Schwerpunkt: Wie Ökumene funktionieren kann

Willkommen im neuen Zuhause!

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Evangelische Gemeinde in Wissingen empfängt Katholiken
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Foto: Ludger Wesseler

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Die evangelische Gemeinde in Wissingen empfängt die Katholiken, die gerade in ihrer Kirche die letzte Messe gefeiert haben. 

In beiden christlichen Kirchen werden die Gläubigen weniger und das Geld knapper. Auch deshalb arbeiten Gemeinden inzwischen häufig zusammen. Sie teilen sich Räume, feiern miteinander Gottesdienste und engagieren sich gemeinsam sozial. Drei Beispiele zeigen, wie die Ökumene funktionieren kann und wo die Tücken liegen.


Ökumene in Wissingen

„Letztlich ist es auch für uns eine Bestandssicherung, wenn zwei Gemeinden die Kirche nutzen“ 

Ein Dienstagmorgen im Juni. In Wissingen, einer kleinen Ortschaft im Osnabrücker Land mit knapp 2500 Einwohnern, setzen pünktlich um viertel vor neun die Glocken der evangelischen Auferstehungskirche ein. Sie rufen zum Gottesdienst, genauer: zur Werktagsmesse. Denn seit Januar, als ihre eigene, nur 350 Meter entfernte Herz-Jesu-Kirche geschlossen wurde, feiern die Katholiken des Ortes hier ihre Gottesdienste.

„Vor drei Jahren ist der Bürgermeister auf uns zugekommen und hat gefragt, ob wir uns vorstellen können, unsere Kirche abzureißen“, sagt der Pfarrbeauftragte Thomas Steinkamp. „Sie suchten ein Grundstück für den Neubau der Grundschule.“ Eine Frage, bei der anderen die Luft wegbleiben oder sie in spöttisches Gelächter ausbrechen würden. 

Bei Steinkamp war es anders: Er nahm die Frage mit in den Kirchenvorstand. Und der nahm sie ernst. „Wir wussten, dass wir für den Erhalt unserer Kirche in den nächsten Jahren sechsstellige Beträge ausgeben müssten“, sagt Steinkamp. Herz-Jesu war 1959 eingeweiht worden, ein typischer Nachkriegsbau. „Mit viel Eigenleistung der zugezogenen Aussiedler und Flüchtlinge hochgezogen, aber schlecht in Schuss“, sagt Steinkamp. Vom Dach fielen schon mal Ziegel herunter, die Heizung war kurz vor dem Ende, eine Dämmung quasi nicht existent. 

Und trotzdem: Die Kirche abreißen? „Uns war sehr schnell klar, dass wir es nur unter einer Bedingung tun werden: wenn Wissingen als Gottesdienstort erhalten bleibt“, sagt Steinkamp. Damit sei die evangelische Auferstehungsgemeinde ins Spiel gekommen: „Als wir überlegt haben, wo wir feiern könnten, sagte jemand: Wo ist das Problem? Es gibt doch eine Kirche im Ort!“ 

Gemeinsame Kirchennutzung in Wissingen
Katholische und evangelische Gläubige nutzen die evangelische Kirche in Wissingen gemeinsam. Foto: Ludger Wesseler

Aber würde die Gemeinde die Katholiken aufnehmen? Angelika Breymann, die evangelische Pastorin, sagt: „In unserem Kirchenvorstand war sofort eine große Bereitschaft da.“ Und sie fügt hinzu: „Letztlich ist es ja auch für uns eine Bestandssicherung, wenn zwei Gemeinden die Kirche und das Gemeindehaus nutzen.“

In der Kirche sitzen an diesem Dienstagmorgen fünf Frauen und beten den Rosenkranz. Die Küsterin, die auch schon in der alten Kirche Dienst tat, bereitet die Messe vor. Gerade kommt der indische Pastor Andrews Francis, der sie feiern wird. Später wird er sagen: „Bei uns in Kerala wäre es nicht vorstellbar, dass wir eine evangelische Kirche für die katholische Messe nutzen.“ Aber für ihn selbst, sagt er, sei das kein Problem: „Hauptsache, wir feiern.“

Doch auch wenn die Bereitschaft zur Zusammenarbeit auf beiden Seiten groß war: Die Tücke liegt wie immer im Detail. Denn wenn die Katholiken dauerhaft einziehen wollten, gab es einiges zu bedenken – und zu verändern. „Die evangelische Gemeinde ist uns sehr entgegengekommen und dafür sind wir auch sehr dankbar“, sagt Thomas Steinkamp. Angelika Breymann lacht und sagt: „Ja, gut, dass wir nicht von Anfang an wussten, was alles auf uns zukommt!“

