75 Jahre TAG DES HERRN
Ein Wegbegleiter – seit 75 Jahren
Fotos: Archiv TAG DES HERRN
Redaktionssitzung 1971 im analogen Zeitalter (von links): Wilhelm Erben, Josef Gülden, Elfride Kiel, Sybille Ziemann und Rosemarie Zwonke.
Es war der 27. Mai 1951, als die Menschen die folgenden Zeilen lesen konnten: „Die Stunde ist also gekommen, in der die Stimme der Kirche, der Mutter aller Gläubigen, uns auch wieder auf diesem Wege erreichen kann…“
An diesem Fronleichnamssonntag vor nunmehr 75 Jahren hielten sie die erste Ausgabe der neuen katholischen Kirchenzeitung TAG DES HERRN in den Händen. Für heutiges Verständnis wohl etwas zu pathetisch formuliert, waren dies unter der Überschrift „Zum Geleit“ die ersten Zeilen eines in Druck gegangenen Wunschprojekts des St. Benno Verlags und das Ergebnis beharrlichen Ringens der Verlags-Verantwortlichen mit den stets eher kirchenfeindlich eingestellten staatlichen Stellen der noch jungen DDR.
So blieben dann auch gleich die Wünsche, was Seitenzahlen und Auflagenhöhe betraf, von Anfang an unerfüllt. Der Abschluss zäher Verhandlungen sah ein achtseitiges Kirchenblatt vor, das allerdings nur alle 14 Tage mit einer Auflage von 100 000 Stück erschien. Was auf Seiten des Verlags nur als vorübergehende Lösung angesehen wurde, blieb letztlich bis Ende 1988 so bestehen. Das Verbreitungsgebiet des neuen Mediums umfasste die gesamte DDR mit Ausnahme des Bistums Berlin, welches mit dem St. Hedwigsblatt über eine eigene Bistumszeitung verfügte. Der TAG DES HERRN konnte ausschließlich per Abonnement bezogen werden. Ein öffentlicher Verkauf, etwa am Zeitungskiosk, war im sozialistischen Staat nicht vorgesehen.
Gedichte ja, Gesellschaftspolitik nein
Als kirchliches Sprachrohr sah sich die Zeitung, mit hohem Anspruch an sich selbst. Nach Möglichkeit wollte man allen Gruppen und Schichten in der Kirche gerecht werden. „Jede Nummer will sein eine bunte Schüssel, die jedem etwas bringt“, fasste es Wilhelm Erben, Priester und einer der leitenden Redakteure jener Zeit, Jahre später in einem Rückblick im Blatt selbst zusammen. „Im TAG DES HERRN, wie im Programm des Verlags, standen Seelsorge und Verkündigung im Vordergrund“, schreibt Elisabeth Preuß in ihrem Buch „Die Kanzel in der DDR – Die ungewöhnliche Geschichte des St. Benno Verlages“. Ins Blatt kamen Gebetstexte, meditative Betrachtungen oder solche über kirchengeschichtliche Ereignisse. Predigten und Hirtenworte fanden in Gänze oder in Auszügen ihren Platz. Protestbriefe der Bischöfe an die DDR-Regierung wurden auf diese Weise bekanntgemacht. Auch Kurzgeschichten, Gedichte oder Romanbesprechungen waren nichts Ungewöhnliches. Nicht besprochen werden durften hingegen gesellschaftspolitische Themen, wollte man keine teilweise oder sogar komplette Beschlagnahmung der Auflage riskieren.
Die Zeitung fand bei den Katholiken im Osten Deutschlands schnell großen Anklang. Die Abonnentenzahlen stiegen rasch. Ab Jahresbeginn 1956 unterbanden die DDR-Behörden den Versand des Blattes auf einem anderen Weg als den durch die Deutsche Post. „Mit dieser Maßnahme verfolgte die Regierung die völlige Kontrolle der gesamten Auflage“, schreibt Elisabeth Preuß in ihrer Verlagsgeschichte. Und weil sämtliche Namen und Anschriften der Abonnenten bei den Postämtern eingereicht werden mussten, war dem Regime somit jeder, der das Kirchenblatt las, genau bekannt. Staatliche Zensurversuche trafen selbstredend auch die Kirchenzeitung. Weil die Post die Zeitungen vertrieb, konnte sie vorher vom DDR-Presseamt gelesen werden. Gab es etwas zu beanstanden, erhielt die Ausgabe keine Freigabe, sondern drohte, eingestampft werden zu müssen. Dieses System der Nachzensur förderte wiederum die Selbstzensur in der Redaktion. Sollte das Blatt pünktlich und vollständig zum Leser gelangen, durften keine unerwünschten Äußerungen abgedruckt werden.
