Die Redakteure des Kirchenboten erzählen
Was uns besonders in Erinnerung geblieben ist
Es ist ein Privileg, hier zu arbeiten
Ich war noch nicht lange beim Kirchenboten, als ich zu einem Treffen meiner ehemaligen Grundschulklasse in meine Heimat Rheine fuhr. Ein alter Freund, mit dem ich fast bis zum Abitur die Schulbank gedrückt hatte, wunderte sich: „Du bist bei einem solchen Blättchen?“ Als ich ihm erzählte, was wir beim Kirchenboten tun, welche Themen wir bearbeiten, welche Menschen wir treffen und welche Freiheit wir haben, verstand er, dass es sich bei der Zeitung, die er nicht kannte, um anspruchsvollen und seriösen Journalismus handelt.
Unser Beruf ist ein Privileg: Als Journalist darf ich Menschen treffen, denen ich sonst vielleicht nie begegnet wäre. Und anders als viele meinen, haben wir bei einer Kirchenzeitung auch eine schier unendliche Freiheit in der Auswahl unserer Themen und Gesprächspartner. Gerne erinnere ich mich an zwei Interviews mit der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Bei einem Interview machte der Fotograf Serienaufnahmen von der Kanzlerin im Profil. Profilaufnahme mag sie ohnehin nicht. Und dann klackerte der Spiegel der Kamera unaufhörlich. Merkel hielt mitten im Satz inne und blickte kritisch zur Seite. Der Fotograf errötete und suchte sich eine neue Position. Beim anderen Interview hatte ich eine Frage viel zu kompliziert gestellt. Klar, wenn man die Kanzlerin trifft, will man ganz viele Themen ansprechen und gut argumentieren. Das war gründlich in die Hose gegangen. „Wollen Sie die Frage wirklich so stellen?“, fragte sie mich.
» Es handelt sich um seriösen Journalismus. «
Aber es sind nicht nur solche Gesprächspartner. Wir haben auch das Privileg, mit vielen Menschen über das zu sprechen, was unser Leben bereichert und prägt: den eigenen Glauben. Einmal bin ich nach Chemnitz gefahren, um zu erleben, wie der Pfarrer dort in der doppelten Diaspora den Glauben vermittelt. Kürzlich war ich auf Langeoog, um mit der dortigen Pfarrbeauftragten einen spirituellen Strandgang zu unternehmen. Wenn wir über Glaubensthemen schreiben, machen wir auch immer wieder selbst Glaubenserfahrungen.
Und dann sind da die Pilgerfahrten, die ich immer mal wieder als technischer Reiseleiter begleite. Ob Rom, Irland oder das Heilige Land – zusammen mit einem geistlichen Reiseleiter helfe ich Menschen, diese spirituellen Orte zu entdecken. Dabei werde ich selbst angeregt und angerührt vom Glauben und den Lebensgeschichten der Menschen, mit denen wir unterwegs sind.
Ulrich Waschki (52) hat nach dem Politikstudium bei der dpa in Frankfurt, Berlin und Hamburg volontiert. Er war Pressesprecher in der Bundesagentur für Arbeit, bevor er 2007 ins Bistum Osnabrück wechselte. Seit 2008 ist er Chefredakteur des Kirchenboten und der Verlagsgruppe Bistumspresse.
Dem Papst ganz nah
„Kommt der Papst herein und sagt ‚Guten Tag‘.“ Das klingt wie der Anfang eines Witzes, ist mir aber so passiert. Nicht „Salvete“, „Buongiorno“ oder „Hello“ wählte Leo XIV., ein „Guten Tag“ tut es auch, fand er. So normal, und doch so surreal. Zur Audienz mit dem Heiligen Vater kam es während unseres Betriebsausflugs im Januar nach Rom zum 100. Geburtstag des Kirchenboten.
Auf dem Weg durch den apostolischen Palast zweifelte ich kurz: Welche Zahl war es doch gleich? Nervös googelte ich: „Papst“ und interpretierte die römischen Zahlen in der Aufregung falsch. Für mich war es kurz Leo XVI., bis eine Kollegin die Zahlen korrekt las. Unser Warteraum war der Saal, in dem Papst Benedikt XVI. vor den versammelten Kardinälen seinen Rücktritt erklärte. Ein Orte, an dem sich Geschichte ereignete.
