"Wir müssen sprachfähig werden"
Abende für Demokratie in Oesede
Warum ist das Thema Demokratieförderung für Sie als Bildungshaus so ein dringliches Anliegen?
Judith Soegtrop-Wendt: Wir erleben in der Gesellschaft einen spürbaren Rechtsruck und eine zunehmende Polarisierung. Die Bereitschaft zum echten, wertschätzenden Diskurs nimmt ab. Das spüren wir auch im Bildungsalltag. Es passiert bei uns, dass wissenschaftliche Fakten als „manipulativ“ abgetan werden und Gesprächspartner keine gemeinsame Basis mehr finden, auf der sie sachlich diskutieren können. So gerät unsere Demokratie in Gefahr. Als Bildungshaus können und wollen wir da nicht wegschauen. Wir stehen in der Verantwortung, Räume für respektvollen Austausch zu schaffen und Haltung zu zeigen.
Als katholische Einrichtung positionieren Sie sich damit politisch sehr deutlich. Gab es dafür einen bestimmten Anlass?
Judith Soegtrop-Wendt: Ein ganz wesentlicher Rückhalt war für uns das klare Wort der Deutschen Bischofskonferenz, dass rechtspopulistische und völkische Positionen für Christen nicht wählbar sind. Diese klare Kante der Kirche hat uns den Rücken gestärkt. In der politischen Bildungsarbeit gibt es oft eine Scheu vor klarer Positionierung, weil man meint, um jeden Preis „neutral“ sein zu müssen. Wir als kirchliche Einrichtung können und müssen hier früher und klarer sagen, wo die Gefahren für die Menschenwürde und ein friedliches Miteinander liegen. Wir müssen sprachfähig werden.
Sie haben auch ein intensives Team-Coaching durchlaufen …
Judith Soegtrop-Wendt: Wir mussten uns im Team erst einmal selbst vergewissern: Wo ziehen wir rote Linien? Wie gehen wir mit schwierigen Situationen um? Dass diese Vorbereitung nötig war, hat sich schnell gezeigt. Bei einem unserer Abende saß plötzlich eine lokale Vertreterin der AfD im Publikum und verteilte Flyer. Früher hatten wir solche Situationen nicht.
Durch das Coaching im Rahmen des Projekts „Miteinander reden“ der Bundeszentrale für politische Bildung haben wir gelernt, wie wir handlungsfähig bleiben, wie wir das Hausrecht rechtlich sicher nutzen können und wie wir als ganzes Haus – von der Pädagogik bis zur Leitung – geschlossen auftreten. Für sensible und hochemotionale Themen wie Rassismus haben wir inzwischen sogar ein eigenes „Awareness-Team“ gebildet, das betroffenen Gästen bei Bedarf sofort zur Seite steht. Wir lernen hier also selbst ständig dazu.
Die Abende werden gut angenommen. Beim Thema Frauenbilder im Rechtspopulismus kamen über 100 Menschen. Was nehmen die Gäste aus diesen Abenden mit?
Judith Soegtrop-Wendt: Vor allem ein Gefühl der Gemeinschaft und des Empowerments – also der gegenseitigen Bestärkung. Als wir die Reihe im letzten Sommer aufgrund der ausgelaufenen Finanzierung auslaufen lassen wollten, sagten uns Teilnehmer: „Bitte hört nicht auf. Das tut so gut und stärkt uns den Rücken, wir fühlen uns sonst so allein gelassen.“ Es kommen viele Menschen zu uns, die sich in ihrem Alltag, im Beruf oder im Verein gegen rechte Sprüche einsetzen wollen, aber oft unsicher sind, wie sie reagieren sollen. Über Einzelförderprogramme der Bundeszentrale konnten wir nun neue Finanzierungsquellen sichern.
Am 1. Juli startet der nächste Abend für Demokratie. Was erwartet die Besucher?
Judith Soegtrop-Wendt: Zu Gast ist Suraj Mailitafi – Speaker, Content Creator und Referent für Antirassismus und politische Bildung. Er setzt sich für Antirassismus, Chancengleichheit und soziale Gerechtigkeit ein. Er wird über persönliche Erfahrungen berichten, aktuelle gesellschaftliche und politische Entwicklungen analysieren berichten und die Rolle von Schulen, Politik und Medien beleuchten. Dabei zeigt er Wege auf, wie Empowerment für Menschen mit Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen gelingen kann – und wie wir gemeinsam zu einer solidarischen Gesellschaft beitragen können. Es ist uns ein Herzensanliegen, dazu beizutragen, dass unser Land seine demokratische Mitte behält und stärkt.
Der "Abend für Demokratie" findet im Rahmen der Dorfakademie-Reihe statt am 1. Juli von 19 bis 21,30 Uhr in der Katholischen LandvolkHoschule Oesede, Gartbrink 5, 49124 Georgsmarienhütte-Oesede. Weitere Informationen und Anmeldung hier.