Besuchshundedienst der Malteser in Berlin

Ein besonderer Besucher

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ein kleiner Hund wird gestreichelt
Nachweis

Fotos: Andrea von Fournier


Ein kleiner Hund bringt Freude und Wiedererkennen zu an Demenz Erkrankten und Pflegebedürftigen. Romeo ist mit seinem Herrchen im Auftrag des Malteser Besuchshundedienstes in Berlin unterwegs.

Vorsichtig, graziös und zielgerichtet bewegt sich das graue, kuschlige Knäuel auf der Bettdecke voran. Es schiebt sich zum Kopfende von Harry Wegners Bett. Dort stupst es den erhöht Liegenden mit der Nase an die Wange. Harry Wegner lächelt vergnügt und krault den kleinen Hund hinter den Ohren. Das genießt er sichtlich. Dabei kann er keine Liebkosungsdefizite haben: Gerade noch saß er auf dem Schoß der Mittachtzigerin Christel Parrhysius. Die Rentnerin hatte früher einen Dackel. Sie liebt Hunde sehr und wartet jede Woche auf den Mittwoch – und auf Romeo. Sie weiß genau, wie man Vierbeiner streichelt und der kleine Hund scheint bei ihr rasch in Tiefschlaf zu fallen. Scheint! Denn auf das kleinste Zeichen seines Herrchens steht der Hund mit dem rot-weißen Schlips sofort bereit.

Romeo ist etwas Besonderes. Das fiel seinen Zweibeinern, Publizist Daniel Gäsche und seiner Ehefrau, bereits auf, als ihr Hund noch ganz jung war. Wenn die beiden mit ihm durch den Lichtenrader Kiez liefen, war der Welpe freundlich zu jedermann, bellte niemanden an, bedrängte weder Fußgänger noch andere Hunde, sodass Mensch und Tier einen ungewöhnlich freundlichen und unkomplizierten Umgang miteinander hatten. Als Romeo, ein Bolonka Zwetna, knapp zwei Jahre alt war, las Daniel Gäsche, dass die Malteser Besuchshunde ausbilden. Seit 2013 engagiert sich der Berliner Malteser Besuchsdienst mit Ehrenamtlichen dafür, dass Pflegebedürftige Zuwendung und damit mehr Lebensqualität und Freude durch geeignete Hunde bekommen. Neben Gehorsam und hervorragendem Verständnis zwischen Tierhalter und Hund sind es Eigenschaften wie Kontaktfreude, Empathie, Gelassenheit in stressigen Situationen und keine Abneigung gegen Streicheleinheiten und Extra-Leckerli, die einen Hund prädestinieren, mit seinem Halter als Team im Auftrag der Malteser als Besuchshund zu Senioren oder Kranken zu gehen. All das konnte Daniel Gäsche bejahen und dachte sich, dass es schön wäre, die Freude, die der kleine Geselle dem Ehepaar bringt, auch anderen Menschen in weniger komfortablen oder gesundheitlich ungünstigen Lebenssituationen zu geben. Gesagt – getan, Daniel Gäsche meldete sich mit Romeo bei Reiner Stolpe, dem Einsatzkoordinator des Malteser-Besuchshundedienstes. Und fand sich mit 15 anderen Interessenten auf dem Hundetrainingsplatz wieder. Dort arbeiten die Malteser mit einer anerkannten Hundeschule für die Ausbildung zusammen.