Die Begegnung war für mich völlig bizarr. Eine Frage, die wir uns beim Warten gestellt haben: Was sagt man dem Papst beim Händedruck? Den eigenen Namen? Seine Position? Fragt Leo XIV. einen etwas? Muss man sich vorbereiten, vielleicht ein paar Worte Latein lernen? Ich habe mich für „Thank you“ entschieden. Das passt immer und geht leicht über die Lippen.
Trotz prunkvoller Umgebung voller Mosaike, Wandteppiche und Statuen wirkte Papst Leo sehr zugewandt und nahbar. Als unser Chefredakteur von der Arbeit des Kirchenboten erzählte, hörte er aufmerksam zu, nickte. Kein Smaltalk-Nicken, nein, ich bin mir sicher: Es war echt.
Wirklich verarbeitet habe ich das Treffen längst noch nicht. Der Papst hat „Guten Tag“ gesagt. Und es war schön.
Anton Kensbock (19) stammt aus Berlin und ist seit Oktober 2025 Volontär, er lernt also das Handwerkszeug des Journalisten.
Teil der Gebetsgemeinschaft
In meiner Anfangszeit beim Kirchenboten war ich bei einem Termin in Stolzenau, bei dem es um das undichte Dach der erst gut zehn Jahre zuvor eingeweihten Kirche ging. Nach der Besichtigung der Kirche lud mich der damalige Pfarrer Anton Sinningen zu einer Teestunde ein. Es gab Ostfriesentee mit Kluntjes und eine Torte, die die Haushälterin selbst gebacken hatte. Lecker! Solch eine Einladung hatte ich nicht erwartet – und ich war es von der Arbeit bei der Tageszeitung auch nicht gewöhnt.
» Eine Einladung zum Essen hatte ich nicht erwartet. «
Ähnliche Beweise herzlicher Gastfreundschaft für die Vertreterin des Kirchenboten gab es immer wieder, bisweilen wurde ich kurzerhand zum Mittagessen eingeladen. Immer gab es gute Gespräche mit Menschen, die Wichtiges mitzuteilen haben, darunter engagierte Ehrenamtliche, Trauerbegleiter, Krankenhausseelsorger oder Ordensleute auf Heimatbesuch.
All diese Begegnungen machen das Schöne unseres Berufs aus. Aber wenn ich mich für nur eine Erinnerung entscheiden muss, dann ist es diese besondere Arbeitswoche, in der ich eine Pilgerfahrt nach Portugal begleitet habe. Im Oktober 2017 war ich dabei, als Leserinnen und Leser zusammen mit unserem damaligen Bischof Franz-Josef Bode ihre Pilgerreise nach Lissabon und Fatima antraten. In Lissabon feierten wir einen Gottesdienst zum Gedenken an den heiligen Antonius, in Fatima beteten wir den Rosenkranz, feierten verschiedene Gottesdienste und nahmen an der Lichterprozession teil. Einer sehr großen Lichterprozession – mit Tausenden anderen Pilgern aus vielen Ländern, die an diesem portugiesischen Wallfahrtsort beten. Wir waren Teil davon. Jeder und jede mit den ganz eigenen Gedanken und Gebeten. Das hat mich sehr beeindruckt.
Andrea Kolhoff (64) arbeitet seit 2001 beim Kirchenboten. Sie stammt aus Hunteburg und war nach ihrem Studium Mitarbeiterin verschiedener Tageszeitungen, unter anderem in Thüringen.
In der Vergangenheit
Frühjahr 1993. Ein Dorf in der Nähe von Breslau. Gleich wird etwas passieren, was mich auch 2026 noch berührt. Eine Frau sieht zum ersten Mal nach fast 50 Jahren ihren Heimatort wieder, den sie 1945 Hals über Kopf verlassen musste.
Die Frau und ihr Mann gehören zu einer Reisegruppe der Caritas Braunschweig. In die alte Heimat Schlesien soll es gehen. Als Redakteur der Hildesheimer Kirchenzeitung bin ich dabei, um eine Reportage zu schreiben, die auch im Kirchenboten veröffentlicht wird. Seit der Eiserne Vorhang gefallen ist, können die Senioren wieder dort hin, wo sie ihre frühe Kindheit verlebt haben. Doch mancher hat es bisher nicht geschafft, hat es sich vielleicht auch nicht getraut.
