Lieder zur Taufe

Was singt man da?

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Kindertaufe
Nachweis

Fotos: kna/Harald Oppitz

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Schutz vor Unheil? Aufnahme in die Gemeinde? Was bedeutet Menschen die Taufe?

Heutzutage werden bei einer Taufe auch Lieder gesungen. Früher nicht, auch deshalb ist die Auswahl dünn. Und die Texte haben oft wenig mit dem zu tun, was die Taufe bedeutet, sagt der Liturgiewissenschaftler Ansgar Franz

Mühsam dümpelt er heute dahin, der Jordan, an der Stelle, wo Jesus getauft worden sein soll; damals hat der Fluss wohl noch viel mehr Wasser befördert als heute. Jesus steht also da, an den Fluten. Der Taufvorgang selbst wird in den Evangelien kaum beschrieben. Nur, dass er anschließend „aus dem Wasser stieg“. Gottvater freut sich darüber und spricht Jesus an. „Meinen geliebten Sohn“ nennt er ihn. 

Natürlich ist die Bußtaufe des Johannes, der sich auch Jesus unterzogen hat, etwas anderes als unsere heutige christliche Taufe. Aber was unsere christliche Taufe ist, auch dieses Verständnis hat sich immer wieder geändert. 

Beispielhaft für die Veränderung könnte der Vergleich unseres Liedguts stehen. Nehmen wir den Klassiker „Fest soll mein Taufbund immer stehen“ von 1810 und das moderne „Segne dieses Kind“ (Gotteslob 490), dessen Text von Lothar Zenetti aus dem Jahr 1971 stammt. 

Von „Kirche hören“ zum „leben lernen“

In der Ursprungsfassung des Klassikers hieß es: „Ich will die Kirche hören“, die mich „allzeit gläubig“ und „folgsam ihren Lehren“ sehen soll. Der Christ als gehorsames Glied der Kirche, stets der Geistlichkeit brav folgend, das scheint hier im Vordergrund zu stehen.

Lothar Zenetti dagegen beginnt jede Strophe seines Liedes mit einer Bitte an Gott: „Segne dieses Kind und hilf uns, ihm zu helfen ...“ Und dann kommen Fertigkeiten, die man im Leben braucht: sehen lernen, greifen lernen, reden lernen, lieben lernen. Deutlich scheint eine Entwicklung zu sein weg von der Zuwendung zur Kirche hin zu mehr Individualismus und zum Täufling selbst. Zu mehr „Du bist mein geliebtes Kind“, wie es auch Jesus am Jordan hörte.

Das Flaggschiff, das gar keines ist

Der Liturgiewissenschaftler Ans-gar Franz von der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität
warnt jedoch vor voreiligen Schlüssen. „‚Fest soll mein Taufbund immer stehen‘ ist in unserer katholischen Tradition eine Art Flaggschiff unter den Taufliedern. Dabei ist es gar keines“, sagt er. Vielmehr sei es die erste Strophe eines Liedes zur Erstkommunion. Insofern kann es auch nicht unbedingt zu Rate gezogen werden, wenn man eine Entwicklung des Taufverständnisses anhand von Taufliedern aufzeigen will. 

Allerdings: „Bei der Erstkommunion soll an die Taufe erinnert werden, die die Kommunionkinder ja nicht bewusst vollzogen haben“, sagt Franz. Es ist somit ein Erinnerungslied, ein Bekenntnis zur eigenen Taufe. Und ja, man könne darin eine Strenggläubigkeit der damaligen Zeit, Anfang des 19. Jahrhunderts, ablesen. „Es wird ausschließlich das Hören auf die Amtskirche thematisiert, alle biblischen Aspekte der Taufe – mit Christus sterben und auferstehen, Eingliederung in den mystischen Leib Christi, Anteilhabe an den Gnadengaben des Geistes – werden mit keinem Wort benannt“, kritisiert er.

Die schwache Qualität der Tauflieder hat einen Grund, der zunächst seltsam klingt: dass nämlich die Kirche die Taufe als unbedingt heilsnotwendig angesehen hat. „Lange wurde verkündet, dass ungetauft versterbende Kinder bestenfalls in den Limbus, einen ungeklärten Bezirk zwischen Himmel und Hölle kommen“, sagt Franz. Deshalb setzte man die Taufe möglichst bald nach der Geburt an. Und sie wurde nicht als Gemeindeliturgie vollzogen, sondern im engsten Familienkreis in einer Seitenkapelle, in der Sakristei oder auch zu Hause, sagt Franz. Er selbst, Jahrgang 1959, sei bereits kurz nach der Geburt im Krankenhaus getauft worden, erzählt er.

Die Individualisierung der Taufe sei also schon seit Jahrhunderten Realität, so Franz. Taufe sei nicht Eingliederung in die Gemeinde, sondern individueller Schutz, etwa vor dem Limbus, den Nachstellungen des Teufels, der Sünde. Bei diesen Taufen wurden mangels Gemeinde keine Gemeindelieder gesungen und deshalb hätten auch keine Tauflieder entstehen können, die das biblische Verständnis von Taufe abbildeten, beklagt er. „Es gibt im katholischen Raum keine Tradition von Taufliedern. Das ist gravierend!“

Keine Tradition bedeutet auch keine Auswahl. Und keine große Qualität.  „Katholische Tauflieder sind rar. Eben, weil Taufen jahrhundertelang nur im Familienkreis stattfanden und nicht mit einer Gottesdienstgemeinde, die einen volkssprachlichen Gesang hätte tragen können“, sagt der Mainzer Theologe. Hinzu komme, dass der liturgische Ritus einer Tauffeier gar kein Tauflied vorsah. Anders als die Rubriken „Sakramentslieder“ oder „Marienlieder“, die zahlreiche und bis heute beliebte Stücke enthalten, konnte sich so im katholischen Bereich keine Gattung „Tauflied“ entwickeln. 

Schwierige Aufgabe für das Gotteslob

Die Gesangbuchkommissionen, die für den Stammteil des Gotteslob und für dessen diözesane Eigenteile die Rubrik „Taufe“ bestücken sollten, spürten diesen Mangel, erinnert sich Ansgar Franz, der an der Erarbeitung des Gotteslob von 2013 beteiligt war. „So mussten auch Lieder aufgenommen werden, die unter poetischen und theologischen Gesichtspunkten sicherlich nicht zu den Spitzenprodukten des Kirchenlieds gehören.“ 

Ob Lothar Zenettis Lied „Segne dieses Kind“ zu den Spitzenprodukten gehöre, möchte Ansgar Franz nicht sagen. Das Lied artikuliere aber zumindest einen Aspekt innerhalb der Entwicklung unseres Taufverständnisses, so Franz. „Es besingt das, was die Angehörigen eines Kleinkindes von Gott erbitten und wofür es in dem offiziellen Rituale, das in der Tradition der Erwachsenentaufe spätantiker Stadtgemeinden steht, nur wenig Platz gibt – insofern ist es Ausdruck eines erstarkten Selbstbewusstseins der Gläubigen.“ 

Michael Maldacker