Dieter Köcher erzählt die "einmalige Geschichte von Weihnachten"

Bei der Krippe in Telgte

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Ein Mann vor einer Krippe
Nachweis

Fotos: Stefan Branahl

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Krippenführer Dieter Köcher weist gerne auf Details hin: Hier packen junge Leute vor einer Ruinenmauer die heilige Familie aus ihrem Rucksack aus, dort ist es die aufmerksame Haltung Marias, als der Engel ihr verkündet, sie werde den Sohn Gottes zur Welt bringen.

Seit 30 Jahren führt Dieter Köcher durch die Krippenausstellung in Telgte im Bistum Münster – und findet immer wieder neue Fragen, Gedanken und Begegnungen. Daraus ergeben sich Tipps für Eltern und Großeltern.

Wenn im Telgter Museum Religio die Türen zur großen Krippenausstellung aufgehen, beginnt für Dieter Köcher jene Zeit im Jahr, in der Termine knapp werden. Dann füllt sich sein Kalender im Nu – Vorbereitung, stille Rundgänge am frühen Morgen, Gruppenführungen. Lampenfieber kennt er nicht, Routine aber ebenso wenig. Seit fast dreißig Jahren begleitet der frühere Berufssoldat, heute 79 Jahre alt, Besucherinnen und Besucher durch die jährlich wechselnden Ausstellungen. Niemand im Team ist so lange dabei. Und kaum jemand spricht mit einer solchen Mischung aus Ruhe, Sachkenntnis und persönlicher Verbundenheit über das, was diese Ausstellung jedes Mal neu erzählt: die Geburt eines Kindes und die Sehnsucht der Menschen, darin ihr eigenes Leben gespiegelt zu sehen. 

Maria und Josef

 

„Ich hatte schon immer großes Interesse an Geschichte und Theologie“, sagt Köcher. „Die Feste des Kirchenjahres haben mich früh fasziniert.“ Die Wurzeln dafür liegen in seiner Kindheit. Während der Sommerferien schickten ihn die Eltern zur Stadtranderholung. Betreut von Müttern und einigen Geistlichen, erlebte er dort Gemeinschaft, Nähe, ein Gefühl von Verbundenheit, das ihn bis heute begleitet. Vielleicht erklärt das, warum er ausgerechnet in der Krippe – dieser einfachen, oft kleinen Szene – etwas Größeres erkennt: „Mich fasziniert das wehrlose Kind. Für mich ist es ein Symbol der Offenheit, der Unschuld, etwas, das nichts Böses kennt und offen in die Welt schaut.“ 

Jede Führung ist ein Austausch

Wer Köcher auf einem Rundgang erlebt, merkt schnell: Für ihn ist jede Führung ein Austausch. „Es ist ein Geben und Nehmen“, sagt er. „Ich gebe meine Erfahrungen weiter, und die Besucher schenken mir ihre Neugier.“ Fast 1000 Gruppen hat er begleitet, rund 4000 Krippen vorgestellt, auf Details hingewiesen, die leicht zu übersehen wären. Manche Bilder haben sich tief eingeprägt. Etwa jene Krippenfigur, die eine Künstlerin aus Draht schuf: eine schwangere Maria, der Blick frei auf das Kind in ihrem Leib. „Dieses Motiv geht mir nicht aus dem Kopf“, sagt er. 

Viele Gäste kommen mit festen Vorstellungen: Maria und Josef im Stall, Hirten knien davor, Ochse und Esel im Hintergrund, darüber schwebt ein Engel. Die Geschichte ist seit zweitausend Jahren dieselbe – doch die Ausdrucksformen haben sich verändert. Besonders in den vergangenen Jahrzehnten ist die Krippe zu einem Ort künstlerischer Auseinandersetzung geworden. Im Religio lässt sich das jedes Jahr neu erleben. Da steht zum Beispiel eine Schubkarre voller Bauschutt: Betonbrocken wie aus einer zerbombten Stadt, darin ein Kind auf zerknülltem Papier, darüber der Stern von Betlehem. Eine Szene, die mehr Fragen stellt als beantwortet. 

