Gemeinschaft, Hoffnung, Leidenschaft
Was Kirche vom Fußball lernen kann
Foto: privat
Geschichten verbinden - ob in der Bibel oder im Stickeralbum. Diakon Marcus Wolf und Pfarrgemeinderatsvorsitzender Thomas Herzog aus Bad Iburg haben erstaunliche Gemeinsamkeiten von Glaube und Fußball entdeckt.
Der leuchtend grüne Rasen liegt mitten in der Kirche, drumherum sitzen Fans im Stadionrund: Es herrscht Fußballstimmung an diesem Abend in der kleinen Fleckenskirche in Bad Iburg. Anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft haben Diakon Marcus Wolf und der Vorsitzende des Pfarrgemeinderates, Thomas Herzog, eingeladen, sich Gedanken zu machen, was Glaube und Fußball verbindet. „Mehr als man auf den ersten Blick denkt“, erzählt Marcus Wolf im Interview.
Was kann Kirche vom Fußball lernen?
Das ist sicher die große Emotionalität und Begeisterung der Fans und die Kreativität und die Bewegung, mit der sie jede Woche ihre Mannschaften anfeuern, ihre Choreografien und Plakate gestalten, die sie in ihren Liedern und Fangesängen ausleben. Wir dürfen auch in der Kirche viel häufiger viel kreativer sein: zum Beispiel mal die Bänke umstellen, wie heute in der Fleckenskirche, und damit andere Perspektiven ermöglichen. Wir können in der Liedauswahl experimentieren, neue Formate ausprobieren, mit unserer Liturgie mal rausgehen aus der Kirche an andere Orte, so wie die Mannschaften und Fans bei Auswärtsspielen ja auch ihre Komfortzone des eigenen Stadions verlassen.
Gibt es auch Gemeinsamkeiten?
Rein äußerlich sind da zum Beispiel der Kelch und der Pokal. Sie stehen beide für Sieg, Würde, Hoffnung – Zeichen für das, was für Menschen wertvoll und bedeutend ist. Dann die choralähnlichen Fangesänge, Regeln und Rituale, die Begeisterung, das Pilgern, Freud und Leid oder auch die Werte und die Haltung: Fußball und Glaube wollen beide Menschen nicht nur begeistern, sondern prägen sie mit Fairplay und Nächstenliebe, Teamgeist und Respekt, Toleranz und Verantwortung.
Ihr schönster Vergleich?
Die Gesänge. Ich bin kein eingefleischter Fußballfan, kann mich aber für schöne Hymnen durchaus begeistern. „Wir sind alle ein Stück VfL Osnabrück“ – solche Lieder sind für die Vereine identitätsstiftend. Dieses Singen macht Gänsehaut. Die Hymne des Glaubens ist für mich „Großer Gott wir loben dich“. Wenn das Lied im Gottesdienst gesungen wird, brauchen Sie keine Orgel mehr, weil jeder aus voller Brust mitsingt. Das trägt!
Welche Werte kann der Fußball vermitteln?
Auf jeden Fall Fairplay, Teamgeist und Toleranz. Dass wir fair miteinander umgehen, Mensch bleiben – selbst wenn das Gegenüber für die Zeit des Spiels der Gegner ist. Auch in der Kirche sollten wir offen miteinander umgehen, zum Beispiel in der Ökumene mehr das Miteinander betonen, Neuzugezogene offen aufnehmen, uns den Menschen zuwenden und auch die im Blick haben, die vielleicht nicht mehr zur Kirche kommen, nicht mehr aktiv sein können. Beim Fußball ist auch das gelebte Nächstenliebe: Diejenigen, die nicht mehr aktiv spielen können, sind trotzdem weiter dabei, fühlen sich zugehörig, fiebern mit, feuern an.
Was möchten Sie den Menschen mit auf den Weg geben?
Zunächst einmal wollen wir mit der Aktion zeigen, dass Glaube und Fußball durchaus Verbindungen und Ähnlichkeiten haben. Viele Christen haben Bedenken, dass Fußball für viele zu einer Art Religion wird, zur Konkurrenz. Aber Fußball hat keine Antwort auf letzte Sinnfragen, es bleibt ein weltliches Ereignis. Fußball zeigt, wonach Menschen sich sehnen. Nach Gemeinsamkeit, Hoffnung, Leidenschaft. Und die Erfahrung, getragen zu sein. Diese Bedürfnisse kann auch Kirche befriedigen, wenn wir uns dessen bewusst sind. Man neigt immer dazu, zu meckern, zum Beispiel wenn Fußballspiele am Sonntagmorgen sind. Aber man kann die Grundanliegen und die Werte von Glauben und Fußball auch wunderbar miteinander verbinden.