Denn es ist einiges, was aus der Herz-Jesu-Kirche hinübergewandert ist: der Kreuzweg, der Tabernakel mit dem Ewigen Licht, die Sitze für Priester und Messdiener, die Glocke an der Sakristeitür, das Weihwasserbecken, ja, sogar der elektrische Liedanzeiger. Typisch evangelisch in der Kirche aus dem Jahr 1966 sind der große Herrnhuter Stern an der Decke, die fehlenden Kniebänke und das Kreuz ohne Corpus, also ohne Jesus, der daran hängt. „Schließlich sind wir eine Auferstehungskirche“, sagt Breymann. 

„Es ist immer ein Aufeinanderzugehen“, sagen beide Gemeindeleiter. Dass der Tabernakel seinen Platz im Altarraum gefunden hat, sei sogar eine Idee der evangelischen Geschwister gewesen. „Aber dass unsere alte Liedtafel weg ist, das finde ich schon schade“, sagt Breymann. „Vielleicht finden wir für die noch einen guten Platz.“ Steinkamp nickt. „Bestimmt, das ist ja alles noch auf dem Weg.“

Schaukästen in Wissingen
Schaukästen in Wissingen. Foto: Susanne Haverkamp

Wie finden die Leute die Neuerung? „Ich habe kaum negative Rückmeldungen bekommen“, sagt Breymann. Einerseits wegen der Bestandssicherung, „denn eigentlich sind unsere Räume zu groß für die Anzahl der Gemeindemitglieder“ und auch in der Evangelischen Kirche hat der Rückbau der Immobilien längst begonnen. Andererseits aber auch, weil Ökumene immer schon ein Thema war: Die Kita in Wissingen ist in evangelischer Trägerschaft und gleich neben der Kirche. „Es gibt viele konfessionsverbindende Familien, da lief immer schon viel miteinander“, sagt Breymann. Dass es jetzt noch mehr wird, hoffen beide Gemeindeleiter.

Und bei den Katholiken? „Natürlich war die Trauer groß, als wir darüber informiert haben, dass der Abriss der Kirche im Raum steht“, sagt Steinkamp. Wichtig sei gewesen, alle – Katholiken wie Protestanten – von Anfang an in die Diskussionen einzubeziehen und nicht nur Entscheidungen mitzuteilen. Ein katholisches Ehrenamtsfest in der Auferstehungskirche und drumherum, bei dem auch evangelische Christen mitwirkten, half, Hemmungen abzubauen. Ebenso die Prozession nach der letzten Messe von Herz-Jesu zur Auferstehungskirche und der Empfang dort durch die Pastorin.

Das Echo ist gemischt

„Aber dennoch waren wir gespannt, wie die Kirche angenommen wird“, sagt Steinkamp. „Ob die Wissinger hier zur Messe gehen oder nach Bissendorf fahren.“ Schließlich ist St. Dionysius, die dortige katholische Kirche, gerade mal fünf Kilometer entfernt. „Jetzt, nach einem halben Jahr, kann man sagen: Der Besuch ist stabil.“ Mit den sieben Frauen, die an der Werktagsmesse teilnehmen, „sind wir vollständig“, sagt Pastor Francis. In die Vorabendmesse am Samstagabend kommen wie früher 30 bis 40 Gläubige.

Und was sagen die Frauen, die an diesem Dienstagmorgen gekommen sind? Das Echo ist gemischt. „Wir sind so dankbar, dass wir hier aufgenommen wurden“, sagt eine. „Ich komme so gern hierher.“ Eine andere, die ihr Kniebänkchen in der Hand hält, ist skeptischer: „Ich bin hier noch nicht wirklich zu Hause. Ich vermisse die Bilder.“ Aber immerhin, sie kommt regelmäßig. Und stellt ihr Kniebänkchen in eine Ecke vorne rechts, damit sie es nicht immer hin und her tragen muss. 

// Susanne Haverkamp
 

In München teilen sich katholische und evangelische Nachbarn einen Kirchturm.
In München teilen sich katholische und evangelische Nachbarn einen Kirchturm. Foto: Alois Bierl

Ökumene in München

„Es gibt eine spirituelle Sehnsucht bei vielen Menschen jenseits konfessioneller Grenzen“ 

Oft sind Gäste von auswärts überrascht: Wenn Ulrike Feher eine Taufe feiert, dann ist fast immer eine Taufkerze dabei. „Das ist für die meisten evangelischen Christen ungewohnt, aber bei uns ist das üblich geworden.“ Das hat sich die Pfarrerin an der Sophienkirche in München-Riem von den katholischen Nachbarn aus Sankt Florian abgeschaut, mit denen sie ein ökumenisches Zentrum bildet, dieselbe Adresse und einen gemeinsamen Kirchturm teilt. „Durch das Miteinander haben wir viel über die Kraft von Symbolen gelernt“, erzählt Feher.