So wie die Frau, die sich zusammen mit ihrem Mann in Breslau ein Taxi genommen hat. Mich haben sie mitgenommen, damit ich unmittelbar erleben kann, was jetzt passiert. Als wir das Ortsschild passieren, hält die Frau den Arm ihres Mannes ganz fest. „Hans, Hans“, ruft sie, und ich habe es heute noch im Ohr. „Hans, da ist es!“
» Plötzlich hielt die Frau den Arm ihres Mannes ganz fest. «
Ein schmuckloses Mehrfamilienhaus. Das Taxi stoppt, wir steigen aus. Tränen kommen. Die Eheleute halten sich aneinander fest. Vor dem Haus haben sich einige Bewohner versammelt. Fragende Blicke. Die einen können kein Polnisch, die anderen kein Deutsch. Aber es scheint doch jeder zu verstehen, was hier gerade passiert. Ob sie das Haus von innen sehen wolle, fragt ihr Mann. Die Frau schüttelt entschieden den Kopf. Nein, was sie sieht, reicht ihr schon.
Ein paar Augenblicke später hat sich die Aufregung gelegt. Wir gehen einige Schritte zu einem Flussufer. Entspannung. Bei der Frau kommen Erinnerungen hoch. Und ihr Mann, der immer in der Nähe von Braunschweig gelebt hat, kann jetzt etwas mehr nachvollziehen, wie sich seine Frau damals, im Frühjahr 1945, gefühlt haben muss. Und was ihr bisher gefehlt hat.
Matthias Petersen (61) ist im Bistum Hildesheim aufgewachsen und war nach seinem Volontariat Lokal- und Sportredakteur bei verschiedenen Tageszeitungen. Nach elf Jahren als Redakteur bei der Hildesheimer KirchenZeitung kam er 2001 als Leiter der Bistumsredaktion zum Kirchenboten.
Keine billige Schlagzeile
Es ist nicht mein schönster, aber der bewegendste Moment, den ich an dem Herbsttag damals machte: Osnabrücker Johannisfriedhof, Regen, zwischen alten Bäumen und Grabsteinen stehen Menschen in bunten Regenjacken und singen. „My Bonny is Over the Ocean“. Das Merkwürdige: Sie alle einte ein Verlust, sie sangen gegen die Trauer. Trotzdem lachten sie.
Für eine Reportage hatte ich Trauerbegleiter Steffen Brockmeyer und die Musiktherapeutin Sabine Weymann begleitet. Sie hatten zuvor zum Singen auf den Friedhof eingeladen. Ich war gekommen, um zu beobachten, zu fragen, zu schreiben. Über das, was mir so ungewöhnlich schien: singen zwischen Gräbern. Geblieben ist dieser Moment – und die Erzählungen, die danach folgten.
Etwa die Geschichte über eine ältere Dame im Hospiz, die 60 Jahre in einem Chor gesungen hatte. Kurz bevor sie starb, versammelten sich ihre früheren Mitsängerinnen und Mitsänger auf der Terrasse ihres Zimmers und sangen für sie. Und wie der Trauerbegleiter leise sagte: „Vielleicht hat es ihr geholfen zu gehen.“
An diesem Tag auf dem Friedhof habe ich verstanden, was den Beruf der Journalistin so besonders macht: Menschen öffnen sich, lassen mich teilhaben an verletzlichen Momenten. Sie vertrauen mir ihre Geschichten an. Ich höre zu, behalte manches für mich, wäge ab, was ich weitergebe und was nicht. Respektvoll, wertschätzend und darauf achtend, keine billige Schlagzeile aus den Erlebnissen anderer Menschen zu machen.
Lisa Discher (29) ist in Süddeutschland aufgewachsen und kam für die Ausbildung zur Redakteurin zum Kirchenboten nach Osnabrück. Erste Berufserfahrungen sammelte sie bei Tageszeitung und öffentlich rechtlichem Rundfunk in Freiburg. Besondere Herzensthemen: Gleichstellung, Umwelt und Interreligiösität. Und: Sie ist großer Fan von Social Media, Video und Audio.
