Flüchtlingsberater beim Jesuiten-Flüchtlingsdienst
Der Türöffner
Foto: Michael Burkner
Sein Porträtbild soll in der Kirche Sankt Canisius entstehen. Dort fühlt sich Sabbi Zongo wohl, dort geht er regelmäßig zum Gottesdienst. Doch die Tür ist verschlossen. „Sehen Sie, das meinte ich“, sagt er mit einem schmalen Lächeln, denn erst wenige Minuten zuvor hat er seinen Unmut über die vielen verschlossenen Kirchentüren in Deutschland geäußert. Jetzt läuft er schnellen Schrittes durch die Sonne zurück zu den Büroräumen des benachbarten Jesuiten-Flüchtlingsdienstes, um einen Schlüssel zu holen. Denn Sabbi Zongo öffnet gerne Türen.
Die Tür nach Deutschland öffnen
Sabbi Zongo wuchs mit neun Geschwistern im westafrikanischen Burkina Faso auf. Seine Familie gehörte einer traditionellen Naturreligion an, Rituale wie Tieropfer zur Kommunikation mit den Ahnen prägten sein Glaubensleben. Das änderte sich, als er als Jugendlicher zu seinem älteren und katholisch getauften Bruder zog, um das Abitur zu machen. Dort lernte er eine christliche Spiritualität kennen, die ihn schnell ansprach. „Durch meinen Bruder habe ich Jesus Christus kennengelernt. Das war unglaublich und dafür bin ich bis heute dankbar“, erinnert er sich und faltet zum Dank die Hände. Auch sein Deutschlehrer, ein Christ, hatte großen Einfluss auf ihn: „Er hat jeden Mittag mit uns zusammen gebetet. Das hat beim Studium sehr geholfen. Er war ein großes Vorbild für mich und ich wollte so sein, wie er“, sagt Sabbi Zongo. Und tatsächlich begab er sich auf seine Spuren: Er ließ sich taufen und firmen – und er studierte ebenfalls Germanistik.
Anschließend unterrichtete Sabbi Zongo fünf Jahre als Deutschlehrer unter den prekären Bedingungen, die die Bildung des armen Landes prägen: Trotz der hohen Schulgebühren gibt es zu wenige Schulen, in manchen Klassen sitzen bis zu 100 Schüler. Es fehlt an Lernmaterialien und Ausstattung, manchmal sogar an Wasser und Strom. Sabbi Zongo stellte sich den Herausforderungen und verband die Weitergabe der deutschen Sprache mit der seines Glaubens: „Wir haben mittags gemeinsam gebetet und oft deutsche katholische Lieder im Deutschclub gesungen“, erzählt er und beginnt, mit seiner leisen, zurückhaltenden Stimme „Gottes Liebe ist so wunderbar“ und „Oh Tannenbaum“ zu singen und dabei leicht mit dem Stuhl zu wippen.
Nach fünf Jahren verließ er das Klassenzimmer wieder, organisierte anschließend für das Goethe-Institut vor Ort Seminare für Lehrer, Workshops für Schüler, sowie Spenden- und Stipendienprogramme. Später übernahm er zusätzlich eine Position in einem EU-geführten Projekt, das Menschen berät, die als Fachkräfte nach Deutschland auswandern möchten. „Deutschland wird von vielen in Burkina Faso als beispielhaft gesehen“, sagt er. Seine Aufgabe bestand darin, die Tür ins Unbekannte ein wenig zu öffnen und auf interkulturelle Kommunikation, Arbeitskultur und das Leben in Deutschland vorzubereiten. „Auch die Bedeutung von Ordnung, Pünktlichkeit und Ehrlichkeit war uns wichtig. Deutschland ist ein ehrliches Land, genauso wie Burkina Faso. Ebenso war das Wetter ein wichtiges Thema. Manchen war nicht bewusst, wie kalt es in Deutschland im Winter ist“, erinnert sich Sabbi Zongo. Anfang des Jahres zog er dann selbst nach Berlin, als Flüchtlingsberater. Die Tür zu einem neuen Lebensabschnitt öffnete sich auch für ihn.
Die Tür zu Jesus Christus öffnen
Was sich hinter dieser Tür verbergen würde, wusste Sabbi Zongo damals bereits ein wenig. Schon während eines Besuchs in Deutschland lernte er den Jesuiten-Flüchtlingsdienst in Berlin-Charlottenburg kennen, der damals einen Berater in der Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete in Wünsdorf, südlich von Berlin suchte. Ein Gespräch mit der Leitung ergab: „Die Jesuiten und ich teilen die selben Werte. Wir wollen Menschen unterstützen, unabhängig von ihrer Herkunft, Hautfarbe oder Religion.“ Seit einigen Monaten arbeitet Sabbi Zongo mit dem Jesuitenpater Jan Korditschke als Berater in Wünsdorf. Vor Ort bieten sie Gespräche an, um Türen zu Jesus Christus zu öffnen. Zusätzlich organisiert Sabbi Zongo Kontakte zu den umliegenden Kirchen und anderen Religionsgemeinschaften und unterrichtet Deutsch. Im Berliner Büro kümmert er sich um die Vorbereitung von Behördengängen und führt Beratungsgespräche. Weil er selbst erst seit Kurzem in Deutschland lebt, helfen seine persönlichen Erfahrungen dabei, die Sorgen der Menschen zu verstehen.
Denn Sorgen haben die gut 1000 Flüchtlinge, die monatelang in Wünsdorf auf ihre Aufenthaltserlaubnis warten, genug: Unsicherheit und fehlende Perspektiven belasten, ebenso traumatische Erinnerungen an die Kriege in ihrer Heimat und die Flucht. „Dann hilft es, wenn wir von Jesus Christus erzählen, der für alle da ist, egal, woher sie kommen“, sagt Sabbi Zongo. In den Gesprächen erfährt er, dass viele der Flüchtlinge arbeiten wollen würden, um sich zu integrieren und selbstständig zu sein. Doch sie bekämen keine Arbeitserlaubnis. „Ich muss ihnen erklären, dass ich das auch nicht verstehe. Aber ich bin nicht der Entscheider“, sagt Sabbi Zongo.
Dass der Glaube dann Halt und Stütze geben kann, erlebt er auch selbst in der noch etwas neuen Umgebung. „Ich bete jeden Tag und gehe sonntags in den Gottesdienst. Meistens hier in Sankt Canisius, manchmal auch in der französischsprachigen Gemeinde“, sagt er. In Burkina Faso seien die Gottesdienste voll und bunt und man müsse früh kommen, um noch einen Sitzplatz in der Kirche zu ergattern. In Berlin findet er es schade, dass viele Kirchen tagsüber geschlossen sind, wie er wenig später ein weiteres Mal erfahren soll. Deshalb empfiehlt er der deutschen Kirche: „Wir sollten viel singen und besonders die Kinder in die Gottesdienste bringen, damit sie Jesus Christus kennenlernen können.“ Christen sollten ihren Glauben mehr öffentlich leben. „Die Welt braucht die katholische Kirche und wir sollten zeigen, dass wir froh sind, Katholiken zu sein und Jesu Werke weiterentwickeln wollen.“ Es sind Ideen, die Türen öffnen könnten, um wieder mehr Menschen in Kirchen und ihren Einrichtungen zu versammeln. Denn Sabbi Zongo ist eben gerne ein Türöffner.