Schwestern dem geistlichen und kulturellen Erbe der Patronin und Klostergründerin. Das Klosterweingut besteht ebenso lang. Auf über sieben Hektar wachsen um die Abtei die Weinreben, eingebettet die malerische Kulisse des Städtchens Rüdesheim.

„Ich bin sehr froh, wie alles gekommen ist“, sagt Schwester Thekla. Vom Berufswunsch Goldschmiedin zur Winzerin. Vom norddeutschen Zuhause in den Südwesten. „Und vor allem, dass ich mich entschieden habe, als Benediktinerin zu leben. Wir haben die Möglichkeit, uns zu entfalten und zu reifen. Ähnlich wie der Wein.“

Stephanie Prieß