Christian Wulff über den Umgang mit Krisen

Wir brauchen mehr Mut

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Christian Wulff
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Foto: imago/Bernd Günther

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Gegen Schlechtredner und Untergangspropheten: Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff warnt auf einer Demonstration in Hannover vor der AfD.

Er war mit 51 Jahren jüngster Bundespräsident Deutschlands. Nach nicht einmal zwei Jahren trat Christian Wulff im Februar 2012 zurück – die Staatsanwaltschaft ermittelte nach Vorwürfen der Vorteilsnahme. Später wurde Wulff freigesprochen. Ein Gespräch über den Umgang mit Krisen.

Sie haben in Ihrem Leben große Veränderungen erlebt. Meist ging es nach oben. Als Bundespräsident gerieten Sie in eine heftige Krise und traten zurück. Wie haben Sie das bewältigt?

Ich konnte davon profitieren, dass ich meine erste große Krise schon als Kind erlebt hatte. Ich war Schüler, als meine Mutter an Multipler Sklerose mit einem sehr schweren Verlauf erkrankte. Plötzlich war ich verantwortlich – auch für meine deutlich jüngere Schwester. Das war eine Grenzsituation, in der ich schnell erwachsen werden musste. Man kann sich oft gar nicht aussuchen, welchen Schwierigkeiten man ausgesetzt ist. Aber man kann sich sehr wohl aussuchen, wie man damit umgeht.

Inwiefern hat Ihnen diese Einstellung in Ihrer Krise als Bundespräsident geholfen?

Ich hatte eine Haltung und Resilienz. Als ich in diese Krise kam, habe ich mir gelegentlich gesagt: Du hast das damals bewältigt, dann wirst du das auch heute schaffen. Damals haben Freunde geholfen, die hast du auch jetzt. Man merkt in solchen Situationen, auf wen man sich verlassen kann und wer so schnell in den Büschen ist, dass man es gar nicht sehen kann. Ich hatte durch die Prüfung in der Jugend höheres Selbstbewusstsein und Zuversicht, dass es Auswege gibt, als wenn ich das erste Mal in meinem Leben vor einem solchen existenziellen Problem gestanden hätte.

Mir hat auch geholfen, dass ich mich nicht als Opfer definiert habe, sondern immer als Handelnden, der mal viel Macht hatte und nun mal eher ohnmächtig ist.

Können Sie im Nachhinein einer solchen Krise etwas Positives abgewinnen?

Man braucht sie nicht. Man will sie nicht. Aber im Nachhinein kann man ihr tatsächlich Positives abgewinnen. Viele haben gefragt: Nimmt der sich das Leben? Geht der an diesem öffentlichen Dauerbeschuss zugrunde? Tatsächlich bin ich in anderer Weise zugrunde gegangen – ich bin den Dingen auf den Grund gegangen: Wie konnte es so kommen? Welchen Beitrag hatte ich selber, welchen hatten andere? Die Bücher des Theologen Pierre Stutz über Unvollkommenheit und ein Gespräch mit ihm haben mir sehr geholfen, auch meine Unvollkommenheiten anzuerkennen. Ich habe gelernt, loszulassen.
Loszulassen, nicht alles beeinflussen zu wollen, nicht alles im Griff zu haben. Mir hat auch geholfen, dass ich mich nicht als Opfer definiert habe, sondern immer als Handelnden, der mal viel Macht hatte und nun mal eher ohnmächtig ist.

Ist genau dieses Loslassen für viele Menschen heute, in einer Zeit voller Veränderungen, ein Problem?

Loslassen bedeutet ja Unsicherheit. Das Alte kennt man, daran ist man gewöhnt. Das Neue ängstigt. Und das Beängstigende hat in den letzten Jahrzehnten zugenommen. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass das Wort Reform früher viermal so oft in Berichten des Internationalen Währungsfonds vorkam wie heute. Auch die Worte Aufstieg, Fortschritt, Verbesserung, Zukunft hatten ihre Zeit. Heute kommen häufiger andere Worte vor: sorgen, warnen, riskant, Angst. Wir brauchen demnach wieder mehr Verantwortungsträger, die den Menschen Mut, Hoffnung für Veränderungen machen und damit Zuversicht geben.

Was brauchen wir noch?

Die älteren Politiker, die mich geprägt haben, sprachen immer von Anstrengung und Fleiß, von der Verantwortung des Einzelnen. Irgendwann hat in den letzten Jahrzehnten eine paternalistische Politik Platz gegriffen, die den Leuten gesagt hat: Wir machen das für euch – mit Rettungsschirmen und Sonderprogrammen. Wir brauchen eine ehrlichere Kommunikation.

Glauben Sie, dass die Politik die Menschen zu sehr schont und Herausforderungen zu leise anspricht?

Wir brauchen Leitfiguren, die den Menschen etwas zumuten. Darin steckt auch das Wort Mut. Sie sollten Menschen zutrauen, dass sie bereit für Veränderungen sind, wenn die Aussicht auf eine bessere Zukunft besteht. Wenn man Standards ein bisschen senkt, um mehr Wohnungen zu schaffen, beim Datenschutz etwas herunterfährt, um die Digitalisierung voranzutreiben, Planungsverfahren beschleunigt, um neue Arbeitsplätze zu schaffen – dann erlebe ich Bürgerinnen und Bürger aufgeschlossen, weil sie sagen, da spricht endlich jemand über die Zukunft. 