Viel Aufmerksamkeit widmete die Redaktion dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Chefredakteur Gülden durfte nach Rom reisen und berichtete ausführlich vom Konzilsgeschehen in den 1960er Jahren. Auch mit inhaltlichen Diskussionen waren die Zeitungsmacher der Nachkonzilsjahre bereits konfrontiert. Versuchten sie, mehr sogenannte progressive Themen ins Heft zu nehmen, kam nicht selten Gegenwind aus den Reihen mancher Amtsträger und von eher konservativen Gläubigen. Zu jener Zeit versuchte der TAG DES HERRN nicht nur umfassend zu informieren. Das Kirchenblatt sah sich vielmehr in der Rolle, auch zu belehren und mitunter auf schlichte Weise zu unterhalten, so fasst es Elisabeth Preuß in „Die Kanzel in der DDR“ zusammen. Franz-Peter Sonntag sah sich 1972 bei seinem Antritt als Chefredakteur mit diesem Problem einer heterogeneren Leserschaft und wachsender Ansprüche konfrontiert. Er entschied, so zitiert ihn Preuß im Buch, dass „der Akzent mehr auf Sachlichkeit denn auf Erbauung und Unterhaltung gelegt“ werden solle.
Ab 1978 dauerte es nach technischen Umstellungen dann „nur noch“ zehn bis 14 Tage, bis eine Ausgabe hergestellt wurde, statt wie zuvor vier Wochen. Und ab Januar 1989 erschien der TAG DES HERRN mit seinen acht Seiten dann endlich wöchentlich – so, wie es eigentlich seit 1951 geplant war.
Von der Zeitung zur Zeitschrift
Die politische Wende 1989/90 mit ihren Veränderungen und dem oftmals dynamischen Geschehen hinterließ auch bei der Kirchenzeitung ihre Spuren. Ein noch zu DDR-Zeiten einsetzender Abonnentenrückgang verstärkte sich zum Teil dramatisch. Trotzdem stieg die Zahl der Seiten ab 1991 von acht auf 24. Erste Kooperationsbestrebungen mit den Zeitungen der Bistümer Hildesheim und Osnabrück ließen diese beiden Verlage 1991 für rund drei Jahre kurzzeitig zu Gesellschaftern des St. Benno Verlages werden. „Die Vereinbarung sah eine gewisse Arbeitsaufteilung bei überregionalen Themen vor“, sagt Michael Birkner, Geschäftsführer des St. Benno Verlags, „dies mündete 1994 in der Gründung der NOV, der Nord-Ostdeutschen Verlagsgesellschaft.“ Damit änderte sich auch das Erscheinungsbild der Zeitung: Während zuvor die Kooperation und der Austausch redaktioneller Beiträge eher auf Absprachen beruhte, war die NOV nun Träger einer Zentralredaktion, welche für die überregionalen Themen zuständig war. Deren Umfang betrug immerhin die Hälfte der Seiten. Die zweite Hälfte mit den regionalen Nachrichten aus den Ost-Bistümern entstand weiterhin in Leipzig.
Seit September 1996 erschien der TAG DES HERRN zudem in vier Regionalausgaben, in denen über Wechselseiten den jeweiligen Herausgeberdiözesen mehr Platz eingeräumt werden konnte. „Eine derartige Kooperation von Kirchenzeitungen hatte es bis dahin in Deutschland noch nie gegeben, auch nicht bei evangelischen“, erinnert sich Michael Birkner.
Zum 1. April 2014 übernahm der St. Benno Verlag dann die Berliner Kirchenzeitung. Für das Erzbistum Berlin erschien seitdem die fünfte Regionalausgabe des TAG DES HERRN. Zwischen 1991 und 2024 erfuhr das Blatt diverse Formatveränderungen. Lesegewohnheiten änderten sich, Layout-Vorgaben wurden an neue technische Möglichkeiten angepasst. Alles in allem blieb das Endprodukt eine Zeitung mit 20 bis 24 Seiten. Im April 2024 folgte dann ein größerer Schritt: Der TAG DES HERRN wandelte sich in eine Zeitschrift. Kleiner und kompakter im Format, neuer Seitenaufbau, anderes Papier, 64 Seiten alle zwei Wochen – fast schon eine Neuerfindung. Was bleibt: In einer noch vergrößerten Kooperation von inzwischen 16 Bistümern produziert die Osnabrücker Zentralredaktion weiterhin eine Hälfte mit den überregionalen Seiten, die Leipziger Redakteure berichten Wissenswertes aus den ostdeutschen Diözesen.
