Pastoraltheologe Franz Georg Friemel
Im Herzen ein Görlitzer
Foto: Johanna Marin
In manchen Gemeinden fischt der Priester es unter seinem Sitz hervor. In anderen hält der Lektor es in der Hand, oder es liegt aufgeschlagen und bereit auf dem Ambo: das kleine rote Fürbittbuch „Das Gebet der Gläubigen – Fürbitten“ von 1978. Der Verfasser ist inzwischen 95 Jahre alt und kann auf 70 Jahre Priestertum zurückblicken.
Franz Georg Friemel sitzt auf einem Stuhl in seinem kleinen Zimmer im Erfurter Pflegeheim. Ein Adventskranz steht auf dem Tisch und ein großes Kreuz gegenüber vom Bett. „Für die Leute, die im Gottesdienst beten, ist es wichtig, dass nicht immer für das Gleiche gebetet wird“, sagt der emeritierte Professor für Pastoraltheologie, „deshalb habe ich ein Buch dazu geschrieben – das ging damals ziemlich gut weg.“ Er lacht: „War ein Erfolg, kann man so sagen.“ Inzwischen gebe es viele solcher Bücher – damit für alle was dabei ist.
Die Sache mit der Priesterweihe
Wieso er eigentlich Priester werden wollte, kann er gar nicht mehr genau sagen, zu lange ist die Entscheidung her. Doch dass der Wunsch sich schon zum Abitur angedeutet hat, weiß er noch: „Nachdem ich mich entschieden hatte, dass ich es mal mit Theologie probieren wollte, war die Sache mit der Priesterweihe für mich auch entschieden.“ Im Priesterseminar in Neuzelle wurde er im Dezember 1955 zum Priester geweiht – und ist inzwischen der zweitälteste des Bistums Görlitz. Seit fünfzig Jahren ist er auch in Erfurt tätig und wohnt seit vielen Jahren dort. Nichtsdestotrotz sieht er in Görlitz seine Heimat: „Ich bin ein Priester der Diözese Görlitz. Und wo ich auch hin fahre – selbst wenn ich jetzt nach New York fahren würde – bin ich immer noch Görlitzer.“
Weil das kleine Bistum bis 1945 Teil des Erzbistums Breslau war, gehörten ihm ursprünglich noch viele Breslauer Priester an, erzählt Franz Georg Friemel. Er selbst wurde 1930 im schlesischen Waldenburg geboren und später vertrieben. Doch nicht nur dem Bistum Görlitz – er scheint vielen Stationen seines Lebens noch immer eng verbunden zu sein. Auf seinem Schränkchen stehen Bilder: ein Gemälde der Landeskrone von Görlitz, ein Kupferstich der westfälischen Stadt Gronau, in der er nach der Vertreibung aufwuchs; dazwischen Fotos seiner Geschwister. Am Rand steht ein Gemälde des thüringischen Wünschendorfs, ganz versteckt ist darauf eine Brücke zu erkennen. „Das habe ich als Schüler gemalt“, sagt Franz Georg Friemel und studiert es eingehend. „Es lag auf einem Berg an der Elster. Über den Fluss führte diese mit Holz überdachte Brücke. Durch das Dach hält sie länger.“
Ein abwechslungsreiches Priesterleben
Lange gehalten hat auch sein Wirken im Bistum Görlitz. Was seine schönste Erinnerung aus der Zeit sei? „Das hat mich ja noch keiner gefragt“, gibt er lachend zur Antwort, „das war einfach alles selbstverständlich.“ Nach seiner Kaplanszeit wurde er Diözesanjugendseelsorger und von 1966 bis 1971 Subregens am Neuzeller Priesterseminar. Es folgte eine Zeit als Pfarrer der St.-Hedwigs-Gemeinde in Görlitz, bis er 1975 den Ruf als Professor für Pastoraltheologie und Religionspädagogik in Erfurt erhielt. „Eine zeitlang hatte ich beides – die Pfarrei in Görlitz und den Lehrstuhl in Erfurt“, sagt er, „zum Glück lief das irgendwann aus!“ Das ständige Hin- und Herfahren sei anstrengend gewesen, aber dennoch auch eine schöne Zeit. Im Jahr 2000 ernannte der damalige Bischof Rudolf Müller – ebenfalls ein vertriebener Schlesier – ihn zum Ehrendomherrn des Görlitzer Domkapitels.
Franz Georg Friemel hat in seinen 70 Jahren als Priester viel erlebt – unter anderem auch die Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils und die Liturgiereform. Priester hielten die Messe von nun an mit dem Gesicht zum Volk. „Mit der Reform fing das Konzil damals an – mit irgendwas mussten sie ja anfangen. Und die Liturgie war das am geringsten angefochtene Thema. Da konnten die sich erstmal alle kennenlernen“, vermutet Friemel. Für ihn selbst war die Liturgiereform eine Freude. „Der alte Ritus war vielleicht etwas verknöchert“, sagt er und kichert über seine eigene Wortwahl.
Der Gottesdienst ist ihm noch immer wichtig und heute besucht Friemel die heiligen Messen in seinem Seniorenheim. Aber was betet jemand, der Fürbittbücher für diverse Anliegen geschrieben hat, eigentlich selbst am liebsten? Der Priester überlegt: „Das Vaterunser scheidet ja aus… das gehört einfach dazu.“ Ein Lieblingsgebet kann er auf die Schnelle nicht nennen. Dafür fällt ihm sein Lieblingsheiliger ein: der heilige Antonius von Padua! „Der ist, wie die Leute sagen, der Zuständige der Latschliesen“, erklärt Friemel. Wer Dinge vergessen oder verlegt hat, kann ihn um seine Fürsprache bitten. Und dann lacht Franz Georg Friemel mit wachen Augen und sagt: „Das ist der wichtigste Patron, den man haben kann!“
Einige Stationen aus seinem Leben
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1930: geboren in Waldenburg, Schlesien, nach der Vertreibung aufgewachsen in Gronau, Westfalen
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1955: Priesterweihe für das Bistum Görlitz
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1959-1964: Diözensanjugendseelsorger im Bistum Görlitz
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1966-1971: Subregens am Priesterseminar Bernhardinum in Neuzelle
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1971-1975: Kuratialpfarrer in Görlitz, St. Hedwig, Promotion zu Johann Michael Seiler, Theologe der Aufklärung
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ab 1966: akademische Lehrtätigkeit
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1975: Dozent beim Philosophisch-Theologischen Studium in Erfurt
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1978-1997: Professor für Pastoraltheologie
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1975-2003: Seelsorger in Erfurt-Stotternheim