Die meisten Menschen haben derzeit wohl eher ein negatives Bild der Zukunft.

Wenn Sie heute in einer Versammlung sagen „ich freue mich auf die nächsten 20 Jahre“, sprengen Sie fast die Stimmung. Es gibt zu wenige, die sagen, dass wir eine tolle Zukunft haben, wenn wir festgefahrene Dinge verändern, Bürokratie abbauen, Potenziale entfalten – und dass wir die Pflicht zu diesen Veränderungen haben, damit auch die junge Generation weiterhin in Frieden, Freiheit und Wohlstand leben kann.

Meine erste Empfehlung ist: reden. Menschen, die ihre Geschichte nicht erzählen können, vereinsamen. 

Woher nehmen Sie diesen Optimismus?

Ich bin überzeugt, dass wir 2050 völlig CO2-frei ein wohlhabendes Land sein können, weil wir Techniken entwickeln werden, die wir heute noch gar nicht erahnen. Sonne, Wasser- und Windkraft haben enorme Potenziale, wenn wir den Weg technologieoffen gehen, CO2 stärker besteuern – natürlich mit sozialem Ausgleich – und damit Forscher und Wirtschaft drängen, sich Alternativen mit neuen Batteriespeichern zu überlegen. Wir waren noch nie so reich und so gesund, wir wurden noch nie so alt und sind eines der lebenswertesten Länder weltweit. Und trotzdem hören wir von Populisten, die ein autoritäres System wollen, das Land verelende, es gehe vor die Hunde. Wir haben in den letzten Jahren zu wenig investiert und zu wenig reformiert. Da gibt es große Defizite. Manches ist eingerostet. Deutschland als drittgrößte Volkswirtschaft der Welt wirkt wie Gulliver – gefesselt und mutlos. Aber wir sollten nicht so sehr über die Fehler der Vergangenheit schwadronieren, sondern da eher das Erreichte wertschätzen, nämlich Frieden seit fast 80 Jahren, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Wohlstand – und viel mehr an die Zukunft denken.

Viele Menschen fühlen sich überfordert von stets neuen Veränderungen. Was raten Sie ihnen?

Meine erste Empfehlung ist: reden. Menschen, die ihre Geschichte nicht erzählen können, vereinsamen. Wer im Chor singt, im Verein mitmacht, Kontakt zu den Nachbarn oder zu anderen Generationen pflegt, lebt glücklicher. Er spürt, dass er gebraucht wird, dass er Einfluss und Wirkmächtigkeit hat. Die Aufklärung hat uns vermittelt: Wenn ich faul oder feige bin, laufe ich Gefahr, in Unmündigkeit zu versinken. Wenn ich mich aber umfassend informiere und begründet Position beziehe, werde ich mündiger und aktiver Teil unserer Gesellschaft. Eine Demokratie braucht Demokraten, die sie verteidigen. Freya von Moltke aus dem deutschen Widerstand hat mir kurz vor ihrem 100. Geburtstag gesagt: „Die Weimarer Republik ist letztlich zugrundegegangen, weil die Deutschen das Gefühl verloren hatten, für ihre Gesellschaft selbst verantwortlich zu sein.“ Jeder Einzelne ist verantwortlich! 

Sie ziehen Parallelen von der Situation heute zum Aufstieg der Nazis. Sind die Zeiten ähnlich?

Man kann sie nicht gleichsetzen. Sonst würde man die NSDAP und den Nationalsozialismus verharmlosen. Aber vergleichen darf man. Wenn der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke heute von der Afrikanisierung und Islamisierung Deutschlands spricht, steckt dahinter genau dieser Rassismus, als Gruppe mehr wert zu sein und besser zu sein als andere. Wenn die AfD einen Unterschied macht zwischen dem Volkssouverän, auf den sie sich beruft, und dem Staatsvolk unseres Grundgesetzes, zu dem eben alle deutschen Staatsbürger gleichberechtigt gehören, dann sage ich: Das hatten wir schon, als deutsche Juden mit einem Mal ausgegrenzt und später ermordet worden sind. Wenn die Kontrolle der Kultur und der Medien wie in China propagiert wird, hatten wir auch das schon. Lesen Sie, was Leute aus der AfD schreiben!

Dieser Impuls, auf die Straße zu gehen, ist höchst erfreulich und auch emotional berührend. Dabei kann es aber nicht bleiben.

Zum Beispiel ?