Der Anfang des Jahrtausends auf dem ehemaligen Münchner Flughafengelände entstandene Stadtteil München-Riem beherbergt heute Menschen aus rund 110 Nationen, viele davon Muslime. Nur etwa ein Viertel der rund 16 000 Bewohner gehört einer der großen Kirchen an. An Sonn- und Feiertagen kommen noch etwa 100 weitere Christen hinzu. Sie stammen vor allem aus Indien und gehören der Malankara Syrisch-Orthodoxen Kirche an. Seit einigen Jahren zählen auch sie zum 2005 eingeweihten Ökumenischen Zentrum und feiern in Sankt Florian Gottesdienste. Die Gläubigen reisen aus ganz Süddeutschland an, berichtet ihr Seelsorger, Vikar Thomas Jakob Manimala, „und geben ein Zeugnis davon, wie wichtig ihnen ihr Glaube ist“.

Es sind vor allem immer mehr junge IT-Experten aus Kerala mit ihren Familien, die in Riem Gottesdienste in ihrer Tradition feiern wollen. Die reicht weiter zurück als die der katholischen und der evangelischen Kirche in Bayern. Die Christen aus Südindien führen ihre Missionierung auf den Apostel Thomas und damit bis ins1. Jahrhundert zurück. Große Teile ihrer Liturgie feiern sie auf Aramäisch, jener Sprache, die auch Jesus gesprochen hat.

Das Miteinander will jedoch genau abgestimmt sein. So zieht die Gemeinde am Karfreitag in den Keller von Sankt Florian. „Denn unser Gottesdienst dauert da zwischen sechs und acht Stunden“, erklärt Vikar Jakob, „und um 15 Uhr brauchen die Katholiken ja die Kirche für ihre Karfreitagsliturgie.“

Pfarrerin Feher und der katholische Pastoralreferent Mateusz Jarzebowski sind durchaus stolz darauf, dass diese syrisch-orthodoxe Gemeinde Teil des Zentrums ist. Bald kommt noch eine Gruppe evangelisch-lutherischer Christen aus Südkorea hinzu. „Um räumlich zu sehen, braucht es ein zweites Auge“, sagt Jarzebowski. Und so sei es auch mit den anderen Gemeinden in Riem: „Sie helfen uns, tiefer zu blicken, auch auf den eigenen Glauben, das Eigene deutlicher zu erkennen und gleichzeitig die Vielfalt zu schätzen, die er in unterschiedlichen Kulturen entfaltet.“

Thomas Jakob Manimala, Ulrike Feher und Mateusz Jarzebowski
Thomas Jakob Manimala, Ulrike Feher und Mateusz Jarzebowski stimmen ihr Miteinander genau ab. Foto: Alois Bierl

Das große soziale Engagement tragen in Riem angesichts der Gemeindestärken jedoch vor allem katholische und evangelische Christen. Etwa eine weitgehend ehrenamtlich geführte Tafel mit kostenlosen Lebensmitteln für Bedürftige. Doch auch institutionell kooperieren die Kirchen eng:  Die von der Caritas angebotene Schülerhilfe für Migrantenkinder findet in der evangelischen Sophiengemeinde statt, weil dort nachmittags die Räume leichter verfügbar sind. Hauptamtliche Mitarbeitende haben zudem gemeinsame Vorbereitungstage für Konfirmanden und Firmlinge etabliert.

Gemeinsam wirken sie auch beim Gesundheitstag der Stadt mit, informieren über kirchliche Hilfsangebote bei seelischen Erkrankungen und hören den Sorgen der Besucher zu – selbstverständlich auch denen ohne Konfession oder Muslimen. In Schulen gestalten sie vor den Sommerferien gemeinsam mit islamischen Lehrkräften interreligiöse Gebete. Dass alle drei Konfessionen zusammengehören, machen sie beim jährlichen Kirchenfest deutlich, das sie Anfang Juli mit einem gemeinsamen Sonntagsgottesdienst gefeiert haben.