Bei Eske und Henri Nannen
Für unsere Sommerserie im Jahr 1996 besuchten wir besondere Museen im Bistum Osnabrück. Auf unserer Liste stand auch die Kunsthalle in Emden – und die ist untrennbar mit dem Namen Henri Nannen verbunden. Der Vollblutjournalist, der als Gründer und Chefredakteur den „Stern“ zum damals auflagenstärksten Magazin Deutschlands machte, sammelte auch Kunst. Seine Kunstsammlung stiftete er später dem Museum, dessen Bau er und seine Frau Eske vorangetrieben hatten. Kurz gesagt: Der Museumssommer-Teil aus Emden führte an Henri Nannen nicht vorbei. Ein Termin wurde vereinbart und ich fuhr hin.
» Wir tranken Tee nach ostfriesischer Tradition. «
Doch als ich in der Kunsthalle ankam, begrüßte mich Eske Nannen mit einer Hiobsbotschaft. Ihrem Mann gehe es nicht gut, ein Gespräch sei heute nicht möglich. Ich war enttäuscht, und das sah man mir an. Frau Nannen versprach deshalb, später noch einmal nachzuhaken. Bevor sie mich durch das Museum führte, tranken wir eine Tasse Tee – nach ostfriesischer Tradition, die ich damals noch nicht kannte. Kluntje in die Tasse geben, mit heißem Tee übergießen, mit einem Sahnelöffel ein Wulkje (eine Sahnewolke) vorsichtig hinzufügen ohne zu rühren – das habe ich von ihr gelernt.
Überraschung dann etwa eine Stunde später: Ihr Mann hatte einem Interview nun doch zugestimmt. Ein Chauffeur brachte mich zum Privathaus der Nannens. Ich war aufgeregt. Henri
Nannen saß auf der Couch im großen hellen Wohnzimmer mit Blick auf den Garten, in Jogginghose, sichtlich geschwächt, aber auskunftsfreudig, was sein „zweites Leben“, die Kunst, betraf. Ein Detail, das sich mir eingeprägt hat: Während unseres Gesprächs kaute er unentwegt Nüsse.
Wenige Monate später, im Herbst 1996, starb Henri Nannen – und ich kaufte mir sofort die Biografie, die nach seinem Tod veröffentlicht wurde. Der große Mann vom „Stern“ war nicht unumstritten, aber ich war beeindruckt, wieviel Leben in ein einziges Leben passt. Ich las auch, dass er streng war und Journalistenschüler anschnauzte, wenn ihm Texte und auch Fragen nicht passten. Da hatte ich als Jungredakteurin wohl Glück, dass Nannen schon altersmilde war.
Anja Sabel (55), aufgewachsen in der DDR, sammelte ihre ersten journalistischen Erfahrungen bei einer Tageszeitung in Halle an der Saale. 1993 kam sie als Redakteurin zum Kirchenboten und absolvierte später noch ein berufsbegleitendes Journalismus-Studium an der Freien Universität Berlin. Sie ist Ansprechpartnerin für die Dekanate Bremen und Twistringen und arbeitet im Online- und Social-Media-Bereich. Besonders gern setzt sie sich mit deutsch-deutscher Geschichte und dem interreligiösen Dialog auseinander.
Die Reportage hat viele bewegt
Ich würde die Reportage, von der ich hier erzähle, sicher nicht als die schönste Erinnerung in meinem Berufsleben bezeichnen. Da gibt es viele andere, an die ich gerne zurück denke. Aber es war mit Sicherheit diejenige, die mich in meinen 28 Jahren beim Kirchenboten am meisten bewegt und berührt hat.
Es geht um die Geschichte über Waltraud Dahm und ihren Sohn Jannik. Im Oktober 2020 war der 19-Jährige auf dem Weg zur Berufsschule tödlich verunglückt – so jung aus dem Leben gerissen, unfassbar für seine Eltern und Schwester, für die Freunde, die Schulkameraden und auch für die Nachbarn.
» Sie haben mehreren das Leben gerettet. «
In dieser Situation hat sich seine Familie entschieden, die Organe des Sohnes und Bruders zu spenden – und hat damit mehreren Menschen tatsächlich das Leben gerettet. Noch heute habe ich tiefsten Respekt und Hochachtung für diesen Schritt. Was sie durchlebt haben, hat mich sehr betroffen und auch demütig gemacht. Und ich musste gleich an unsere Söhne denken, die nicht viel älter sind als Jannik.