Für Köcher liegt der Wert der Ausstellung nicht darin, dass sie traditionelle Erwartungen erfüllt, sondern dass sie den Blick weitet. „Zu Weihnachten feiern wir die Geburt eines Kindes. So etwas geschieht jeden Tag, überall auf der Welt.“ Dieser Gedanke fasziniert ihn – ebenso die Erfahrung, dass die Geburt Jesu Menschen weltweit verbindet. Oft hört er den Satz: „Das ist ja interessant, darüber muss ich mal in Ruhe nachdenken.“ 

Das Wissen um die Hintergründe nimmt ab

Damit solche Gespräche entstehen können, bereitet sich Dieter Köcher sorgfältig vor. Vor der Eröffnung geht er mehrfach allein durch die Räume, lässt die Exponate auf sich wirken, ordnet sie innerlich ein. Jede Ausstellung steht unter einem eigenen Thema – in diesem Jahr „Hoffnung“ – und verlangt neue Zugänge. Die Museumspädagogin gibt Impulse, doch Köcher liest sich zusätzlich ein, sucht Verbindungen in die Gegenwart. „Ich muss ja für mich eine Wertung festlegen“, sagt er. Bei über hundert Krippen könne er nicht überall gleich ausführlich verweilen. 

Was ihm in den letzten Jahren auffällt: Das Wissen um die biblischen Hintergründe nimmt ab. „Natürlich wissen die Besucher, worum es geht – um die Geburt Jesu. Aber bei den Details müssen viele passen.“ Ein Beispiel zeigt er gerne: Zwei Frauen stehen einander gegenüber, beide sichtbar schwanger. Sie scheinen etwas Dringliches zu besprechen. Viele erkennen die Szene nicht. „Maria begegnet Elisabet, der Mutter von Johannes dem Täufer“, erklärt Köcher dann. „Diese Begegnung leitet im Lukasevangelium die Weihnachtsgeschichte ein.“ Ein Moment, der häufig überrascht – und neue Blickweisen eröffnet. 

Es ist wohl genau das, was Dieter Köcher all die Jahre motiviert: die Gewissheit, dass in den kleinen Szenen der Krippen etwas Lebendiges weitergetragen wird. Für ihn liegt darin ein Auftrag, der nie zur Routine wird. „Es ist eine große Chance, die einmalige Geschichte von Weihnachten immer wieder neu zu erzählen und die Menschen damit zum Nachdenken anzuregen. Denn in jedem von uns steckt eine tief verwurzelte Spiritualität.“ Wenn Besucherinnen und Besucher vor einer Darstellung innehalten, wenn sich ein Gedanke öffnet oder eine Erinnerung wach wird, dann, sagt Köcher, „hat die Krippe ihren Zweck erfüllt“.

Bis zum 25. Januar ist die Krippenausstellung im Telgter Museum Religio geöffnet. Künstlerinnen und Künstler haben unter dem Motto „Hoffnung“ rund 100 Krippen gestaltet. Informationen über Öffnungszeiten, Veranstaltungen und begleitende spirituelle Impulse auf der Homepage.

 
Stefan Branahl

Kinder sollten eingebunden werden, wenn zu Hause die Weihnachtskrippe der Familie aufgebaut wird. Tipps für Eltern und Großeltern: 

• „Jede Figur erklären.“ Welche Rolle spielen die Hirten? Warum stehen Ochse und Esel dabei? Warum kommen die Heiligen Drei Könige erst später dazu? Welche Botschaft verkündet der Engel?

• „Hintergründe erzählen.“ Warum kommt das Jesuskind in einer Krippe zur Welt und nicht im Krankenhaus? Warum bekommen wir die Geschenke und nicht Jesus?

• „Den Blick auf die Details lenken.“ Hält Josef eine Laterne in der Hand oder hat er beschützend den Arm um Maria gelegt? Schaut ein Hirte neugierig durch das Fenster oder beobachtet er staunend den Engel? 

• „Bezüge herstellen.“ Wie war es bei deiner Geburt? Wem haben wir gleich davon erzählt? Wer hat dich auf den Arm genommen? Welches Foto haben wir gemacht?