All das nehmen die Christen in Riem als selbstverständlich wahr und kaum noch als ökumenische Besonderheit. „Vielen unserer katholischen Gemeindemitglieder etwa aus Afrika, Asien oder auch aus Polen ist die Ökumene in Deutschland nur vage vertraut, für sie ist das nicht historisch aufgeladen“, sagt Jarzebowski. Welche Fortschritte in den vergangenen Jahrzehnten im konfessionellen Miteinander erreicht wurden, ist oft nur den hauptamtlichen Seelsorgern und älteren Ehrenamtlichen bewusst. Gleichzeitig stehen beide Gemeinden vor strukturellen Veränderungen und die ökumenische Weiterentwicklung tritt in den Hintergrund. „Die evangelische wie die katholische Kirchengemeinde müssen sich durch neue Zusammenlegungen gerade selbst neu finden“, erklärt Pfarrerin Feher. Zugleich werde man jedoch bei sinkenden finanziellen Mitteln und wachsenden Aufgaben zu einer „Ökumene der Ressourcen“ gezwungen sein, ergänzt Jarzebowski.

Viele Menschen spüren eine Sehnsucht

Denn Riem wächst weiter. Rund 2500 neue Wohnungen werden entstehen – und mit ihnen neue Aufgaben. Einen ökumenischen Kindergarten etwa kann sich Jarzebowski gut vorstellen. Ebenso, dass sich das ökumenische Zentrum zu einem „Labor und spirituellen Zentrum“ entwickelt: Räume, in denen sich Menschen über evangelisches Schriftverständnis, katholische Heiligenverehrung oder das unter indischen Christen gepflegte Stundengebet austauschen und vielleicht sogar gemeinsame Gebetsformen entwickeln. 

„Es gibt ja eine spirituelle Sehnsucht bei vielen Menschen jenseits konfessioneller Grenzen, und es ist ein gemeinsamer Auftrag, darauf zu antworten“, sagt Jarzebowski. Perspektiven für eine gemeinsame Spiritualität und neue Aufbrüche seien denkbar – „ohne ständig die Abendmahlsfrage zu traktieren“, ergänzt Feher. Da ist eine Grenze, selbst für ökumenische Zentren.

// Alois Bierl


 

Im Ökumenischen Zentrum in Lüneburg ist Gemeinschaft wichtig, etwa beim Mittage
Im Ökumenischen Zentrum in Lüneburg ist Gemeinschaft wichtig, etwa beim Mittagessen. Foto: Susanne Haverkamp

Ökumene in Lüneburg

„Wir sind keine irgendwie christliche Gemeinde, wir sind eine Gemeinschaft von Christen“ 

Leicht zu finden ist das Ökumenische Zentrum St. Stephanus nicht. Eher unscheinbar liegt der flache Betonbau im Geschäftszentrum des Lüneburger Stadtteils Kaltenmoor. Rundherum ragen Hochhäuser auf, gleich dahinter ist das Schulzentrum. 

Erst auf den zweiten Blick sieht man das Kreuz, das etwas verloren auf dem Platz vor der Kirche steht. „Als das Zentrum gebaut wurde, waren weder ein Turm noch ein Kreuz vorgesehen“, sagt Dechant Carsten Menges. „In einer Nacht-und-Nebel-Aktion hat der damalige Hausmeister ein Holzkreuz aufs Dach gebaut.“ Als es vor ungefähr zehn Jahren marode war, musste die Gemeinde es herunternehmen. „Die Stadt hat dann erlaubt, dass wir auf ihrem Grund ein freistehendes Kreuz aufstellen.“

Überraschend ist das, weil Kaltenmoor seit seiner Entstehung seinen Charakter verändert hat. Ende der 1960er Jahre war ein modernes Viertel für 11 000 Menschen, vor allem Familien, geplant; heute gilt es als sozialer Brennpunkt. „Die Häuser sind zunehmend schlecht in Schuss“, sagt Pastoralreferent Johannes Honert. „Viele der ursprünglichen Bewohner sind inzwischen weg. Jetzt ziehen Menschen ein, die sich sonst nichts leisten können.“ Der Migrantenanteil ist hoch, der der Muslime auch. „Es gab Befürchtungen, dass das Kreuz bald beschädigt würde“, sagt Menges. „Es ist aber nie was passiert. Im Gegenteil, die Muslime sagen: Wir finden es gut, dass ihr euren Glauben nach außen tragt.“

Ökumenisches Zentrum St. Stephanus
Das Ökumenische Zentrum St. Stephanus. Foto: Susanne Haverkamp

Dass damals, 1974, St. Stephanus als eines der ersten Ökumenischen Zentren in Deutschland eingeweiht wurde, hatte mit einer besonderen Beziehung zu tun. „Der damalige katholische Dechant und der evangelische Superintendent von Lüneburg waren gut befreundet“, sagt Menges, der selbst in einem kleinen Ort in der Nähe aufgewachsen ist. „Die beiden waren sofort fest entschlossen, in dem neuen Stadtteil etwas gemeinsam zu machen, als die Stadt direkt im Zentrum ein Grundstück zur Verfügung stellte.“

