Interview zum Schwerpunkt Ordensfrauen im Internet
„Das Klosterleben wird romantisiert und idealisiert“
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In Filmen und Serien wie "Um Himmels Willen" wird das Klosterleben gerne thematisiert
Warum sind Nonnen in sozialen Netzwerken zurzeit so beliebt?
Viele Menschen glauben noch immer, dass Nonnen und Mönche wie im Mittelalter leben. Wenn sie dann Soziale Medien nutzen, ist das interessant. Die Ordensleute haben ihr Leben total Gott gewidmet – und sie unterscheiden sich damit stark von anderen Menschen, die sich in den sozialen Netzwerken präsentieren. Wenn man auf TikTok mit einem Habit erscheint, bekommt man schnell und einfach Aufmerksamkeit. Dieses Spiel mit den Kontrasten ist bei Frauen sogar noch wirksamer als bei Männern.
Ist die Beliebtheit von Ordensleuten nur ein modernes Phänomen?
Nein. Schon seit dem 19. Jahrhundert wird das Klosterleben romantisiert und idealisiert – als andersartige Lebensform außerhalb der Welt. Filme wie „Der Name der Rose“ haben dieses Bild verstärkt. Viele Menschen denken gerne, dass Ordensleute antimodern leben. Weil dieses Denken ihnen Sicherheit gibt.
Inwiefern?
In einer Gesellschaft, die sich vor allem technisch immer schneller entwickelt, geben Orte, die sich scheinbar nicht entwickeln, ein Gefühl von Sicherheit. Sie gelten als Orte der Entschleunigung – als eine stille Gegenwelt zum hektischen Alltag. Deswegen gibt es immer mehr Leute, die ein paar Tage im Kloster verbringen möchten – auch solche, die überhaupt nicht gläubig sind. Dabei ist das Klosterleben in Wahrheit oft gar nicht so entschleunigt, wie viele denken.
Warum nicht?
Die Arbeit der Mönche und Nonnen wird immer mehr, während sie selbst immer weniger werden. Die Menschen in den Ordensgemeinschaften sind selbst oft gestresst. Das tatsächliche Leben der Nonnen entspricht nicht der Wahrnehmung der Gesellschaft.
Was haben Nonnen mit anderen Influencern gemeinsam, die sich in den sozialen Netzwerken präsentieren?
Bei Influencern mag das Publikum, dass etwas enthüllt wird, das man nicht kennt – das geheim war. Und genau das sind die Klöster für viele: eine geheime Welt. Die Faszination für die Nonnen auf Social Media kommt von der Vorstellung, man habe einen echten Einblick in ihr Privatleben und eine persönliche Verbindung zu ihnen.
Wie sollten die Nonnen damit umgehen?
Sie sollten sich bewusst machen, dass Menschen denken, sie hätten eine enge Beziehung zu ihnen – und müssen es vermeiden, mit ihren Emotionen zu spielen. Sie wollen ja eine spirituelle Botschaft vermitteln, nicht die Gefühle des Publikums ausnutzen. Sie sollten sich fragen, was ihnen wichtiger ist: die Person oder die Botschaft? Und ihnen sollte klar sein, dass sie Verantwortung tragen.
Wofür?
Wenn eine Nonne im Habit auftritt, trägt sie das Bild einer ganzen Gemeinschaft nach außen. Das heißt, die ganze Gemeinschaft muss hinter einem Social-Media-Projekt stehen. Sonst droht das Projekt, die Autorität der Gemeinschaft infrage zu stellen.
Kann der Nonnen-Hype auch Vorteile haben?
Es ist auf jeden Fall etwas Positives, wenn Nonnen online sind. Das normalisiert das Bild von ihnen und beweist: Das sind normale Menschen. Wenn sie ihr Alltagsleben im Kloster zeigen, werden sie zugänglicher. Das kann auch positive Wirkungen auf den Nachwuchs haben.
Inwiefern?
Jugendliche, die diese Videos sehen, stellen sich vielleicht die Frage: Könnte ich nicht selbst auch ins Kloster eintreten? Durch meine Feldforschungen und Umfragen in Klöstern weiß ich, dass viele Leute, die ins Kloster eintreten, die Gemeinschaft online kennengelernt haben.
Werden Nonnen uns in Sozialen Medien künftig immer häufiger begegnen?
Ich glaube, es gibt einen Imitationseffekt. Und Nonnen denken sich: Die Nonnen dort in dem Kloster machen das, dann können wir das doch auch machen. Damit wir auch sichtbar werden. Und das ist notwendig. Denn die Krise der Berufungen war selten so schlimm wie jetzt.