Interview über die Telefonseelsorge Emsland/Grafschaft

Rund um die Uhr und kostenlos

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Eine Frau mit Sorgen
Nachweis

Foto: unsplash/michael-heise

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Manchmal drücken dieSorgen so sehr, dass man jemanden zum Reden braucht.

Über eine Million Menschen rufen jedes Jahr bundesweit bei der Telefonseelsorge an. Auch im Emsland/Grafschaft Bentheim gibt es eine solche Einrichtung – in katholischer Trägerschaft, ökumenisch besetzt. Fragen an Geschäftsführer Ludger Plogmann.

Was macht die Arbeit in der Telefonseelsorge Emsland/Grafschaft Bentheim aus?

Die Arbeit wird getragen von Ehrenamtlichen. In diesem September engagieren sich seit gut 30 Jahren viele Frauen und Männer freiwillig für dieses Anliegen – weil ihnen das so wichtig ist. Sie sitzen in Schichten aufgeteilt rund um die Uhr am Telefon. Derzeit haben wir 70 Ehrenamtliche, und auch unser Vorstand arbeitet ehrenamtlich. Zudem sind wir ein Verein in katholischer Trägerschaft, der ökumenisch arbeitet.

Reicht die Größe des Teams?

Wir können nicht immer alle Schichten durchgehend besetzen. Und wenn unsere Telefonseelsorgerinnen und -seelsorger auflegen, klingelt nach 30 Sekunden das Telefon sofort wieder. Eigentlich würden wir 90 Ehrenamtliche brauchen. Wir kompensieren das dadurch, dass wir vernetzt sind mit fünf anderen Stellen im Nordwesten. Die Anrufe werden dann bei Bedarf nach Oldenburg, Osnabrück, Bremen, Wilhelmshaven und Stade weitergeleitet. Aber die Telefonseelsorge ist an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr erreichbar. Kostenlos.

Wie viele Menschen rufen an?

Wir hatten im vergangenen Jahr 8000 Anrufe, dadurch haben sich 7000 echte Seelsorgegespräche ergeben. Die anderen legen vorher wieder auf oder wollten etwas anderes. Die Kurve ist mit Blick auf die 30 Jahre seit Gründung nach oben gegangen, aber seit einiger Zeit bleibt diese Zahl stabil.

Ein Mann
Ludger Plogmann ist Theologe, Paarberater und Supervisor. Er arbeitet als Geschäftsführer für die Telefonseelsorge Emsland/Grafschaft Bentheim.

Warum rufen die Menschen an?

Wenn es ihnen nicht gut geht und sie niemanden haben, mit dem sie darüber reden können. Früher standen körperliche und seelische Erkrankungen oder Lebenskrisen im Vordergrund. Seit einiger Zeit hat sich Einsamkeit als Hauptthema herauskristallisiert. Und nicht nur bei älteren Menschen, das betrifft auch junge Leute. Manchmal liegt ein Trauerfall zugrunde, manchmal ein Handicap, das Kontakte erschwert. Aber Menschen können sich einsam fühlen, obwohl sie nicht alleine sind. Da spielt die Digitalisierung sicher eine Rolle. Für viele Vorgänge muss ich heute gar nicht mehr aus dem Haus gehen.

Und wie können Ihre Mitarbeiter helfen?

Wir helfen dadurch, dass wir zuhören und Zeit haben. Das ist sehr wertvoll.  Wir können keine Therapie am Telefon machen und wir geben nicht einfach Ratschläge, sondern wir versuchen, mit der Anruferin oder dem Anrufer vielleicht einen Weg zu entwickeln.  Die Leute können bei uns etwas abladen, was sie anderswo nicht lassen können – oder weil sie das Gefühl haben, ihnen hört keiner zu. Oft hilft schon diese Entlastung durch das Gespräch. Diese dauern im Schnitt gut 20 Minuten, können aber auch bis zu einer Stunde umfassen.

Haben sich die Angebote verändert?

Seit zwei Jahren bieten wir die Telefonseelsorge auch als Chat an – also, dass die Leute mit uns schreiben können. Das wird gut angenommen, vor allem von jüngeren Menschen. Die kommen da viel schneller auf den Punkt, oft sind die Themen auch deutlich härter als im Telefonat. Vielleicht, weil sie nicht mal ihre Stimme preisgeben müssen und sich so trauen, ihre Sorgen deutlicher zu artikulieren

Das ist sicher auch herausfordernd.

Sie denken vermutlich an Hinweise auf einen möglichen Suizid. Das Thema kommt in etwa sechs Prozent der Gespräche vor. Das ist schwer, weil wir nicht wissen, was passiert, wenn jemand dann auflegt. Wir können nur versuchen in den Kontakt zu gehen, zu reden und zuzuhören. Genau dafür werden unsere Leute geschult: zu Beginn in einer einjährigen Ausbildung mit 170 Stunden, in Supervisionen und Fortbildungen, in Gesprächen untereinander, und ich bin auch rund um die Uhr erreichbar.

Muss man bestimmte Voraussetzungen mitbringen für die Arbeit?

Zuhören können und sich selbst zurücknehmen, das ist das Wichtigste. Außerdem sollten die Leute, die sich bei uns engagieren möchten, Lebenserfahrung und Interesse an Menschen mitbringen. Wir sind eine bunte Truppe. Wir haben Männer und Frauen aus dem Handwerk und der Landwirtschaft, aus der Lehrer- und Ärzteschaft, aus der Sozialarbeit und dem Einzelhandel. Man muss kein Psychologe sein.

Welche Rolle spielen christliche Werte?

Wir sind in katholischer Trägerschaft, arbeiten ökumenisch und das machen wir sehr deutlich. Der christliche Glaube, die Werte und die zugewandte Haltung sind die Basis für unsere Arbeit. Ich finde, das ist ein guter Hintergrund, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wollen das Gute für den Menschen.

Wie kann man die Telefonseelsorge unterstützen?

Wir suchen immer Ehrenamtliche. Es gibt zuerst einen Infoabend und dann einen Auswahltag. Nach der kostenlosen Ausbildung stehen zwei Dienste im Monat à vier Stunden und pro Quartal ein Nachtdienst an. Außerdem freuen wir uns über Menschen, die Mitglied im Verein werden. Und natürlich über Spenden.

Petra Diek-Münchow

Deutschlandweit engagieren sich 7700 Menschen an über 100 Standorten als Telefonseelsorger. Die Telefonseelsorge ist kostenlos zu erreichen unter 08 00/1 11 01 11, 08 00/1 11 02 22  und 1 16 123. Info: https://www.telefonseelsorge-emsland.de/