In dieser Zeit begann sich in der Ökumene einiges zu bewegen – auch wegen der Öffnung der katholischen Kirche im Zweiten Vatikanischen Konzil. Dennoch waren die Grenzen im Vergleich zu heute noch eng. „In den ersten Jahren gab es gerade mal drei ökumenische Gottesdienste pro Jahr. Das meiste war getrennt“, sagt Menges. Honert ergänzt: „Heute ist es fast umgekehrt: Wir müssen nicht mehr begründen, warum wir etwas ökumenisch tun, sondern warum wir es nicht tun.“

Sie bieten kostenlose Mittagessen an

Den Namen St. Stephanus teilten sich beide Gemeinden von Anfang an. „Weil viele Straßen hier im Stadtteil nach Märtyrern der NS-Zeit benannt sind, passte Stephanus gut“, sagt Menges. Als biblischer Märtyrer war er auch für die evangelischen Christen passend, die es mit Heiligen sonst nicht so haben.

Wenn man das Zentrum aus Beton und Backstein betritt, kommt man als Erstes in ein großes Foyer. Gerade wird das kostenlose Mittagessen vorbereitet. „Jeden Dienstag und Donnerstag bieten wir das hier an“, sagt Pastoralreferent Honert. Etwa zehn Ehrenamtliche helfen, damit 60 bis 80 Gäste satt werden. „Wer von denen katholisch und wer evangelisch oder ganz was anderes ist, weiß ich nicht und will ich auch gar nicht wissen.“ Genauso ist es bei der Kleiderkammer, die das Ökumenische Zentrum betreibt, beim Café Kontakt, beim Bibelkreis oder beim monatlichen Abendgebet mit Liedern aus Taizé.

Und wie ist es sonst bei Gottesdiensten? „Was damals beim Bau nicht zur Debatte stand, war eine gemeinsame Kirche“, sagt Menges. Deshalb gibt es zwei direkt nebeneinander: Gleich links im Foyer steht über einer Holztür „Kath. Kirche“, wenige Meter weiter: „Ev. Kirche“. „Gelegentlich tauschen wir“, sagt Menges und lacht. „Unsere Kirche hat 200 Plätze, die evangelische ist halb so groß. Da machen wir es manchmal nach Bedarf.“ Die evangelische Kirche kann man außerdem durch ein Schiebeelement zum Foyer hin öffnen. „Für die richtig großen Ereignisse.“

Seit diesem Jahr ist die Gottesdienstordnung geändert. Einerseits, weil Menges als Priester für inzwischen zehn Kirchen zuständig ist und nicht überall gleichzeitig sein kann. Andererseits aber auch, um deutlich zu machen, dass Christen nicht nur gemeinsam Suppe verteilen, sondern auch gemeinsam beten. 

Jeden Sonntag findet jetzt um 10.30 Uhr ein Gottesdienst statt – immer ein anderer, und in welcher Kirche … nun, das sieht man dann schon, wenn man das Zentrum betritt. Im Liturgieplan steht einmal im Monat eine katholische Messfeier, einmal ein ökumenischer Gottesdienst und zweimal der sogenannte „christliche Gottesdienst“. „Das ist ein Gottesdienst für alle, den entweder jemand aus der evangelischen oder der katholischen Gemeinde leitet“, erklärt Honert. „Im Unterschied zum ökumenischen Gottesdienst: Da ist aus beiden Gemeinden jemand dabei.“

Wie wird das angenommen? „Es gab Leute, die sagten: Jetzt geht die katholische Welt unter“, sagt Menges. „Aber die meisten waren auch neugierig auf die jeweils andere Feierform und erleben die Vielfalt der Gottesdienste als Bereicherung.“ Was aber nichts daran ändert, dass ihnen ihre Konfession und ihre eigene Tradition wichtig sind. „Wir sind keine irgendwie christliche Gemeinde, wir sind eine Gemeinschaft von Christen“, sagt Honert. Zumal sich auch fremdsprachige Gemeinden im Zentrum treffen: Polen, Kroaten und Vietnamesen zum Beispiel. Auch chaldäische Christen. Was aber nur zeigt, was „Oikumene“ vom altgriechischen Wortsinn her heißt: der ganze bewohnte Erdkreis. Hier in St. Stephanus kommt er zusammen.

// Susanne Haverkamp