Ruhe, Gelehrigkeit und Folgsamkeit

Die Rasse Bolonka Zwetna stammt aus Russland und verbreitete sich seit den 1980er Jahren auch in der DDR. Der Name bedeutet übersetzt „Buntes  Schoßhündchen“ und Daniel Gäsche erzählt, dass sie auch am einstigen Zarenhof sehr beliebt waren. So wie die Artgenossen damals punktet Romeo auch heute mit Ruhe, Gelehrigkeit und Folgsamkeit. Ein weiterer Pluspunkt ist, dass er nicht haart. Das ist wichtig, wenn der Hund auf seinen Besuchstouren geknuddelt und gestreichelt wird, über Bettbezüge und Kissen wieselt. Nach einem Vierteljahr Ausbildung, die an Wochenenden in Theorie und Praxis stattfand, waren noch zwölf Teams dabei. Sie hatten unter anderem den Umgang mit demenziell Erkrankten und erste Hilfe gelernt und das beiderseitige Verständnis vertieft. Wie Romeo und sein Herrchen bekamen sie ein Zertifikat und verpflichteten sich, dem Malteser Besuchsdienst für ein Jahr zur Verfügung zu stehen. Reiner Stolpe erklärt, dass es mindestens so lange brauche, um die Ausbildungskosten wieder einzuspielen. Außerdem werden ständig begleitende Kurse und Teamtreffen organisiert, was Daniel Gäsche und Romeo auch in Anspruch nehmen. Die meisten Herrchen und Frauchen bleiben mit ihren Hunden zum Glück länger als Besuchsteams dabei, etwa 40 sind es zurzeit in Berlin. Das Projekt ist ökumenisch angelegt, die Malteser sind Kooperationen mit konfessionellen sowie staatlichen und privaten Pflegeeinrichtungen eingegangen, die den Besuch der Hunde als förderlich und sinnvoll für ihre Bewohner erachten.

Daniel Gäsche und Romeo waren schon gegen Ende ihrer Ausbildung als „Dreamteam“ unterwegs bei Pflegebedürftigen. Es gibt inzwischen mehrere Berliner Anlaufstellen für sie. Heute ist es eine Wohngemeinschaft für demenziell Erkrankte, die von der Lichtenrader Diakonie getragen wird. Elf Bewohnern bietet die Station ein Zuhause, erklärt Sandra Baranowski von der Geschäftsführung. Vor knapp einem Jahr hätten sie das Angebot von Romeo und Daniel Gäsche für Besuche bekommen und einen Probetermin vereinbart. Danach stand für Sandra Baranowski fest: „Das kommt bei den Bewohnern toll an und ist auch für die Mitarbeiter eine angenehme Abwechslung.“ Nun schauen die beiden wöchentlich vorbei.

Personengruppe mit einem Hund
Ein Höhepunkt der Woche: Horst Ziemann bekommt Besuch von Romeo und seinem Herrchen Daniel Gäsche (rechts). Mit im Bild sind Sandra Baranowski (links) und Pflegehelferin Ewa Wiszowaty zu sehen.

Horst Ziemann sitzt am Tisch, wartet bis Romeo zu ihm kommt. Anfangs hätte er dem Hund „die kalte Schulter“ gezeigt, sagt Sandra Baranowski. Dabei besaß er mal einen Foxterrier. So lag die Hundeliebe vielleicht ein bisschen versteckt und kam wieder. Der Senior streicht dem Hund sanft übers Fell und singt dabei, wie früher in seinem Chor. Die positiven Veränderungen, die sich bei Horst Ziemann seit dem Umgang mit Romeo eingestellt haben, sind für seine Familie und die Mitarbeiter ganz deutlich.

Daniel Gäsche erzählt von einer über 100-Jährigen in einem anderen Heim, die seit zehn Jahren bettlägerig ist und wenige Lebensäußerungen zeigt. „Wenn Romeo auf ihr Bett springt und sie küsst, dauert es nicht lange, bis sie lächelt.“ Das sei ein wunderbarer Moment für alle.

Zu Hause praktizieren Romeo und sein Herrchen ein Prozedere, das den Hund auf „die Arbeit“ einstimmt. Er wird gebadet und Daniel Gäsche packt eine Tasche mit Zubehör: Schlips, Leine und Leckerli. Den Schlips bekommt der Kleine direkt vor der Tür umgelegt – das ist sein Startsignal und offensichtlich weiß er ganz genau, was nun zu tun ist. Nach der Stunde sind alle zufrieden und geschafft. Pflegehelferin Ewa Wiszowaty gibt Romeo eine Scheibe Wurst, die er umgehend verputzt. Und alle freuen sich schon auf die kommende Woche.

Andrea von Fournier