„Schon seit längerem beobachten wir, wie die Zahl aktiver Katholiken in den Gemeinden zurückgeht. Das führte auch zu einem Rückgang unserer Auflage“, sagt Verlagsgeschäftsführer Birkner. „Wir müssen daher Kostensteigerungen im Blick behalten. Gleichzeitig wollen wir jedoch Themen ausführlicher und vertiefter betrachten, auch regionale. Das wäre mit dem bisherigen Zeitungsformat faktisch unmöglich gewesen“, so Birkner. Die Vorteile, die das neue Magazinformat mitbringt, haben inzwischen auch weitere Diözesen erkannt, und die Kooperation ist beständig gewachsen.
Glaubenshilfe, Gemeinschaft, Lebenshilfe
„Der TAG DES HERRN ist die mit Abstand preiswerteste Kirchenzeitschrift in Deutschland“, sagt Michael Birkner. „Dies gelingt, weil sie durch den in vielen Geschäftsfeldern erfolgreich agierenden St. Benno Verlag gestützt wird. Nach wie vor kommt das Blatt ohne Subventionen seiner Herausgeberdiözesen aus“, betont er.
Von Anfang an sind die Bischöfe der seit den 1990er Jahren in der heutigen Form bestehenden fünf Ost-Bistümern die Herausgeber der Zeitung, nun Zeitschrift. Birkner: „Der TAG DES HERRN versteht sich als Medienpartner der Diözesen für die innerkirchliche Kommunikation und als Multiplikator für ihre pastoralen Aktivitäten.“ Er sieht die Zeitschrift dabei heute vor schwierigeren Bedingungen stehen als in früheren Jahren: „Jahrzehntelang gaben die Amtskirche und die Bischöfe eher die Linie vor, der die Gläubigen folgen sollten“, sagt Birkner, der bereits seit den 1980er Jahren im Verlag tätig ist. „Die Gemeindemitglieder zeichnen sich heute zu Recht durch heterogene Meinungsbilder aus. Sie haben aber auch eine gestiegene Erwartungshaltung an die Kirche und an ihre Glaubensbrüder und -schwestern, ihre jeweiligen eigenen Überzeugungen zu teilen. Das kann zu Polarisierung, Intoleranz und Abgrenzung führen, die die Vielfalt der Kirche untergräbt. Bezogen auf unsere Zeitschrift heißt das: Entweder, ich finde hier meine Meinung bestätigt, oder ich bestelle sie ab.“
Über die Jahrzehnte unverändert geblieben ist dabei jedoch der Lesernutzen, also der Mehrwert, den die Beiträge und Texte im TAG DES HERRN allen Lesern bieten möchte: Gemeinschaft, Glaubenshilfe, Lebenshilfe und Orientierung für die katholischen Christen unter den hiesigen Diaspora-Bedingungen.

Hintergrund
Chefredakteur in den ersten zwei Jahrzehnten war Josef Gülden. Der Oratorianer verantwortete bis Mitte der siebziger Jahre auch als Cheflektor alle Veröffentlichungen des St. Benno Verlages.
Ihm folgte 1973 als Chefredakteur Franz Peter Sonntag nach, ebenfalls dem Leipziger Oratorium des Heiligen Philipp Neri angehörig. Er leitete die Redaktion bis kurz vor seinem Tod im Frühjahr 1987. „Der Chefredakteur musste auf jeden Fall ein Geistlicher sein“, sagt Michael Birkner, seit 1995 Geschäftsführer des Verlags. Die Oratorianer, so Birkner, hätten zudem pastoral und theologisch eine herausragende Bedeutung für die Kirche in der DDR gehabt – daher auch die Wahl Leipzigs als Standort für Verlag und Redaktion. Gottfried Swoboda, Chefredakteur von 1987 bis 1995 war kein Oratorianer mehr, aber ebenfalls Priester. Erst mit dessen Nachfolger, Matthias Holluba, durfte ein Laie die journalistische Verantwortung übernehmen. Holluba begleitete die Zeitung in seiner längeren Amtszeit durch viele Veränderungen, bis ihn 2022 eine Krankheit unerwartet aus dem Leben riss. Im Jahr darauf übernahm Dorothee Wanzek die Redaktionsleitung. Sie verließ den Verlag 2025 auf eigenen Wunsch. Seitdem organisiert sich das Redaktionsteam in allen inhaltlichen und wichtigen administrativen Fragen selbst.