Ich habe das Buch von Maximilian Krah, dem Spitzenkandidaten für die Europawahl, gelesen, was mir nicht leichtfiel. Alexander Gauland bezeichnet es im Vorwort als die Existenzbegründung der AfD. Darin steht so viel Rassismus, Feindseligkeit und Hass: Frauen seien weniger intelligent als Männer, Schule dürfe nicht werteorientiert erziehen, wir müssten aus der Europäischen Union austreten. Und es steckt darin eine große Vorliebe für autoritäre Systeme wie Russland oder China. Jetzt sind massenhaft Menschen gegen die AfD auf die Straße gegangen. Reicht das aus? Als 1977 in Osnabrück die jüdische Synagoge mit einem Hakenkreuz beschmiert wurde, habe ich als Schülersprecher einen Schweigemarsch organisiert mit dem SPD-Oberbürgermeister und dem Deutschen Gewerkschaftsbund. Wir wollten ausdrücken: Diesmal lassen wir euch nicht allein. Genau dieses Gefühl habe ich jetzt bei den Demonstrationen. Die Mitte der Gesellschaft geht auf die Straße. Wir lassen nicht zu, dass Dinge wieder sagbar und geplant werden, die in diesem Land vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte unerträglich sind. Dieser Impuls, auf die Straße zu gehen, ist höchst erfreulich und auch emotional berührend. Dabei kann es aber nicht bleiben.

Was muss geschehen?

Die Menschen müssen jetzt alle wählen gehen, für demokratische Parteien und für Europa stimmen, sich in Parteien engagieren. Ich bin 1959 geboren, jetzt 64 Jahre alt und hatte wie alle anderen dieses Jahrgangs ein Leben in Frieden und wir haben die Einheit als Höhepunkt unseres Lebens erlebt. Derjenige, der 1959 64 Jahre alt war, hatte ein ganz anderes Leben – mit 19 in den Ersten Weltkrieg, Weltwirtschaftskrise, Nazizeit, Holocaust, mit 44 in den 2. Weltkrieg, zerstörtes Deutschland, Wiederaufbau. Ich möchte nicht, dass meine Kinder die Erfahrungen machen, die unsere Vorfahren gemacht haben. Unsere Kinder sind meine große Motivation. Ich unterschätze allerdings nicht die Größe der Aufgabe. Denn Kurt Tucholsky hat gesagt: „Erfahrungen vererben sich nicht; die muß jeder selbst machen.“ Unsere Kinder sollen aber nie wieder die Erfahrung von Krieg und Nationalismus, Rassismus und Kampf gegen Minderheiten machen.

Was heißt das konkret?

Ich wünsche mir, die demokratischen Parteien würden die Bürgerinnen und Bürger jetzt persönlich zu Veranstaltungen einladen, sie dabei einbinden: Was können wir tun gegen Fatalismus und Weltuntergangsstimmung? In meiner Krise habe ich die meisten Briefe aus christlichen Kreisen bekommen. Christen haben eine Orientierung, dem Schwächeren, dem am Boden Liegenden beizustehen. Die Kirchen verlieren leider wie Gewerkschaften und Parteien an Mitgliedern. Aber ohne christliche Politiker wie Robert Schuman, Alcide de Gasperi und Konrad Adenauer, ohne die deutschen und polnischen Bischöfe, ohne Johannes Paul II. und ohne die Montagsgebete in der DDR mit diesem unglaublichen Mut, den die Menschen in den Kirchen bekommen haben, hätte sich unsere Geschichte nicht so positiv entwickelt, wie sie sich dann bei den Montagsdemonstrationen entwickelt hat.

Welche Rollen können die Kirchen und die Christen heute spielen?

Ich fand sehr mutig und wichtig, dass die ostdeutschen Bischöfe in einem offenen Brief klargestellt haben, dass die Menschenwürde für jeden Menschen gilt und Christen besondere Erwartungen erfüllen müssen. Es wäre gut, wenn wir aus den Kirchen herausgingen und mit Menschen ins Gespräch kämen. Kirchen sollten eine aktive Rolle einnehmen. Es muss uns Politikern nicht immer behagen, was sie sagen. Sie sollten Stachel in unserem Fleisch sein.

Zum Schluss noch einmal zu Ihnen persönlich: Hat Ihnen der Glaube in Zeiten der Krise geholfen?

Mir hat mein Glaube mein ganzes Leben lang geholfen. Er gibt mir die Gewissheit, dass ich nicht allein, sondern eingebettet bin in die Gemeinschaft der Christen. Von dort kam in der Krise viel Beistand. Stark fand ich zum Beispiel, dass eine Nonne beim Staatsanwalt angerufen und gesagt hat: Wenn es eine Strafe gibt, zahlt sie die, ich hätte genug gelitten. Am meisten hat mir in der Krise aber der Satz von einem Pastor geholfen: „Auch jetzt noch hat Gott für dich einen Plan; nutze die Dir mitgegebenen Talente.“

Was hat dieser Satz Ihnen gebracht?

Mir wurde dadurch klar: Auch wenn du bestimmte Ämter nicht mehr hast, hast du die Verpflichtung, Deine Möglichkeiten für Gutes zu nutzen. Das mache ich als Präsident des Deutschen Chorverbandes, als Schirmherr der Deutschen Multiple-Sklerose-Gesellschaft, bei der Deutschlandstiftung Integration und mit vielen Bürgerbegegnungen. Und diese Talente, die führe ich auf den Schöpfer zurück.

Ulrich Waschki