Ich bin Frau Dahm noch immer sehr dankbar dafür, dass sie mir ihre Geschichte erzählt hat –dass sie mir ihr Herz geöffnet, ihre Trauer mit mir geteilt und mir so viel Vertrauen geschenkt hat, dass ich darüber berichten durfte. Das ist eins der großen Geschenke, die ich in meinem Beruf erleben darf. Auch im Nachgang hat diese Reportage offenbar viele Menschen bewegt. Viele Anrufe, Mails und andere positive Reaktionen gab es nach der Veröffentlichung im Kirchenboten. Selbst andere Zeitungen haben sie noch nachgedruckt.
Petra Diek-Münchow (65) ist im Emsland geboren, aufgewachsen und lebt nach einigen Stationen in anderen Regionen seit vielen Jahren dort in Geeste. Nach Studium und dem Volontariat bei einer Tageszeitung hat sie in einer emsländischen Lokalredaktion gearbeitet und kam 1998 zum Kirchenboten. Dort kümmert sie sich vor allem um Themen aus der Grafschaft Bentheim, dem Emsland und Ostfriesland.
Wertvolle Begegnungen
Trotzdem. Dieses eine Wort setzte Karl Meist unter jedes seiner handgeschnitzten Werke. Acht Buchstaben, die alles sagten: „Trotzdem ich nur noch fünf Finger habe, kann ich solche Dinge schnitzen. Trotzdem ich so viel durchgemacht habe, genieße ich heute das Leben.“ So erklärte er es mir, als ich ihn im Mai 1993 für den Kirchenboten besuchte.
Ich war jung, und ich war beeindruckt. Über 200 Heiligenfiguren, Kruzifixe, Engel und Tiere hatte Karl Meist auf seine ganz eigene Art geschnitzt: den Holzklotz zwischen den Knien, das Werkzeug in der einen verbliebenen Hand. Das Leben hatte ihn nicht geschont — 1942 verlor er bei einem Bombenangriff in Russland seinen Arm, kämpfte sich durch Krankheiten, pflegte elf Jahre lang seine Frau, trug Verluste. Und doch: Er gab nie auf, verlor nie die Hoffnung. Das Schnitzen machte ihn erfolgreich — eine seiner Madonnen steht sogar im Kleinformat im Kapitol in Washington. Sein Kommentar dazu: „Ich bin nicht stolz, sondern glücklich.“
Diese Begegnung hat mich lange nicht losgelassen. Nicht nur im Kopf — auch ganz konkret erinnere ich mich bis heute an Karl Meist: Am Ende unseres Termins schenkte er mir eine Heiligenfigur. Sie steht bis heute in unserer Wohnung.
Genau solche Momente sind es, die meinen Beruf für mich jeden Tag besonders machen. Begegnungen mit Menschen, die für ihre Überzeugungen einstehen. Die Ideen haben, nicht aufgeben, kreativ sind, ihr Leben und ihren Glauben gestalten - oft genug auch gegen Widerstände. In 33 Jahren beim Kirchenboten habe ich viele von ihnen getroffen, neugierig hinter viele Türen geschaut, kritisch nachgefragt, Projekte begleitet — und über all das berichtet. Das hatte durchaus ganz konkrete Auswirkungen: Eine Fahrt mit der Fahrrad-Rikscha der Nordkreis-Pflege GmbH in Alfhausen hat mich so nachhaltig beeindruckt, dass ich dafür Werbung in meiner Caritasgruppe gemacht habe. Nun haben wir dank vieler Spenden und Anpacker seit zwei Jahren eine eigene Rikscha, mit der wir glückliche Senioren ausfahren und immer wieder mit Menschen ins Gespräch kommen. Es ist einfach ein Beruf, der dankbar macht und mitunter kräftig ins eigene Leben ausstrahlt.
Astrid Fleute (54) stammt aus Wildeshausen und ist seit 1993 für den Kirchenboten tätig. Ihre Ausbildung zur Redakteurin erlebte sie in der Vechtaer Redaktion der Zeitung Kirche+Leben.