Schreibpädagogin Barbara Nick-Labatzki weiß, wie wohltuend Schreiben ist
„Schreiben ist Denken mit der Hand“
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Keine Angst vor dem weißen Blatt: Anfangen ist die Hauptsache.
„Ich habe so lange nicht mehr ohne ChatGPT geschrieben. Ich wusste gar nicht, dass ich das überhaupt noch kann.“ Solche Sätze hört Barbara Nick-Labatzki am Ende ihrer Schreibkurse oft. Nicht von Menschen, die nie geschrieben haben – sondern von denen, die verlernt haben, an sich zu glauben. Dabei, sagt die Schreibpädagogin, steckt in jedem Menschen kreatives Potenzial. Es ist nur verschüttet. Durch Schule, durch Beruf, durch den Anspruch, dass ein Text von Anfang an perfekt sein muss.
Barbara Nick-Labatzki bietet kreative Schreibkurse und Workshops an. Die Themen reichen vom persönlichen Schreiben als Auszeit bis zum Entdecken der eigenen Kreativität. Die wichtigste Technik, die Nick-Labatzki dabei einsetzt, klingt unspektakulär: einfach schreiben. Stift ansetzen – und nicht mehr absetzen. Egal, was auf dem Papier landet. Wer keine Idee hat, worüber zu schreiben ist, schreibt: „Mir fällt nichts ein.“ Und zwar so lange, bis doch etwas kommt. Das automatische Schreiben, wie diese Technik heißt, hat ein Ziel: den inneren Kritiker ausschalten. Den, der jeden Satz bewertet, bevor er geschrieben ist. Nach etwa fünf bis sieben Minuten, das weiß sie aus Erfahrung, setzt bei den meisten ein Schreibfluss ein. Irgendwann „übernimmt die Hand das Denken“ und „der Kopf weiß gar nicht mehr, was die Hand gerade tut“. Gedanken tauchen auf, finden sich auf dem Papier, die beim Nachdenken nicht gekommen wären. Manchmal sind auch Antworten auf Fragen darunter, die einen schon lange beschäftigen.
Sie rät jedem dazu, diesen Schreibfluss einfach mal auszuprobieren. Viel braucht es dafür nicht: Stift, Papier und zehn Minuten Zeit. Als Ausgangspunkt kann das Wetter dienen, der erste Gedanke beim Aufstehen oder eine genaue Beschreibung des Raums, in dem man sich gerade befindet. Auch spielerische Ansätze können funktionieren, um eine Blockade zu überwinden. Einen Tipp dazu hat ihr eine Künstlerin gegeben: Sich erlauben, das Schlechtestmögliche zu schreiben. „Etwas hinzuschlunzen, das kann richtig viel bewirken“, sagt Nick-Labatzki, „weil die Hauptsache ist: erst mal loslegen und sich trauen.“ Dabei sollte man sich von jeglichen Erwartungen und Ansprüchen frei machen, denn Schreiben sei nichts, bei dem ein großartiges Produkt herauskommen muss. Und trotzdem, sagt sie, habe sie noch nie in einem Kurs einen schlechten Text gelesen.
Wer schreibt, gibt immer etwas von sich preis – auch wenn er das gar nicht vorhat. „Es steckt trotzdem viel von der schreibenden Person drin“, sagt Nick-Labatzki, auch in fiktionalen Texten. Wer regelmäßig zum Stift greift, lernt sich selbst besser kennen – und entdeckt auch, dass schon kleine Veränderungen viel bewirken können: ein anderer Ort, ein anderes Tempo. Wer sonst gehetzt schreibt, versucht es einmal betont langsam. Wer immer am Schreibtisch sitzt, setzt sich ins Café. Was sich im Text verändert, verrät oft mehr über einen selbst, als man erwartet. Und nebenher, das zeigt auch die Forschung, sinkt der Stresspegel. Die Schreibpädagogin möchte, dass alle Menschen schreiben. Oder sich zumindest trauen, es einfach mal auszuprobieren.
Auch die Theologin und Schreiberin Christine Brudereck gibt Tipps, wieso man mit dem Schreiben anfangen sollte. Sie hat mehrere Bücher veröffentlicht – Romane, Gedichte, Essays – und verbindet darin Spiritualität mit Poesie und tiefgreifenden Fragen.